Samstag, 22.09.2018
 
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Räumung im Hambacher ForstIst es das wert?

Die Polizei hat damit begonnen, Baumhäuser im besetzten Hambacher Forst im rheinischen Braunkohlerevier zu räumen. RWE fühle sich im Recht, dabei gehe es hier längst nicht mehr nur um den Wald, kommentiert Silke Hahne. Dass der Konzern die Symbolik hinter der Räumung ignoriert, sei unerträglich.

Von Silke Hahne

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Polizisten und Demonstranten stehen sich am 27.11.2017 im Hambacher Wald in Kerpen (Nordrhein-Westfalen) gegenüber.  (picture alliance / Marius Becker/dpa)
Der Hambacher Forst habe das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten, weil er ein Symbol für die Klimafrage sei, sagt Silke Hahne in ihrem Kommentar (picture alliance / Marius Becker/dpa)
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Steht man im Rheinischen Braunkohlerevier an der Abbruchkante einer beliebigen Fördergrube, kann einem der Gedanke schon kommen, ob die Menschheit noch bei Trost ist. Gigantische Maschinen reißen gigantische Löcher in unseren Lebensraum, die jedem Windpark Hohn spotten. 

Fährt man durch die Geisterdörfer, spricht man mit Menschen, deren Heimat abgebaggert wurde, hört man Geschichten, die sich ins Gedächtnis einbrennen: Von Schmerz und Verlust. Und von Unverständnis – gerade bei denen, die in den letzten Jahren ihre Städtchen haben verschwinden sehen – Abfindung hin oder her. Einer hat es mal so beschrieben: Ich fühle mich wie jemand, den man auf die Bahngleise gekettet hat. Der Zug rollt auf mich zu. Ich weiß zwar, dass er zum Stehen kommen wird. Aber ich liege auf dem letzten Meter Bremsweg.  

Die Gesellschaft trägt Verantwortung

Klar, die Energieversorgung eines Industrielandes ist größer als solche Einzelschicksale. Dennoch darf eine Gesellschaft nicht vergessen, und erst recht nicht ignorieren, was sie Mensch und Natur dafür abverlangt. Und wie wir inzwischen wissen, ist das mehr, größer und globaler als die regionalen Wunden, die die Bagger reißen: Unsere Atmosphäre kann man nicht einfach renaturieren, das fragile Klimagleichgewicht des Planeten nicht mit Abfindungen wiederherstellen. Aus diesem Grund verhandelt die Gesellschaft gerade neu, wie weit sie zu gehen bereit ist, wie viel ihrer Lebensgrundlage sie zerstören will, ohne sie sich selbst gänzlich zu entziehen. Und ein Teil dieses Dialogs ist die Kohlekommission. Sie soll ein Datum für den Kohleausstieg finden, das mit dem Klimaschutz vereinbar ist.

RWEs Argumente ziehen nicht, weil es um mehr geht

Der Streit um den Hambacher Forst ist zum Symbol geworden in diesem Dialog. Zwar gibt RWE sich redlich Mühe, die Räumung des Waldes hinter Paragraphen und Bürokraten-Vokabular zu verstecken: Alles sei gerichtsfest, die Landesregierung verlange, waldfremdes Material zu entfernen. Auch mit Angst spielt der Konzern, Stichwort Versorgungssicherheit. Wird der Hambacher Forst nicht gerodet, gehen in Deutschland die Lichter aus. Bloß: All diese Argumente lassen sich mindestens in Zweifel ziehen, wenn nicht ganz entkräften. Das Ringen um den Hambacher Forst im Kleinen ist zum Ringen um den Klimaschutz im Großen geworden. Das weiß auch RWE.

Konzern wird seiner Verantwortung nicht gerecht

Dass der Konzern die Lage dennoch eskaliert, ist kaum zu ertragen. Seit mehr als 100 Jahren halten Kommunen substanzielle Teile an RWE. Der Konzern ist also tief verwurzelt in der Gesellschaft. Und aus einer der entscheidendsten Debatten unserer Zeit, klinkt er sich jetzt einfach aus. Schlimmer noch, er droht sie zu sprengen. Denn räumt RWE den Hambacher Forst, wollen Umweltschützer die Kohlekommission verlassen. Ob RWE den gesellschaftlichen Dialog nun ignoriert oder torpediert – am Ende jeder Suche nach einem Motiv steht: Geld. Am Anfang jeder Suche nach einer Lösung steht aber die Frage: Ist es das wert?

Silke Hahne (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Silke Hahne (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Silke Hahne, Jahrgang 1987, hat in Münster und Leipzig Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus studiert, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Sie war Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, anschließend Volontariat beim Deutschlandradio. Sie arbeitet in der Deutschlandfunk-Redaktion "Wirtschaft und Gesellschaft".

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