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StartseiteKommentare und Themen der WocheIch habe das Gewöhnen so satt21.02.2020

Rassismus in DeutschlandIch habe das Gewöhnen so satt

Als Kind vietnamesischer Eltern kenne sie Rassismus seit ihrer Kindheit, kommentiert Anh Tran. Nun sei es an der Zeit, sich in Deutschland für eine nicht-weiße Perspektive zu öffnen, zuzuhören und gemeinsam gegen den Hass zu arbeiten.

Von Anh Tran

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Demonstrationen in Hamburg gegen Rassismus und Faschismus. (dpa/ Markus Scholz)
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Er ist immer noch da - Rassismus in Deutschland.

Ein Rassist und Menschenhasser hat in Hanau mutmaßlich neun Menschen, seine Mutter und zum Schluss sich selbst erschossen. Sein Ziel: Nicht-Weiße. Denn dieser Mann fabulierte von einem vermeintlich "reinrassigen Volk". Innerhalb von neun Monaten ist Hanau nun der dritte rechtsextremistische Terroranschlag in Deutschland - nach dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle mit zwei Toten. Kein Ende in Sicht.

Vergangenes Jahr recherchierte die TAZ umfangreich über das Hannibal-Netzwerk. Der Verfassungsschutz macht den Uniter-Verein in diesen Tagen zum Prüffall. In der letzten Woche fanden deutschlandweit Razzien gegen die sogenannte "Gruppe S." statt. Diese plante mutmaßlich Anschläge auf Moscheen, um "bürgerkriegsähnliche Zustände" in Deutschland herbeizuführen. Im nächsten Jahr jährt sich die NSU-Selbstaufdeckung zum zehnten Mal.

Rechter Terror bricht sich Bahn hierzulande und wir schauen sehenden Auges zu. Es reicht nicht, schockiert zu sein. In den ersten Medienberichten war immer wieder von "fremdenfeindlichen" Motiven die Rede, doch Menschen wie ich sind keine Fremden in diesem Land. Wir haben Angst. Es geht um unsere Leben. Wir können es uns nicht leisten, schockiert zu sein.

Rassismus gehört zu meinem Leben

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Vietnam. Ich bin in Dresden groß geworden, in einem weißen Umfeld. Deswegen weiß ich, wie es ist, nicht dazuzugehören zur deutschen Mehrheitsgesellschaft.  Als Kind wollte ich immer wie meine Freunde sein: lustig, klug und deutsch. Aber Deutschsein ist schwer. Egal wie viele Peter-Alexander-Filme ich mit Omi geschaut habe, wie gut meine Deutschnoten waren, wie pünktlich ich zu Verabredungen erscheine. Ich komme nicht in den Club der weißen Menschen. Das ist ein beschissenes Gefühl.

Rassismus gehört zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen. Ich habe ihn internalisiert:

Dass ich in einem Geschäft nach meiner Rasse gefragt wurde, weil die Verkäuferin fand, dass ich im Blümchenkleid wie eine Indianerin aussehe. Das ist meine Realität. Dass in der S-Bahn eine Frau mit dem Finger auf mich zeigt und sagt:: "Ratten wie dich muss man alle erschießen." Das ist meine Realität. Dass mich in der dritten Klasse die Kinder der benachbarten Förderschule "Fidschi" nannten und nach dem Unterricht warteten, um mich zu bespucken und mit Steinen zu bewerfen. Auch das gehört zu meiner Realität.

Wann habt ihr euch daran gewöhnt?

Lange Zeit habe ich solche Ereignisse als normal hingenommen. Weil sie nie meinen Freunden passiert sind, wuchs ich in dem Glauben auf, all das verdient zu haben. Für mich war es Usus, am 13. Februar, am Tag der Bombardierung  Dresdens, wenn in der Stadt die Neonazis aufmarschierten, nicht rauszugehen. Ich habe das nie hinterfragt, bis mich eine weiße Person fragte, warum ich sowas mit mir machen lasse. Ja, warum eigentlich?

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Einst gab mir ein Lehrer den Rat, nachdem ich auf dem Schulweg rassistisch beschimpft wurde und weinend in den Unterricht kam: "In Vietnam wirst du immer die Deutsche sein und hier die Vietnamesin." Daran müsse ich mich gewöhnen. Ich habe das Gewöhnen so satt.

Wann habt ihr euch daran gewöhnt? Es ist Zeit, sich für nicht-weiße Perspektiven zu öffnen, zuzuhören und gemeinsam gegen den Hass zu arbeiten. Rechter Terror will uns ängstigen, will uns lähmen, will uns auslöschen in unserem eigenen Land. Lasst das nicht zu! Lassen wir das nicht zu.

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