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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Land braucht einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel09.06.2020

Rassismus in den USADas Land braucht einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel

Rassismus in den USA - das ist nicht nur Polizeigewalt, kommentiert Thilo Kößler. Es geht auch um einen unzureichenden Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem, zu Sozialleistungen. Wenn sich etwas ändern soll, müssen auch Probleme wie ungleiche Löhne und miserable Wohnbedingungen angepackt werden.

Von Thilo Kößler

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June 8, 2020, Los Angeles, California, U.S: Demonstrators take part in a procession to honor the life of George Floyd on Monday. Floyd died in police custody on Memorial Day in Minneapolis. Los Angeles U.S. - ZUMAc68 20200608zafc68008 Copyright: xRingoxChiux (imago images / ZUMA Wire)
Demonstration zum Gedenken an George Floyd in Los Angeles (imago images / ZUMA Wire)
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"I can't breathe". Die letzten Worte von George Floyd sind zum Emblem einer Protestbewegung geworden, die sich gegen Polizeigewalt und Justizwillkür richtet, aber die moralischen Abgründe eines allgegenwärtigen Rassismus meint. Die US-amerikanische Gesellschaft ist so aufgewühlt wie in den bürgerrechtsbewegten 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts - am offenen Grab von George Floyd schaute sie sich quasi in den Spiegel.

Demonstrierende am Washington Square in New York  (imago) (imago)Historikerin: "White Supremacy dominiert die amerikanische Gesellschaft"
Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd hat eine Protestwelle ausgelöst, wie es sie seit den 60er-Jahren nicht mehr gab. In gewisser Weise setze sich hier die Lynchjustiz fort, sagte die Historikerin Christine Knauer im Dlf.

Fest gewillt, die quälende Routine aus Polizeigewalt, spontanem Protest und Rückfall ins Vergessen und Verdrängen zu durchbrechen, hat sich eine breite gesellschaftliche Koalition gebildet. Sie begehrt auf gegen den alltäglichen und - schlimmer noch - institutionalisierten, systemischen Rassismus.

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

Polizeireformen reichen nicht aus

Er zeigt sich besonders schockierend in brutalen Polizeimethoden, die mit dem Einverständnis einer denkbar einseitigen Justiz lange unter der Decke gehalten wurden. Erst die Smartphone-Videos wie die vom Tod George Floyds machten einer breiten Öffentlichkeit immer mehr bewusst, was für ein Schreckensregime sich in den Straßenschluchten der Großstädte breitgemacht hatte. Der amerikanische Polizist zeigt nicht das freundliche Gesicht des Nachbarschafts-Cops, sondern das waffenstarrende Outfit eines Einzelkämpfers gegen das allgegenwärtige Verbrechen - nicht darauf trainiert, Konflikte einzudämmen und Menschenleben zu schützen, sondern abgerichtet auf den bewaffneten Straßenkampf Mann gegen Mann.

Jetzt soll es Reformen geben, um die brutalen Gewaltpraktiken zu beenden und den rechtlichen Schutz für gewaltbereite Polizisten zu beschneiden. Schon sind Einschnitte ins Budget der Polizeireviere im Gespräch – das Geld soll stattdessen in Sozialstationen und Projekte der Nachbarschaftshilfe gehen. Sozialarbeit ist in den USA auf kommunaler Ebene weitgehend nicht mehr existent – stattdessen sollten Polizisten richten, was angeblich nicht mehr zu finanzieren war.

Doch mit alldem wird es nicht getan sein. Wie tief der Rassismus in der DNA der Vereinigten Staaten steckt, wurde in diesen Tagen besonders symbolträchtig am Verhalten des Präsidenten sichtbar. Statt Empathie zu zeigen und Ursachen und Konsequenzen von Ausgrenzung und Diskriminierung zu benennen, bestritten Donald Trump und sein Justizminister, dass es so etwas wie "strukturellen Rassismus" in der amerikanischen Alltagswelt überhaupt gibt.

Grundsätzlicher Kulturwechsel notwendig

Tatsächlich geht es aber um noch mehr, als um eine umfassende Reform des Polizei- und Justizsystems. Es geht um einen grundsätzlichen Kulturwechsel, einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel im Umgang mit den Minderheiten. Es hat nie das Eingeständnis gegeben, dass den Afroamerikanern furchtbares Unrecht zugefügt wurde. Es hat nie eine Entschuldigung für Lynchjustiz und Polizeiwillkür gegeben. Es gab niemals ernsthafte Initiativen zu Versöhnung.

Rassismus in den USA - das ist nicht nur Polizeigewalt. Das ist Benachteiligung im Alltag – die Routine gewordene Ungleichbehandlung. Rassismus in den USA - das ist unzureichender Zugang zum Gesundheitswesen, zum Erziehungssystem, zu Sozialleistungen. Das sind ungleiche Löhne, fehlende Aufstiegschancen und miserable Wohnbedingungen.

Joe Biden hat den Tod von George Floyd einen Weckruf für die gesamte Gesellschaft genannt. Es wird sich herausstellen, ob diese Tage wirklich das Ende der Gleichgültigkeit markiert haben – wenn nicht sogar den Beginn eines wirklichen Bewusstseinswandels.      

 Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.   

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