Donnerstag, 03.12.2020
 
Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteTag für Tag"Zwei Viren - ein Kampf"12.06.2020

Rassismus, Corona und die Bronx"Zwei Viren - ein Kampf"

Das Coronavirus in den USA tötet viele Afroamerikaner. In New York ist die Bronx besonders stark von der Pandemie betroffen. Viele Kirchengemeinden hier haben Pastoren und Mitglieder verloren. Nun sind die "Black Churches" erneut gefragt angesichts von Polizeigewalt und Rassismus.

Von Sinje Stadtlich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Chivona Renée Newsome, Kongresskandidatin aus der Bronx, bei einer Protestveranstaltung von Black Lives Matter in New York. (Getty Images /  Pacific Press)
Afroamerikanische Kirchengemeinden nehmen teil an friedlichen Protestveranstaltungen von Black Lives Matter in New York - hier mit Chivona Renée Newsome, Kongresskandidatin aus der Bronx (Getty Images / Pacific Press)
Mehr zum Thema

Bewegung in den USA "Religiöse Linke" - stark im Protest gegen Trump

Religion und Corona in den USA Finanznot und Hungersnot

Bibel-Foto von US-Präsident Trump "Ein grotesker Auftritt"

Glaube und Corona in den USA Näher bei Gott in der Not

"Seit Beginn der Pandemie im März habe ich 73 Menschen beerdigt," erzählt Jay Gooding, Pastor in der Bronx. "Manchmal waren das zwei oder drei Beerdigungen am Tag – Menschen, die am Coronavirus gestorben sind. Die Beerdigungs-Institute waren völlig überfordert. Die Menschen haben das anfangs nicht ernst genommen, deswegen haben hier in der Bronx so viele ihr Leben verloren. Wir waren hier eins der Epizentren."

Jay Gooding hat eine schwere Zeit hinter sich. Gleich zwei Kirchengemeinden leitet er in dem Stadtbezirk, der von allen in New York City am stärksten unter der Corona-Pandemie gelitten hat. Beide Gemeinden gehören zur "Church of God in Christ", der größten afroamerikanischen Pfingstkirche in den USA. Außerdem arbeitet Gooding auch als Grabredner. Fünf seiner eigenen Gemeindemitglieder sind an COVID-19 verstorben.

"Ich habe meinen Bischof verloren"

"Das Traumatische für die Familien: dass sie nicht bei ihren Lieben sein konnten," erzählt er. "Sie durften ja nicht ins Krankenhaus. Und dann, bei der Beerdigung, da durften auch nur höchstens zehn Leute sein. Das war traumatisch für die Familien, sie konnten ihre Trauer nicht richtig teilen. Ich mache seit 25 Jahren Beerdigungen, und eigentlich sollten sie ein würdiger Abschluss des Lebens sein. Es gab einige Momente, da habe ich geklagt, und da habe ich geweint. Wir haben allein hier in New York City 150 Geistliche verloren, ich habe meinen Bischof verloren und meinen Stellvertreter.

Und als seine Gemeinden gerade wieder anfingen durchzuatmen, weil die Zahl der Corona-Fälle endlich zurückging, wurde in Minneapolis George Floyd von einem Polizisten getötet. Danach gab es auch in der Bronx Gewalt und Plünderungen. Doch Jay Gooding, der als Verbindungs-Pastor mit der Polizei zusammenarbeitet, bleibt selbst in diesen Tagen Optimist. Er sagt, die New Yorker Polizei habe in den vergangenen Jahren einen echten Kulturwandel geschafft. Und die Gewalt habe mittlerweile nachgelassen.

"Manchmal, wenn die Spannung zu groß wird, wissen einige nicht, wie sie damit umgehen sollen – dann kommt es zu Gewalt und Zerstörung, so wie in der vergangenen Woche hier. Jetzt sind die Demonstrationen aber friedlich, ich bin gestern selbst auf einer gewesen. Wir wollen dem Frieden zur Macht verhelfen. Mein Motto: Friede an die Macht! - Wenn ich das so sagen darf. Wir wollen, dass die Menschen das jetzt verstehen."

Demonstrierende im Washington Square Park  (dpa/ picture alliance/ SOPA Images via ZUMA Wire) (dpa/ picture alliance/ SOPA Images via ZUMA Wire)Struktureller Rassismus und weiße Privilegien 
Struktureller Rassismus führe in den USA zu andauernder Benachteiligung schwarzer Bürger, sagte die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson im Dlf. Ihnen würde etwa der Zugang zu guter Schulbildung verwehrt. Bei der Polizei und an anderen Schaltstellen säßen zudem oft Anhänger rassistischer Ideologien.

"Zwei Viren: Coronavirus und Rassismus"

Im Moment ist Jay Gooding auch schon damit beschäftigt, die Wiedereröffnung seiner Kirchen zu planen. Er hofft, dass es im Juli soweit ist. Es sei sogar manchmal schon wieder eine gewisse Leichtigkeit unter seinen Gemeindemitgliedern zu spüren, sagt er. Und ist sich sicher, dass sie – mit etwas Humor – auch diese doppelte Krise überstehen werden: "Eigentlich haben wir es hier doch mit zwei Viren zu tun: mit dem Coronavirus und dem Rassismus, der uns seit über 400 Jahren plagt. Heute habe ich etwas Gutes gelesen: 'Behandle Rassismus wie COVID-19. Sobald du es hast, höre Experten dazu an, verbreite es nicht weiter, und sei bereit, dein Leben zu ändern, um es zu bekämpfen.' Dieser Satz war wie ein Geschenk. Da ist doch was dran – zwei Viren - es ist ein und derselbe Kampf."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk