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StartseiteCampus & KarriereRealschulen in Zeiten des Hauptschulsterbens28.06.2011

Realschulen in Zeiten des Hauptschulsterbens

Vorsitzender des Verbandes deutscher Realschullehrer spricht sich für passgenaue Förderung aus

Die Hauptschulen sterben aus. Dort, wo sie nicht aussterben, da fusionieren sie mit den örtlichen Realschule. Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Realschullehrer, ist über diese Entwicklung verärgert.

Jürgen Böhm im Gespräch mit Sandra Pfister

Wie geht es mit der Realschule weiter? (picture alliance / dpa)
Wie geht es mit der Realschule weiter? (picture alliance / dpa)

Sandra Pfister: Wir reden über eine mittelmäßige Sensation! Die CDU, jahrelang Gralshüter des dreigliedrigen Schulsystems, will die Hauptschule abschaffen. Doch dahinter steckt keineswegs ein ideologischer Sinneswandel, nein, Hauptschulen bluten schlichtweg aus. Deshalb haben die allermeisten Bundesländer schon in den vergangenen Monaten Hauptschulen und Realschulen klammheimlich miteinander verschmolzen und einfach ein neues Etikett draufgepappt. Werkrealschule, Realschule Plus, Oberschule, Mittelschule, Sekundärschule. Was sagen eigentlich die Realschullehrer dazu? Das frage ich den derzeit obersten Realschullehrer der Republik, Jürgen Böhm, den Bundesvorsitzenden des Verbandes deutscher Realschullehrer. Herr Böhm, die Hauptschule will niemand mehr so richtig, deshalb lässt man sie allmählich absterben. Wie nervös sind Sie mit Blick darauf, dass die Realschule bei der Aktion gleich mit beerdigt werden könnte?

Jürgen Böhm: Also, ich bin nicht nervös, ich bin eher verärgert darüber, dass die wirklich hervorragende Schulart Realschule, die nachweislich in den letzten Jahren die besten Ergebnisse mit deutschlandweit gebracht hat, eine hervorragende Arbeit leistet, durch diese - ja, sage ich jetzt mal - Entwicklung geschwächt wird, und dass sie die Schülerinnen und Schüler, die gerade diese Schulart besuchen, dann ein Bildungsangebot wegfallen würde, das ihnen die besten Chancen gibt, sich beruflich weiterzuentwickeln. Und gerade in den Ländern, in denen eine gute und starke Realschule existiert, wird ja genau dieses Bildungsangebot von den Eltern hoch geschätzt und wahrgenommen. Also, ich bin eher verärgert, nicht nervös, wir werden unserer Verärgerung Luft machen und werden kämpfen, dass unsere wirklich hervorragende Schulart erhalten wird.

Pfister: Sie sagen, es ist ein hervorragendes Bildungsangebot. Ist es denn nicht jetzt gerade großartig, dass gerade den schwächsten Schülern dieses großartige Bildungsangebot auch zur Verfügung stehen soll?

Böhm: Also, es ist natürlich auch genau unser Ziel, dass allen Schülern ein wirklich passgenaues Bildungsangebot zur Verfügung gestellt wird. Die Frage ist nur, inwieweit können denn wirklich alle Schülerinnen und Schüler - auch Schüler mit einem höheren Förderbedarf - Realschulbildung erfahren? Oder ist es denn nicht schwierig, auch wirklich, gerade für Hauptschüler muss ja ein spezielles Bildungsangebot vorgehalten werden. Und ich denke - und ich bin davon überzeugt! -, dass nach wie vor in den Hauptschulen hervorragende Arbeit geleistet wird, und dass gerade Schüler, die einen höheren Förderbedarf haben, dort passgenau auf die berufliche Ausbildung vorbereitet werden - genau so passgenau, wie Realschüler durch den Realschulbildungsgang auf ihre Ausbildung vorbereitet werden.

Pfister: Man hört es im Hintergrund, bei Ihnen wird gebohrt - die Realschule ist eine Baustelle, im Moment gerade eine sehr große. Jetzt ist es so: Wo immer eine Hauptschule mit einer Realschule fusioniert wird, gehen natürlich die meisten Realschullehrer auf die Barrikaden. Steckt da nicht auch ein bisschen Behäbigkeit dahinter, weil Sie dann überhaupt nicht wissen, was Sie dann mit den Realschülern anfangen sollen?

Böhm: Also, Behäbigkeit kann man den Realschullehrkörpern überhaupt nicht vorwerfen. Es werden nach wie vor auch in Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern Kooperationen gepflegt zwischen Hauptschulen und Realschulen. Es werden Übergänge geschaffen, und ich glaube, es ist einfach falsch, zu sagen, dass ein differenziertes Schulwesen keine Übergänge zulässt. Es ist ganz wichtig, dass man Hauptschüler bis zu einem Punkt passgenau fördert, ihnen dann Möglichkeiten gibt, weiter zu gehen, zu kooperieren, in eine Realschule überzutreten oder direkt über die Hauptschule einen mittleren Bildungsabschluss abzulegen. Es gibt sehr viele Hauptschüler, die genau über diese Hauptschule einen hervorragenden Ausbildungsplatz finden und im Beruf hoch anerkannt sind. Über Jahre hinweg ist die Hauptschule natürlich auch schlechtgeredet worden, leider auch teilweise von Funktionären anderer Lehrerverbände, muss man hier sagen.

Pfister: Jetzt werden Haupt- und Realschullehrer an einer Schule unterrichten - die haben ja unterschiedliche Ausbildungen, sie werden vor allem unterschiedlich bezahlt, ehemalige Realschullehrer nämlich deutlich besser. Das macht das Klima in den Lehrerzimmern mit Sicherheit nicht leichter. Spricht aus ihrer Kritik an den neuen Schulformen auch eine Art Dünkel, eine Art alter Dünkel?

Böhm: Überhaupt nicht. Ich persönlich habe zum Beispiel überhaupt keine Berührungsängste. Ich kooperiere im Haus hier mit einer Hauptschule ganz, ganz gut zusammen. Wir haben hier in Bayern erste Modellversuche von Kooperationen von Hauptschulen und Realschulen. In den letzten Jahren ist es ja auch so, dass die Realschullehrer und Hauptschullehrer in ihren Besoldungen angeglichen wurden. Also, von Standesdünkel kann überhaupt keine Rede sein!

Pfister: Sind Sie dafür, dass es in Zukunft einen neuen Ausbildungstypen geben könnte? Also, nachdem dann Real- und Hauptschullehrer zusammen studieren? Das wäre ja dann so eine Art Plädoyer für die Selbstabschaffung des Realschullehrers.

Böhm: Es gibt schon Bundesländer, die das vollziehen. Ich persönlich - und ich wäre nicht der Bundesvorsitzende des Realschullehrerverbandes, wenn ich nicht sagen würde: Eine Schulart braucht eine schulartspezifische Ausbildung. Das heißt, ich bin fest davon überzeugt, dass es einen ausgebildeten Realschullehrer und einen ausgebildeten Hauptschullehrer geben muss, weil doch die - ich sage mal - die Anforderungen an die Lehrkraft in der jeweiligen Schulart speziell sind.

Pfister: Aber jetzt gibt es ja diese Schulart in Zukunft nur noch marginal in vereinzelten Bundesländern. Dann könnte doch ein neuer Lehrertyp heranwachsen.

Böhm: Das wäre wohl die logische Konsequenz, wenn dann die Politik diese Weichen stellt. Die Frage ist, was dabei rauskommt!

Pfister: Was glauben Sie?

Böhm: Ich glaube, dass ein wichtiges Bildungsangebot - oder wichtige Bildungsangebote, dass wichtige Übergänge, dass wichtige Elemente, Mosaiksteinchen wegfallen würden, dass die Qualität des Realschulabschlusses leiden würde. Das glaube ich.

Pfister: Wenn es so kommt, wenn diese großen Fusionen oder die sogenannte Oberschule kommt, was werden Sie retten von der Realschule, wenn Sie ein Wunschpaket schnüren dürfen?

Böhm: Es ist absolut erhaltenswert, dass die Realschule erhalten bleibt. Aus genannten Gründen - es wird immer wieder darüber gesprochen, dass Entwicklungen, dass Übergänge geschaffen werden müssen. Die Realschule ist die Schule der Übergänge. Und ich denke, dass dieser Modulcharakter leider sterben würde, und das muss unbedingt erhalten werden. Der starke Realschulabschluss, die starke Realschule muss Ziel der Erhaltung sein.

Pfister: Jürgen Böhm, der Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Realschullehrer. Danke!

Böhm: Bitte!

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