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StartseiteKommentare und Themen der WocheBittere Lektion im Fall Özil28.07.2018

RassismusBittere Lektion im Fall Özil

Mit einem vermeintlichen Erfolgsmodell wie Mesut Özil sei in Wahrheit noch gar nichts gewonnen in Bezug auf Integration und Alltagsrassismus, kommentiert Joachim Frank vom "Kölner Stadt-Anzeiger" im Dlf. Nach einer Woche der Aufgeregtheiten kritisiert er die Reaktionen von Politikern.

Von Joachim Frank

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Mesut Özil bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018 (dpa / picture alliance / Sven Simon)
Was wäre gewesen, wenn Özil das DFB-Team zum Sieg geschossen hätte? (dpa / picture alliance / Sven Simon)
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Machen wir einmal eine Umstellprobe. Wenn Mesut Özil am 27. Juni gegen Südkorea zwei Tore vorbereitet, eines selbst geschossen und dazu noch einen Elfmeter herausgeholt hätte, die deutsche Mannschaft also mit einem 4:2-Sieg ins WM-Achtelfinale eingezogen wäre und dann womöglich gegen Brasilien durch ein Özil-Tor in der vorletzten Minute den Erfolg von 2014 wiederholt hätte - hätten wir dann auch eine Debatte über tatsächliche oder vermeintliche Schwächen des Nationalspielers bekommen? Höchstwahrscheinlich nein.

Am Ende dieser Woche haben wir schon einmal eines gelernt: Nichts auf der Welt ist so volatil und wankelmütig wie die Gunst der Fußball-Nation.

Daher empfiehlt es sich, die Debatte über den Rückzug Mesut Özils aus der deutschen Nationalmannschaft und seine Rassismus-Vorwürfe namentlich gegen den DFB und seinen Präsidenten Reinhard Grindel ein Stück weit zu relativieren.

Mit "Relativieren" soll kein Abschwächen oder Kleinreden gemeint sein. Sondern ein Einordnen. Dazu helfen die Sätze derer, die sich für befugt hielten zu beurteilen, wie Özils Foto-Shooting samt Ergebenheitsadresse an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und die Integration der türkischstämmigen Migranten in Deutschland sich zueinander verhalten.

Uli Hoeneß, der wortgewaltige Präsident des FC Bayern München, hat über Özils Rücktritt gesagt: "Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto. Die Entwicklung in unserem Land ist eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport."

Großes Kino

Das ist nun wirklich großes Kino. Mesut Özil, der sechsmal zum Nationalspieler des Jahres gewählt worden war, wird hier mal eben - wie man so sagt - in die Tonne gekloppt. Und zugleich wird eine gesellschaftliche Debatte als "Katastrophe" denunziert - von einem Mann, der mit seinem Steuergebaren wahrlich kein leuchtendes Vorbild bürgerlicher Tugenden und staatsbürgerlicher Verantwortung ist.

Angela Merkel hat Özil von ihrer Regierungssprecherin als "tollen Fußballspieler" würdigen lassen, "der viel für die Fußballnationalmannschaft geleistet hat". Das war nett von der Bundeskanzlerin, aber eben auch nett an der Sache vorbeigeredet. Denn natürlich hätte man von der Regierungschefin erwarten dürfen, dass sie zu der von Özil aufgebrachten Debatte Stellung nimmt, wie verbreitet Ressentiments gegenüber Migranten und ein Alltagsrassismus in Deutschland tatsächlich sind. Dass Merkel das Thema Rassismus komplett untertunnelt hat, macht die Würdigung des Sportlers Özil zu einem vergifteten Lob.

Hauptsache, ein Spitzenpolitiker wie Maas im Raumschiff Berlin kennt das wahre Leben

Außenminister Heiko Maas dagegen glaubt nicht, Zitat, "dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland". Maas bringt Özil in Misskredit, indem er einen Sozialneid-Reflex bedient: der Multimillionär, der keine Ahnung mehr hat vom wahren Leben in Deutschland. Aber Hauptsache, ein Spitzenpolitiker wie Maas im Raumschiff Berlin kennt das wahre Leben - sagen wir, in Köln-Kalk oder Duisburg-Marxloh.

Bleibt noch einer, der sich diese Woche zum Fall Özil geäußert hat. Der Man weiß ganz genau, dass die Deutschen rassistisch mit dem jungen Deutschtürken umgegangen seien, "der so viel Schweiß für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft vergossen hat". Er nennt Özils Haltung "komplett patriotisch" und er "küsst seine Augen". Dieser Mann ist Recep Tayyip Erdogan.

Sein Überschwang hat natürlich ebenso wenig mit Özil selbst zu tun wie die Häme, die sich von anderer Seite über ihn ergoss. Erdogan ist so begeistert, weil er die Deutschen - die Mehrheitsgesellschaft und die deutschtürkische Minderheit - genau dort hinbekommen hat, wo er sie hinhaben wollte: in einer Konfrontation mit gegenseitigen Anschuldigungen und Vorwürfen, in einer Dynamik des Auseinanderdriftens statt des Zueinanderhaltens. Wie sagte einer, der im Ehrenamt in einer deutschen Großstadt die Fußball-Jugend trainiert: "Bis vorige Woche ging es bei uns nur darum, ob die Jungs gut spielen. Jetzt bekommen sie gesagt, dass es doch darauf ankommt, wo sie herkommen und wie sie heißen."

Das ist die bittere Lektion nach einer Woche der Aufgeregtheiten und Exaltiertheiten. Diese Lektion zu beherzigen, kann nur bedeuten, die Sache mit der Integration eben nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Mit einem vermeintlichen Erfolgsmodell wie Mesut Özil ist in Wahrheit eben noch gar nichts gewonnen, und deshalb wehrt Özil sich zu Recht gegen eine Vereinnahmung - sowohl gegen die frühere Vereinnahmung durch die Integrations-Süßholzraspler, wie gegen die aktuelle Vereinnahmung nach dem WM-Aus durch die Sündenbock-Treiber speziell aus dem DFB.

 

Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für den "Kölner Stadt-Anzeiger", die Berliner Zeitung und die "Mitteldeutsche Zeitung" Halle sowie Autor der "Frankfurter Rundschau". Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), des katholischen Journalistenverbands. Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. 2014 wurde er u. a. mit dem Wächterpreis ausgezeichnet.

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