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StartseiteBüchermarkt Mit Magellan um die Welt07.11.2019

Raoul Schrott: "Eine Geschichte des Windes" Mit Magellan um die Welt

Vor 500 Jahren machte sich der Seefahrer Magellan auf den Weg, um die Welt zu umrunden. Geht es nach Raoul Schrott, war er damals nicht allein. In seinem neuen Roman schickt Schrott einen jungen Aachener mit auf die Reise. Entstanden ist ein Schelmenroman ganz in der Tradition von Grimmelshausen.

Von Tanya Lieske

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Raoul Schrott, österreichischer Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller, blickt in die Kamera. (Picture Alliance / dpa / Erwin Elsner)
Passionierter Weltreisender Raoul Schrott (Picture Alliance / dpa / Erwin Elsner)
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Raoul Schrott beginnt diesen Roman mit einem Hinweis auf eine historische Spur: Drei Mal soll der Mann, von dem hier erzählt wird, um die Welt gefahren sein. Zum ersten Mal im Jahr 1519, es war die berühmte erste Weltumsegelung unter Ferdinand Magellan, und der Held war als Kanonier mit an Bord. Ein zweites und ein drittes Mal dann 1525 und 1542. Unter mindestens ebenso vielen Namen soll der Held dieses Romans verzeichnet sein.

"Von ihm halten die historischen Archive Spaniens nur wenig mehr als den Namen und eine Herkunft fest. In den vergilbten Verzeichnissen wird er mal als ‚Hanse’, mal als ‚Anes’ oder ‚Juan Aleman de Aquisgran’ angeführt, Sohn von ‚Juan Panhulo y Sofya’. Er zählte nicht nur zu den achzehn Heimkehrern der ersten Umsegelung der Erde: Er war auch der allererste Mensch, der sie gleich zweimal umrundete, um darauf zu einer dritten Weltfahrt aufzubrechen. Das ist alles, was von diesem Hannes dem Deutschen aus Aachen überliefert ist. Alles andere ist die Wahrheit einer Geschichte gegenüber der Geschichte."

Der Erzähler als Gestaltwandler

Der Triumpf der erzählten Geschichte gegenüber der Geschichtsschreibung, das ist ein zentrales poetisches Anliegen im Werk von Raoul Schrott. Und genau das treibt er hier zu neuen Höhenflügen. Sein Erzähler wird dabei zum Gestaltwandler, der in wechselnde Rollen schlüpft. Er nimmt zum Einen den Platz eines Chronisten ein, der sich in der Vergangenheit verortet und im Duktus einer barocken deutschen Sprache berichtet, was geschehen ist. Es ist eine mäandernde und auch selbstbewusste Tonlage, lange Sprachgirlanden winden sich über Seiten hinweg und fordern etwas Aufmerksamkeit.

"Es sind dies die Jahre kleinerer Sintfluten, die den von der Johannes-Apokalypse prophezeiten Untergang zur Mitte des Jahrhunderts allerorts durch sommers über die Ufer tretende Ströme zu erfüllen scheinen. Dabei überschwemmen sie auch die Äcker von Hannes’ Vater und vernichten jedesmal die gesamte Ernte, sodass dieser sich schließlich gezwungen sieht, den ärmlichen Hof aufzugeben und sich in den unweit Aachens gelegenen Minen zu verdingen, um die Familie über Wasser zu halten."

Der Simplicissimus als Vorbild

Der Mensch empfindet sich in diesem Roman als Spielball Gottes. Die Welt ist eine große Bühne, auf der letztlich geschieht, was dem Weltenlenker oder der wankelmütigen Fortuna gefällt. Raoul Schrott hat seinem Text mehr als nur die Sprache des Barock eingewebt. Sprache überbrückt hier ein halbes Jahrtausend und gibt der Leserin die Möglichkeit, mit den Menschen der Zeit zu denken und zu fühlen. In der Stimme des Hannes nun, dies ist die zweite Gestaltwandlung des Erzählers, wird diese Weltsicht noch deutlicher. Hannes begibt sich an Bord des Schiffes Victoria, und er nimmt Teil an der bis dahin größten Expedition der Menschheit. Das ist Geschichtsschreibung von unten, und auch hier hält der deutsche Barock eine Vorlage bereit, nämlich den Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen. Hannes ist so gutmütig ist wie naiv, genau wie sein literarisches Vorbild.

Statue von Ferdinand Magellan in Sabrosa, Portugal (imago images / Xinhua / Zhang Liyun )Raoul Schrott hat mit "Die Geschichte des Windes" einen Schelmenroman geschrieben, in dem der berühmte Seefahrer Magellan von einem jungen Aachener auf Reisen begleitet wird (imago images / Xinhua / Zhang Liyun )

"Wie grausig war da der erste wirkliche Sturm! Es war unbeschreiblich: der Himmel selbst bei Tage dunkel und so nieder, als käme er auf uns herab, der schwere Druck überall die Luft herausstossend, dass es war, als führen wir mit dem Bug an eine Wand, die Arme Gottes unser Heck dagegen schiebend, ein Tohuwabohu wie am Anfang der Schöpfung, als Jahwes Atmen über den Wellen lag."

Magellan als zwielichtiger Held

Was die Mannschaft der Magellan’schen Expedition während der drei Jahre auf See erlebte, ist dank der Berichte des Chronisten Antonio Pigafetta gut belegt. Vieles sprengt das heute Vorstellbare: Stürme, Schiffbruch, Skorbut, Mord, Totschlag, Fahnenflucht, Meuterei und, wahrscheinlich, auch Kannibalismus. Man wird diesem Hannes aus Aachen also weniger zuhören, um zu erfahren, was geschehen ist. Man wird seiner Stimme lauschen, weil man wissen will, wie ein einfältiger und gutmütiger Mensch dies erzählt und bewertet.

Ein Beispiel: Fernando Magellan lässt im April 1520, nachdem er in der Bucht von San Julian in Patagonien überwintert hat, eine Meuterei von dreien seiner Kapitäne niederschlagen, die, aus gutem Grund wie wir heute wissen, nach Spanien zurück reisen wollten. Die Geschichtsschreibung und auch die Literatur haben Magellan viel von seiner Grausamkeit verziehen. Stefan Zweig etwa bescheinigt dem Seefahrer, dass er in einem "heroischen Zeitalter" unterwegs war und nennt ihn "einen Mann von Ehre und Ambition". Davon bleibt wenig übrig, wenn man dem Hannes von Raoul Schrott zuhört. Magellan heißt bei ihm, angelehnt an die portugiesische Sprache "Mägäle".

"Auch ist es mit dem Glauben so eine Sache. Denn wer am dritten Tage dieses Osterfests wieder auferstand, war kein Sohn Gottes, sondern der eines portugiesischen Allerweltsadeligen, der jetzt seine ganz eigenen Vorstellungen von Christlichkeit bewies. Da es unter der Besatzung keinen Scharfrichter gab, schenkte Mägäle einem Pagen großzügig das Leben, doch unter der Bedingung, dass er seinem Herrn, den tränenreich die Jungfrau Maria anflehenden Kapitän der Concepción, erwürge, um hernach den Barbier anzuweisen, dessen Leichnam samt jenes des Mendossa zu enthaupten, vierzuteilen und die Köpfe der beiden am Ufer auf Pfähle zu stecken und ihre Gliedmaßen an die Rahen zu hängen: das waren unsere Osterlämmer."

Man weiß heute, wie gewissenlos die Europäer bei der ersten Phase der Kolonialisierung zu Werke gingen, bei Bedarf wurden indigene Völker einfach niedergemetzelt. Trotz vieler folgender blutiger Szenen sichert sich Raoul Schrott die Sympathie der Leser für seinen Helden. Er gibt seinem Hannes die Metaphern eines Waffenschmieds mit auf den Weg, aber auch die wachsende Abscheu vor dem Krieg:

"Das war meine Feuertaufe, und besprengt wurde ich dabei nicht mit Weihwasser, sondern dem Blut meiner Waffenbrüder, das nun überall an mir klebte und stank. Dass ich bei dieser Schlacht wie wild und rünstig geworden war, beschämte mich, ohne dass ich es zeigen wollte, da man mich sonst für einen Feigling gehalten hätte: der ich nicht bin. Eher ist mir damals ein Teil der Seele unwiederbringlich in die Glut der Esse gefallen und der Rest dabei hart geworden wie rotweiches Kupfer, das durch Beigabe von glänzendem Zinn zu Bronze wird."

Ein neuer Schelmenroman

Das erinnert an die Melancholie eines Simplicius Simplicissimus, der allerdings ein gutes Jahrhundert nach der Expedition des Magellan seine Stimme fand. Raoul Schrott gelingt dieser literarische Jahrhundertsprung mühelos, auch dank eines weiteren bindenen literarischen Genres, es ist der spanische Schelmenroman. Dessen Schöpfer, Mateo Alemán, macht er sogar zu einem Nachfahren seines Helden Hannes.

Zu einer solchen Textur ständiger Verweise gehört es, dass der Autor sich selbst mit in den Roman eingeschrieben hat. Als Autoren-Ich und Gestaltwandler Nummer drei erzählt er, wie er die Strecke des Magellan nachgereist ist. Dabei will er erfahren haben, dass sein Protagonist Hannes bei der letzten Weltumsegelung Schiffbruch erlitten habe und auf den Osterinseln verschollen ging. Das ist in jedem Fall ein passendes, ein poetisches Ende.

Raoul Schrotts neuer Roman ist oft witzig, manchmal schön und in einigen wenigen Passagen auch überwältigend. Ohne eine Portion Chuzpe und Größenwahn kann all das nicht entstanden sein. Niemand garantiert uns zudem, dass der Hannes aus Aachen gelebt hat. Doch es lohnt sich, seine Geschichte zu lesen.

Raoul Schrott: "Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal"
Carl Hanser Verlag, München 2019. 304 Seiten 26 Euro.

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