Seit 20:05 Uhr Deutschlandfunk aktuell
Donnerstag, 23.09.2021
 
Seit 20:05 Uhr Deutschlandfunk aktuell
StartseiteDie neue PlatteGipfelpunkte der delikaten Hausmusik11.07.2021

Rados und Gerstein spielen MozartGipfelpunkte der delikaten Hausmusik

Zwei begnadete Pianisten spielen vierhändig Mozart-Klaviersonaten, sie sind Mentor und Schüler. Vielleicht ist es Kirill Gerstein deshalb gelungen, Ferenc Rados ins Studio zu holen. Für unsere Kritikerin steht fest: Es hat sich gelohnt.

Am Mikrofon: Mascha Drost

Schwarz-Weiß-Aufnahme zweier Männer, der linke deutlich jünger als der rechte, die an der Klaviatur eines Flügels sitzen. Der ältere Herr schaut nach unten, der linke zur Seite seinem Nachbarn ins Gesicht. (Kaupo Kikkas)
Atmen und bewegen sich synchron beim gemeinsamen Klavierspiel: Kirill Gerstein (l.) und Ferenc Rados. (Kaupo Kikkas)
Mehr zum Thema

Kammermusik von Johannes Brahms Wer die Nachtigall hört

Thomas Søndergård und das Dänische RSO Mozart, von Sibelius umrahmt

Musik: Mozart - Sonate C-Dur KV 521, I. Allegro

Ferenc Rados und Kirill Gerstein – 65 Jahre liegen zwischen den beiden Pianisten, zwischen Mentor und Schüler; ein gefeierter Konzertpianist der eine, der andere hält sich seit Jahrzehnten von der großen Bühne fern.

Kirill Gerstein hat geschafft, was viele vor ihm vergeblich versucht hatten – er hat Ferenc Rados aus der Reserve und ins Studio gelockt. Beide haben zwei Mozart Sonaten für vier Hände aufgenommen – ein großer Wurf, soviel sei verraten!

Musik: Mozart - Sonate C-Dur KV 521, I. Allegro

Kirill Gerstein kennt man als einen der großen Pianisten der jüngeren Generation – Ferenc Rados dagegen ist, wenn dann, als "Lehrer von" bekannt: Von Pianisten wie András Schiff oder Zoltán Kocsis, aber auch von Streichern wie dem Cellisten Steven Isserlis oder dem Geiger Leonidas Kavakos.

Ein Zustand der Mordlüsternheit

Ferenc Rados, Jahrgang 1934, ist eine ungarische Musikerlegende und legendär sind auch die Geschichten, die man sich über ihn erzählt: Ein Mann mit einer unbestechlichen Abneigung gegen alles Unechte, Glatte, oberflächlich Wirkungsvolle. Man sollte ihn nicht um Lachen bringen – denn wo andere tadeln, beginnt er erst zu kichern und, wenn man Pech hat, in höllisches Gelächter auszubrechen. Übersetzt heißt das für den Schüler: Schlimmer geht’s nicht.

Auch Kirill Gerstein musste einiges über sich ergehen lassen: Den ersten Unterricht beschreibt er im Booklet als "angenehm desillusionierende Erfahrung" - Rados sei nach seinem Spiel in einen Zustand der Mordlüsternheit geraten. Aber es wurde besser – und Rados zum einflussreichsten Mentor in Gersteins pianistischer Laufbahn, bis heute ist er das geblieben.

Musik: Mozart - Sonate C-Dur KV 521, I. Allegro

Ein Dialog auf Augenhöhe ist diese für beide Spieler virtuose Sonate – die ansonsten übliche Hierarchie zwischen Secondo und Primo, Begleitung und Oberstimme, ist aufgehoben. Es ist eine sehr muntere Unterhaltung, die Ferenc Rados und Kirill Gerstein da führen: Der Jüngere spielt den Primo-Part etwas ausgelassener, verspielter und selbstbewusster, was improvisierte Verzierungen betrifft – aber der Ältere lässt seinen Schüler großzügig glänzen, unterstützt dessen Wendigkeit mit einem zwar in sich ruhenden aber doch hellwachen musikalischen Fundament. Vier Hände spinnen zwei Fäden zu einer Geschichte.

Musik: Mozart - Sonate C-Dur KV 521, III. Allegretto

Das Schwierigste: kunstvolle Einfachheit

Das Kind im Paradies – dieses Bild findet Kirill Gerstein für den Finalsatz der C-Dur Sonate. Ein schlichtes Ritornell, eine Idylle, die allerdings kein Zuviel an Gestaltung verträgt.

Ferenc Rados und Kirill Gerstein gelingt das Schwierigste - eine kunstvolle Einfachheit. Der natürliche Liebreiz dieses Satzes braucht keine Kosmetik, keine Effekte – für Abwechslung sorgt Mozart in seinem Paradies schon ganz allein.

Musik: Mozart - Sonate C-Dur KV 521, III. Allegretto

Dieser Aufnahme voraus ging ein Konzert im Mozarteum Salzburg 2016. Bis zur letzten Sekunde war unklar, ob der skrupulöse und überaus selbstkritische Ferenc Rados nicht doch einen Rückzieher machen würde. Eine Zitterpartie, aber nur im Vorfeld – auf einem Video der F-Dur Sonate KV 497, das in Salzburg gedreht wurde, sieht man zwei Pianisten, die mit größter Selbstverständlichkeit, Ruhe und engstens verbunden miteinander musizieren. Die Oberkörper bewegen sich synchron, es wird gemeinsam geatmet, als wären sie ein fühlender Organismus.

Musik: Mozart - Sonate F-Dur KV 497, I. Adagio - Allegro di molto

Altmodisch in bester Weise

Ein Gegenstand, den Ferenc Rados sicher nicht einmal anfassen würde, geschweige denn benutzen, ist das Metronom: Sein Spiel ist voller Freiheiten, Rubati, und doch erwächst alles auch einer natürlichen Bewegung der Musik heraus.

Von außen mag Ferenc Rados wie ein nicht ganz umgänglicher Exzentriker wirken, sein Spiel aber verrät nichts davon. Steven Isserlis attestiert Rados einen unerbittlichen Röntgenblick, der bis ins Innerste eines Werkes schaut. Aber seine Interpretationen sind das Gegenteil von klinisch – sie sind hochpersönlich, altmodisch in bester Weise, wenn man an die Großzügigkeit denkt, mit der er manchmal über Vortragsbezeichnungen des Komponisten hinweggeht. Aber wer sich ein Werk so zu eigen macht, ohne die Spur von Eitelkeit, dafür so sprechend und gleichzeitig beseelt wie der mittlerweile 92-jährige Rados, ist gegen jeden Vorwurf künstlerischer Anmaßung gefeit.

Musik: Mozart - Sonate F-Dur KV 497, II: Andante

Gipfelpunkte der Hausmusik nennt Kirill Gerstein diese beiden Sonaten - fast möchte man sie gegen den etwas piefigen Beigeschmack, der dem Wort Hausmusik anhaftet, in Schutz nehmen – aber diese Gipfelpunkte haben eben nichts mit Hausmannskost zu tun, sondern sind eine Delikatesse. Brillant die C-Dur Sonate, etwas dunkler im Timbre, mit wunderbaren Mollschattierungen die F-Dur Sonate. Musikalisch und zeitlich stehen sie zwischen Figaros Hochzeit und Don Giovanni, und wie so viele Werke Mozarts sind es eigentlich konzertante Bühnenwerke. Ein vielstimmiges Ensemble unterschiedlichster Charaktere, der in dieser Aufnahme ganz wunderbar zum Leben erweckt werden.

Musik: Mozart - Sonate F-Dur KV 497, III. Allegro

Zwei Pianisten, aus zwei Generationen, spielen zwei Mozart Sonaten für vier Hände – Kirill Gerstein und Ferenc Rados mit den beiden späten Sonaten KV 497 und 521.

Mozart
Klaviersonaten zu vier Händen: F-Dur KV 497 & C-Dur KV 521
Ferenc Rados, Klavier
Kirill Gerstein, Klavier
Label: Myrios Classics
MYR029

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk