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StartseiteInformationen am MorgenCoronakrise als Beschleuniger der Verkehrswende02.06.2020

Radwege und Spielstraßen in BerlinCoronakrise als Beschleuniger der Verkehrswende

In Berlin entstehen gerade an vielen Orten sogenannte Pop-up-Radwege und temporäre Spielstraßen. Dort werden Autospuren zu Radwegen und Kinderspielplätzen. Begünstigt wird das auch durch die Abstandsregelungen durch Corona – es gibt aber auch Widerstände.

Von Claudia van Laak

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Ein Pop-up-Radweg in Berlin (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
Ein Pop-up-Radweg in Berlin (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
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Morgens um acht an der Frankfurter Allee im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Auf drei Spuren drängelt sich der Autoverkehr in Richtung Alexanderplatz. Zwei Einsatzfahrzeuge vom Straßendienst – die Warnlichter auf dem Dach leuchten gelb – versperren die rechte Spur. Männer in neonfarbenen Westen steigen aus, markieren die Fahrspur mit knallgelben breiten Streifen. Dann noch die Metallschablone mit dem Fahrradlogo aus dem Fahrzeug geholt, auf den Asphalt gelegt und mit neongelber Farbe ausgesprüht. Zack. Fertig ist der neue Radweg.

Henning Voget vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) nickt zustimmend: "Längst überfällig. Seit vielen Jahren haben wir den Druck, dass der Radverkehr hochgradig gefährdet ist und umgekehrt auch den Fußgängerverkehr gefährdet. Und es ist längst überfällig, die Flächen umzuverteilen, damit die Frankfurter Allee etwas sicherer wird."

Erste Pop-up-Radwege entstehen

Auch Anwohner Chris Lopatta ist vor Ort, in der rechten Hand hält er einen Strauß Tausendschön. Den bekommt jetzt Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann überreicht – zum Dank für den neuen Radweg: "Blümchen! Vielen Dank. Wir sind sehr glücklich und man sieht ja, was hier los ist an Radfahrern, ist ja unglaublich. Das wird schon seinen Nutzen haben. Hoffen wir bloß, dass die Autofahrer nicht so rücksichtslos sind und das zuparken. Vielen Dank nochmal!"

"Das passiert in der Politik in der Tat nicht allzu häufig", freut sich die grüne Bezirksbürgermeisterin über die Blumen - im Gesicht trägt sie eine Maske exakt in Parteifarbe, am Rucksack hängt ein Fahrradhelm.

Radverkehr zu Zeiten der Corona-Pandemie. Eine Radfahrerin schützt sich mit einem Mundschutz vor einer Ansteckung mir dem Virus (picture alliance / dpa / Daniel Kubirski) (picture alliance / dpa / Daniel Kubirski)Fahrradsaison - Auf zwei Rädern durch die Krise
Die Sonne scheint – überall in Deutschland steigen die Menschen aufs Fahrrad. Sofern sie eines haben: Denn in vielen Bundesländern dürfen die Geschäfte zurzeit nur reparieren, nicht verkaufen. Vieles ist in diesem Fahrradfrühling anders als sonst.

Friedrichshain-Kreuzberg ist in der Coronakrise vorgeprescht, hat bereits elf Kilometer sogenannter Pop-up-Radwege eingerichtet. Man könnte auch sagen: den Autofahrern über Nacht eine Spur weggenommen.

"Eines der wichtigsten Gebote jetzt in der Pandemie ist ja die Abstandsregelung. Und das ist ja in der Tat an vielen Stellen nicht gewährleistet gewesen."

Mit den Pop-up-Radwegen schickt Friedrichshain-Kreuzberg die Fahrradfahrer auf die Straße. Konflikte zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern werden so entschärft. Mit Hass auf Autos hat das nichts zu tun, sagt die grüne Bezirksbürgermeisterin, "wir nutzen einfach die Gunst der Stunde":

"Die Gleichberechtigung, also dass überhaupt Raum auch den anderen zur Verfügung gestellt wird, darum geht es. Das hat einfach mit der Verteilung von öffentlichem Raum zu tun."

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Im Amtsdeutsch heißt das: "Einrichtung von pandemieresilienter Infrastruktur in Form von temporären Radverkehrsanlagen". Doch: Nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium. Das weiß auch Monika Hermann:

"Die bleiben. Es ist wie eine Baustellenanordnung für einen Radweg, der sowieso gebaut worden wäre. Das ist im Prinzip, was wir machen."

FDP ist gegen die Pop-up-Radwege

"Wenn man aus einem Provisorium probiert, etwas Langfristiges zu machen, was zudem nicht ordnungsgemäß ist, dann muss sich die Politik damit auseinandersetzen, was wir jetzt tun werden."

Schimpft Sebastian Czaja, liberaler Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus. Er hat als Treffpunkt die Kantstraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg vorgeschlagen – auch hier entsteht gerade ein sieben Kilometer langer Pop-up-Radweg.

"Wenn man sich das hier heute Morgen anschaut, dann sieht man genau, was hier absurd ist. Durchgezogene Linien, dahinter Parkplätze. Und deshalb ist es auch gut, dass all jene, die betroffen sind, auch beteiligt werden. Und das wurde hier einfach in Coronazeiten ausgesetzt."

Die FDP – sonst gerne für unbürokratische Lösungen bekannt – fordert ein umfangreiches Genehmigungsverfahren für den Radweg, bei dem alle Betroffenen beteiligt werden.

Radverkehr wird in Berlin Vorrang eingeräumt

Die Verantwortlichen dagegen verweisen auf das rot-rot-grüne Mobilitätsgesetz, das dem Radverkehr Vorrang gibt. Und die derzeit geltenden Abstandsregeln. Die Verkehrsverwaltung hat die Pop-up-Radwege bis Ende des Jahres verlängert, doch die FDP zweifelt an deren Rechtmäßigkeit, will sie vom wissenschaftlichen Dienst des Abgeordnetenhauses überprüfen lassen.

"Ich vermute, dass man hier die Coronakrise genutzt hat, um vielleicht sogar ganz schnell den öffentlichen Raum umzugestalten, dass man rein ideologisch vorgeht."

Corona macht es möglich: Die Stadt wird neu aufgeteilt. Mehr Platz für Radfahrer, aber auch für spielende Kinder in Neukölln, Friedrichshain und Kreuzberg. Jeden Sonntag verwandeln sich Auto- in Spielstraßen, am Lausitzer Platz in Kreuzberg zum Beispiel oder in der Lübbener Straße. Kitakinder lernen mitten auf der Straße Radfahren, andere üben auf ihrem Einrad oder Skaten. Ehrenamtliche Kiezlotsen schlichten mögliche Konflikte.

"Das heißt, wir achten darauf, dass keine Autos reinfahren und dass, wenn geparkte Autos rausfahren, dass wir sie im Schritttempo begleiten, dass die Kinder, die auf der Straße spielen, geschützt sind."

Kinder spielen auf Berlins erster temporären Spielstraße, in der Kreuzberger Böckhstraße, zwischen Graefe- und Grimmstraße. (dpa/Jörg Carstensen) (dpa/Jörg Carstensen)Verkehrs- und Stadtplanung - Kein Platz für Kinder
Die Menschen ziehen in die Städte – und das geht auf Kosten der Spielflächen für Kinder und Jugendliche. Berliner Zahlen zeigen einen Rückgang um ein Viertel in unter 20 Jahren. Bauherren drücken sich vor der Schaffung von Spielplätzen. Spielstraßen wären eine Lösung – doch dazu müssen die Autos weichen.

"Sie sperren jetzt hier die Straße, das finde ich unnormal. Ich habe hier mein Auto, außerdem eine Schwiegermutter, sie ist eine alte Frau. Wenn etwas passiert, ich muss sie wegbringen können. Aber die Straße ist gesperrt, das finde ich nicht gut, das ist meine Meinung."

Er könne doch im Schritttempo sein Auto aus der Parklücke fahren und seine Schwiegermutter wegbringen, versucht der Kiezlotse dem aufgebrachten Nachbarn zu erklären, doch der ist bereits wütend abgezogen.

Autonutzer in Friedrichshain-Kreuzberg müssen demnächst mit weiteren Einschränkungen rechnen. Nach Pop-up-Radwegen und Spielstraßen will der Bezirk Parkplätze in Außenterrassen für die Gastronomie umwidmen. Café- und Kneipenbesitzer sollen so vor der Pleite bewahrt werden.

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