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StartseiteSport am WochenendeErfolgreich auf und neben der Bahn16.04.2017

Radsportlerin Kristina VogelErfolgreich auf und neben der Bahn

Sie ist die erfolgreichste Radsportlerin, die Deutschland je hervorgebracht hat, hat bei der diesjährigen Bahnrad-WM gleich zwei Mal Gold geholt und ist nun auch noch zur Athletenvertreterin gewählt worden: Kristina Vogel ist ehrgeizig - und will sich einmischen.

Von Holger Gerska

Kristina Vogel bei der Bahnrad-WM 2017 in Hongkong. (Imago)
Hat bei der Bahnrad-WM vom 12. bis 16. April 2017 nicht nur einmal gejubelt: Kristina Vogel. (Imago)
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Es war wieder eine Kristina-Vogel-WM. 14 Medaillen hat sie jetzt insgesamt bei Weltmeisterschaften gewonnen, neun davon aus Gold. Dazu kommen zwei Olympiasiege. Sie ist schon mit 26 Jahren die erfolgreichste Radsportlerin, die Deutschland je hervorgebracht hat - nicht nur auf der Bahn.

Hier in Hongkong kam noch ein klarer Wahlsieg hinzu. Immerhin 85 der 196 WM-Starter kreuzten bei der Wahl des Athletenvertreters den Namen Kristina Vogel an, das sind reichlich 43 Prozent. Die zweitplatzierte Neuseeländerin Natasha Hansen bekam gerade mal die Hälfte der Stimmen. Ab jetzt also ist Kristina Vogel gemeinsam mit dem Belgier Kenny de Ketele als Vertreter der Männer eine Art Botschafterin ihres Sports. Und sie vertritt die Athleten-Interessen gegenüber dem Weltradsportverband UCI:

"Ja, wir müssen erstmal sehen, wie es überhaupt funktioniert mit der Kommission. Ist natürlich auch ganz neu für mich. Wie die UCI uns überhaupt agieren lässt. Es ist immer so eine Sache, wenn ein paar Athleten entscheiden, was ist. Es sind einige Sachen die ich möchte, die es für den Zuschauer schöner und für die Radsportler fairer macht."

Kristina Vogel will sich einmischen

Und dann geht sie ins Detail. Spricht über stressige Zeitpläne, aufgeblähte Veranstaltungen und unnötige Zwischenläufe. Sie kennt sich aus und wird sich einmischen mit der neuen Athletenkommission. Gemessen an ihren sportlichen Erfolgen sind die Deutschen in den diversen Gremien des Weltradsportverbandes ohnehin unterrepräsentiert. Seitdem vor 12 Jahren Sylvia Schenks Versuch, UCI-Präsidentin zu werden, an der Männergesellschaft des Verbandes scheiterte, gab es für den jetzt von Rudolf Scharping geführten Bund Deutscher Radfahrer wenig Platz in den Gremien:

"Wir sind ja als deutscher Radsport mittlerweile international wieder besser vertreten als vor ein paar Jahren als das Doping-Thema uns so alles verhagelt hat. Aber es ist ein Vertrauensbeweis, zunächst für Kristina Vogel ganz persönlich, aber sicher auch für den deutschen Radsport."

Etwas für ihren Sport tun, das steckt ganz tief in Kristina Vogels DNA. Schon vor den Olympischen Spielen betonte sie, dass es ihr in Rio nicht nur um den persönlichen Erfolg, sondern auch um Promotion für den eigenen Sport geht. Die Chance, sich und ihren Sport vor Millionen deutschen Fernsehzuschauern zu präsentieren gibt es eben nur bei Olympischen Spielen. Dank der Zeitverschiebung erlebten tatsächlich in Deutschland acht Millionen ihren Sprint-Olympiasieg mit und werden Kristina Vogel immer mit dem abgebrochenen Sattel in Verbindung bringen:

"Eigentlich bin ich ganz dankbar, weil es hat dem Bahnradsport doch ein bisschen Presse gegeben zu Hause. Man weiss jetzt, wer ich bin. Auch wenn ich mich manchmal vorstellen muss: "Ich bin die mit dem Sattel!". Aber es kann dem Bahnradsport nicht schaden. Den Schaden haben wir beseitigt - und so was sollte nie wieder passieren."

Äußerungen über Leistungsexplosion der Briten in Rio

Ob sich Kristina Vogel - jetzt als Athletensprecherin - jemals wieder mit Kritik am Radsport-System Großbritannien aus dem Fenster lehnt, wird spannend zu beobachten sein. Ihre Äußerungen zur merkwürdigen Leistungsexplosion der Briten in Rio sorgten für ein bemerkenswertes Echo:

"Also erstmal habe ich die Briten niemals des Dopings bezichtigt, was dann im Nachhinein mir in die Lippen gelegt worden ist. Aber definitiv es ist so: Man kann die Uhr danach stellen. In drei Jahren wachen die wieder auf und führen uns wieder vor. Irgendwie müssen es die anderen halt schaffen, das auch so zu machen."

Im Übrigen stand auch der Name Kristina Vogel schon in Doping-Schlagzeilen. 2012 als in Erfurt die unzulässigen Blutbehandlungen mit UV-Strahlung publik wurden. Damals versicherte sie offensichtlich überzeugend, diese Methoden nicht angewandt zu haben. Trotzdem stand ihr Name in den Patientenlisten. Allerdings vor 2011, als diese Bestrahlungen noch nicht explizit verboten waren.

Was das Großbritannien-Thema betrifft, behielt sie übrigens recht: Nach den erdrutschartigen Erfolgen von Rio schaffte das Team GB hier in Hongkong in den zehn olympischen Disziplinen nur eine einzige Medaille. In Brasilien waren es 6 x Gold, 4 x Silber und 1 x Bronze. Kopieren die anderen diese ausschließliche Konzentration auf Olympische Spiele sind Weltmeisterschaften irgendwann komplett entwertet. In Deutschland geht das ohnehin nicht. Auch Kristina Vogel muss jedes Jahr ihren Kader-Status neu nachweisen, was sie heftig kritisiert:

"Wir müssen einfach jedes Jahr so viel Leistung bringen, dass es anderen Nationen, die den Focus auf einen Vierjahres-Zyklus legen leichter fällt, auf vier Jahre zu arbeiten und den Aufbau anders machen zu können. Ich finde da sind Deutsche, vor allem auch Bahnradsportler halt benachteiligt."

Erste Schritte in der Sportpolitik

Im Übrigen wäre Kristina Vogel mit ihren Erfolgen in dieser Sportart als Britin eine Art Nationalheldin. Multi-Millionärin und Stammgast bei der Queen wie ihre langjährige Rivalin Victoria Pendleton. Aber Kristina Vogel ist eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben als Sportlerin in Deutschland, eigentlich. Denn irgendwie wünscht sich Kristina Vogel doch manchmal britische Verhältnisse:

"Ich glaube endlich müssten die Politiker mal aufhören zu erzählen und stattdessen mehr Geld geben. Es kann nicht sein, dass wir so viele gute Leute haben, die auf freiwilliger Basis arbeiten. Es fehlt hier und da an Trainerstellen, teilweise sind die Olympiastützpunkte schlecht ausgerüstet. Also: Geld ist einfach die Sache. Man kann nicht Gold wollen und aber nichts dafür fördern. Es klingt böse, aber es ist so. Trainer kosten Geld, Wissenschaft kostet Geld, Räder kosten Geld. Klar, es heißt natürlich nicht: Wenn man jetzt für sechs, sieben Millionen Euro mehr dieses Sportsystem fördert, dass dann mehr Gold rauskommt. Aber das ist mal ein Weg."

Es ist auch ein spannender Weg, den Kristina Vogel einschlägt. Die ersten Schritte in der Sportpolitik. Sie wird ihre Meinung offen vertreten, auch gegenüber dem Chef des Weltradsportverbandes. Der Präsident der UCI Brian Cookson übrigens ist - Brite.

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