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StartseiteSport am WochenendeWarum Jumbo Visma die Tour de France dominiert13.09.2020

RadsportWarum Jumbo Visma die Tour de France dominiert

Die Wachablösung im Radsport ist im vollen Gange. Das niederländische Team Jumbo Visma gibt bei der Tour de France in den Bergen den Takt an. Und sein Kapitän Primoz Roglic fährt im gelben Trikot und zwingt Titelverteidiger Egan Bernal zu Durchhalteparolen. Das hat mehrere Gründe.

Von Tom Mustroph

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Primoz Roglic aus Slowenien bei der Tour de France.  (Thibault Camus/AP/dpa)
Der Slowene Primoz Roglic führt die Gesamtwertung der Tour de France an. Ketone-Drinks und seine Vergangenheit als Skispringer könnten die Gründe dafür sein. (Thibault Camus/AP/dpa)
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Dieser Mann lässt keine Gelegenheit aus. Selbst im Mittelgebirge des Zentralmassiv nahm Primoz Roglic dem Gros seiner Rivalen Zeit ab. Die Abstände sind zwar noch nicht riesig. Gerade einmal eine Minute liegt Egan Bernal zurück. Aber der Kolumbianer klingt schon ziemlich resigniert. "Auf den letzten paar Hundert Metern war ich leer, und ich verlor ein paar Sekunden. Ich habe ziemlich leiden müssen, um den Rückstand so gering wie möglich zu halten", sagte er nach dem Ritt durch das Zentralmassiv.

Der Titelverteidiger wirkte physisch erschöpft und auch ein wenig ratlos. "Die anderen waren stärker als wir, und das müssen wir anerkennen. Chapeau. Jetzt müssen wir fokussiert bleiben, die Moral hochhalten und weiter kämpfen für das Gesamtklassement. Das ist die Tour de France, kein einfaches Rennen."

Das sind Durchhalteparolen, jetzt schon, zum Ende der zweiten Woche. Für Bernal und sein Team Ineos ist das ein doppelter Schock. Zum Einen wirkt Roglic als Fahrer stärker als Bernal. Und Jumbo Visma, das Team von Roglic, tritt auch wesentlich geschlossener auf als Ineos. Die Jumbo-Mannen strotzen daher vor Selbstbewusstsein. Edelhelfer Tom Dumoulin, selbst immerhin Giro-Sieger: "Meine Erwartung ist, dass wir auch in der letzten Woche so stark sein werden wie in der ersten. Wir haben das stärkste Team hier bei der Tour. Wir waren sehr dominant. Jetzt haben wir das gelbe Trikot. Wir haben die Kraft, das Rennen zu kontrollieren."

Stärke bereits angedeutet

Angedeutet hatte sich diese Stärke bereits im letzten Jahr. Bei der Tour de France 2019 war Jumbo Visma bereits ein fast ebenbürtiger Herausforderer, brachte Steven Kruijswijk immerhin auf Platz 3 im Gesamtklassement und sprengte an einigen Tagen den Ineos-Zug. Die nächste Stufe wurde dann bei der Vuelta gezündet. Roglic gewann sehr souverän und zeigte, dass er starke Teamarbeit vollenden kann. Sein Rennstall hat sich insgesamt weiterentwickelt, während Ineos stagniert.

Egan Bernal und Geraint Thomas auf ihren Rädern. Sie lachen beide. (AP Photo/Michel Euler) (AP Photo/Michel Euler)Auf den Gipfeln zu Hause
Egan Bernal, der Titelverteidiger der Tour de France, stammt aus Kolumbien. Insgesamt sind zehn Kolumbianer bei der Tour dabei. Sie sind bekannt als waschechte "Kletterer".

So ist diese Ansage von Primoz Roglic auch völlig logisch. "Es ist definitiv unser Ziel, das Gelbe Trikot in Paris zu haben. Aber mit unseren Leistungen, mit unserer Art, Rennen zu fahren, haben wir es uns auch schon jetzt verdient. Und ich bin einfach stolz, es auch jetzt zu haben."

Eine Ursache des Aufstiegs liegt sicher auch im Konsum von Ketone-Drinks. Die sollen scheußlich schmecken, geben selbst ihre Erfinder zu. Ketone werden aus dem Fett der Leber gebildet. In der Medizin hofft man darauf, dass Ketone bei Krankheiten wie Multipler Sklerose Heilungsprozesse beschleunigen können. Bei Ausdauersportlern haben Ketone den Effekt, Erschöpfungszustände vor allem bei mehrwöchigen Belastungen zu lindern. Das fanden Tests des belgischen Wissenschaftlers Peter Hespel im Frühjahr 2019 heraus. Hespel forscht an der sogenannten Bakala-Akademie, finanziert durch Zdenek Bakala, Hauptgeldgeber des belgischen Radrennstall Deceuninck Quickstep. Die Mannen um den eminent erfolgreichen Julian Alaphilippe haben Ketone im Ernährungsplan. Das Konkurrenzteam Jumbo Visma aus dem Nachbarland Belgien aber auch. Sie schlossen damit zu Branchenführer Ineos auf.

2016 publizierte eine Forschergruppe aus Oxford um die Wissenschaftlerin Kieran Clarke ihre Ketone-Studie. Clarke war auch an der Gründung der Firma HVMN beteiligt, die Nahrungsergänzungmittel auf Ketone-Basis vertreibt. Weder Clarke noch ihr niederländischer Kollege Hespel reagierten auf Interviewanfragen vom Deutschlandfunk. In einem Werbevideo der Firma HVMN äußerte sich Clarke aber sehr offen über ihre Forschung. Seit 1993 beschäftigt sie sich schon damit. "Wir bekamen ein Stipendium von der US Army, um einen Ketone-Drink zu entwickeln. Und das machten wir", erklärte sie in dem Video.

Es gab auch zivile Ketone-Abnehmer

US-Soldaten sollten länger kämpfen können. Es gab aber auch andere, zivile Abnehmer. "Es war damals noch nicht kommerziell verfügbar. Aber wenn Leute zu mir nach Oxford kamen und danach gefragt haben, dann sagte ich ihnen, dass ich zwar nicht genau weiß, ob es wirkt, aber sie konnten es natürlich ausprobieren. Und das haben sie gemacht."

Probierpäckchen landeten auch bei britischen Spitzenathleten. Clarke nannte bisher keine Namen. Dem Branchendienst cyclingnews steckte sie immerhin, dass bereits im Jahr 2012 Radsportler sowie Olympiateilnahmer anderer Disziplinen in London auf Ketone zurückgegriffen haben. Bei den Spielen holten Sportler des Gastgeberlandes 29 Goldmedaillen, genausoviel wie Deutschland, Frankreich, Spanien und die Wunderläufernation Äthiopien zusammengenommen. 2012 begann mit Bradley Wiggins auch die Siegesserie des britischen Rennstalls Sky, heute Ineos, bei der Tour de France.

Der Norweger Alexander Kristoff bei der zweiten Etappe der Tour de France 2020 am 30.08.2020 im Gelben Trikot des Führenden. Die Etappe führt über 186 km mit Start und Ziel Nizza.   (imago images / Belga) (imago images / Belga)Die Tour de France justiert bei den Corona-Regeln nach
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Jumbo Visma nutzt mindestens seit 2019 Ketone. Ob bei Roglic die Ketone besonders gut anschlagen, ist bislang nicht bekannt. Der ehemalige Skispringer ist aber auch aus anderen Gründen gut. Sein früherer Leistungsdianostiker Radoje Milic aus Ljubljana ist jedenfalls überzeugt, dass Roglic die früheren Trainings- und Wettkampfjahre im Skispringen auch jetzt noch physisch wie mental helfen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass er sein ganzes Leben lang Kraft und Explosivität trainiert hat. Das ist seine Hauptqualität. Und zweitens hat er sich total dem Sport verschrieben. Er ist ein Asket."

Milic hält Pogacar für noch talentierter

Milic hatte auch den zweiten slowenischen Star, Tadej Pogacar, aktuell Gesamt-Zweiter, an seinen Leistungsmessgeräten. Ihn hält er für noch talentierter als Roglic. Drei weitere junge Slowenen mit ähnlichem Potenzial habe er mittlerweile auch schon gesichtet, teilte er diese Woche dem Deutschlandfunk mit. Namen wollte er aber nicht verraten.

Die Slowenen, die man schon kennt, genießen jedenfalls die Fahrt ganz vorn. "Für mich ist es einfach sehr schön, zu sehen, das hier zwei Slowenen so gut Rad fahren in Frankreich. Das ist schon verrückt, ein Land mit 2 Millionen Leuten hat die beiden besten Fahrer im Moment auf der Welt", meinte Roglic.

Trotz aller offenkundiger Sympathie für seinen Landsmann will er ihm aber nicht den Vortritt lassen. Das stellte der Mann in Gelb auch klar. "Er ist ein supernetter Kerl. Aber das heißt nicht, dass wir ihn einfach gewinnen lassen. Es ist auch ein Kampf zwischen uns."

Mit seinem Dominanz-Team Jumbo Visma und seiner Stärke im Zeitfahren liegt Roglic insgesamt im Vorteil.

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