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StartseiteDlf-MagazinVölkische Gesinnung im Wendland20.08.2015

Rechtsextreme SiedlerVölkische Gesinnung im Wendland

Die Lüneburger Heide und das Wendland sind bekannt als Aktions- oder Rückzugsorte rechtsextremistischer Gruppierungen. Dazu gehören auch "Artgemeinschaften" oder völkische Siedler. Die verherrlichen zum Beispiel die Rückeroberung germanischer Gebiete durch kinderreiche Familien - und sind oft schon seit Generationen aktiv.

Von Hilde Weeg

Eine Reichsflagge hängt im Hof des "Braunen Haus" in Jena, aufgenommen am Mittwoch (16.11.2011). (Jan Woitas, dpa picture-alliance)
Jena, "Brauner Hof" mit Reichsflagge: Völkische Siedler verhalten sich oft unauffällig. (Jan Woitas, dpa picture-alliance)
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Ein warmer und stiller Sommerabend in Wibbese im Wendland. Am Eingang zum Grundstück von Barbara Karsten und Knut Jahn gibt es Infomaterial gegen Rechtsextremismus. Die Eigentümerin steht am Zaun zum Nachbargrundstück.

"Dort sieht man die Tierställe: Schweine, Hühner, Gänse, Hasen."

An diesem Abend rührt sich nichts auf der anderen Seite, Timo L. ist unterwegs. Barbara Karsten und ihr Mann zogen 2009 in das kleine Ferienhaus am Rand von Wibbese, im Nord-Osten Niedersachsens Nahe Mecklenburg. Es sollte ihr Altersruhesitz sein, stattdessen wurde es zum Unruheort, seit sich Timo L. vor ein paar Jahren in der Nachbarschaft niederließ.

Ökologischer Landbau eines "völkischen Sozialisten"

Dass er und seine Partnerin rechtsextrem orientiert sind, wurde schnell an entsprechendem Auftreten klar. Und: Timo L. will ökologischen Landbau betreiben, sagt er. Er bezeichnet sich selbst als "völkischen Sozialisten". Was er darunter versteht, das erklärte er in einem Facebook-Eintrag vor wenigen Wochen, Barbara Jahn zitiert daraus:

"Und was meine ökologische Landwirtschaft angeht, so betreibe ich sie, weil es in einer Zeit der beabsichtigten Vergiftung der Lebensräume unseres Volkes friedlichen Widerstand darstellt. Blut und Boden funktioniert. Und die Menschen werden es verstehen, wenn sie es sehen."

Vergiftung der Lebensräume, Blut und Boden - Vokabular, das typisch ist für rechtsextrem und rassistisch orientierte Gemeinschaften. Ökologischer Landbau dient demnach einem gesunden Volkskörper, Heirat und Fortpflanzung soll nur innerhalb der eigenen Art - gemeint ist Rasse - stattfinden. Die 70-jährige Barbara Jahn wirkt angestrengt. Der Brandanschlag, der vor einer Woche im mecklenburgischen Jamel auf die Scheune eines Nazigegner-Paares verübt wurde, war für sie keine Überraschung. Aber:

"Ich bin entsetzt aufgrund der Parallelen zu unserem Nazi-Nachbarn, die mir Angst machen."

Die vom Brand betroffenen Lohmeyers und das Paar Karsten-Jahn kennen sich, beide werden immer wieder bedroht. Erst vor wenigen Wochen, kurz vor einer Informationsveranstaltung gegen Rechtsextreme auf ihrem Grundstück, da stand eine Frau in der Einfahrt in Wibbese:

"Und schrie: Wart Ihr die Antifa-Huren, die diesen Scheiß in die Zeitung gesetzt haben? Ihr werdet hängen, ihr werdet alle hängen! Sieg Heil!"

Völkische Siedler geben sich angepasst

Timo L. ist mit seinem Verhalten nicht typisch für völkische Siedler. Die Mitglieder der völkisch-rassistisch orientierten Gemeinschaften geben sich als hilfsbereite und nette Nachbarn, wirken angepasst und unauffällig. Ihre rassistische Einstellung wird erst spät offenbar, wenn überhaupt. Die Gruppe der Siedler, die dann auch Landwirtschaft betreiben, wird vom Landesamt für Verfassungsschutz in Niedersachsen eher als klein und wenig einflussreich eingeschätzt, wie Sprecherin Anke Klein in Hannover erklärt:

"Die niedersächsische Verfassungsschutzbehörde weiß von den Aktivitäten völkischer Siedler. Wir gehen von weit unter 100 aus, wobei man dazu sagen muss, dass der Verfassungsschutz natürlich die Kinder nicht zu den Rechtsextremisten zählt und dass es keine Trennschärfe gibt. Das völkische Gedankengut wird von weit mehr Menschen vertreten, aber dieses Lebensmodell - das sind eben weniger."

Auch Olaf Meyer, Sprecher der antifaschistischen Aktion in Lüneburg, hat die Situation im Blick. Völkische Siedler im eigentlichen Sinne gebe es kaum. Aber alteingesessene Familien, darunter viele Handwerker, mit einer über Generationen hinweg gepflegten rassistisch-extremistischen Orientierung.

"Hier in der Region können wir beobachten, dass sie unter sich bleiben, dass sie damit nicht offen mit auftreten und auch außerhalb ihrer Familien und Verbände nicht offensiv werben."

Damit sind ihre Aktivitäten auch für den Verfassungsschutz und die Polizei wenig greifbar. Nur vereinzelt werden solche Familienstrukturen sichtbar: Zum Beispiel als im Februar vor dem Landgericht Hannover der Tod eines vierjährigen zuckerkranken Mädchens geklärt werden musste, dem die notwendige medizinische Hilfe versagt blieb. Die Mutter glaubte an Heilmethoden der sogenannten "Neuen Germanischen Medizin" und gehört der rassistischen "Artgemeinschaft" an. Das Paar leugnete vor Gericht, rechtsextrem orientiert zu sein. Aber auch das gehört zur Strategie. Außerdem, so Meyer, eine auffallende Wortwahl:

"Die Gesellschaft wird als Volksgemeinschaft wahrgenommen, die biologistisch definiert ist. Es wird plötzlich über Julfeste gesprochen, es werden die Sonnwendfeiern zelebriert auf die Ahnen, den Boden, das Blut Bezug genommen."

Studien sehen Etablierung eines rechtsextremen Netzwerkes

Viele Beobachter, auch die Autoren einer neuen Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung und die Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke, sehen in diesen Strukturen einen Nährboden sowohl für offene als auch subversive rechtsextreme und neonazistische Einflussnahme. Außerdem wird mit Vertretern dieser Ideologie im Landbau, dem Handwerk und dem Handel ein Versorgungsnetz etabliert, das den Familien eine immer stärkere Absonderung von der Gesellschaft ermöglicht. Das wirksamste Gegenmittel: Aufklärung, findet auch Pfarrer Wilfried Manneke in Unterlüß bei Celle. Als er bemerkte, dass auf einem Hof in seiner Nähe Sonnwendfeiern abgehalten wurden, machte er publik, mit welcher Gesinnung das geschieht:

"Auf dem Hof von Joachim Nahtz in Eschede finden schon seit 30 Jahren Treffen von Rechtsextremen statt. Im Juni und im Dezember zu den Sonnenwendfeiern. Dann auch noch meistens zum Erntefest. Es kommen also bis zu 300 Neonazis dort zusammen."

Manneke organisiert regelmäßig Proteste gegen die Veranstaltungen und wehrte sich 2009 erfolgreich dagegen, dass der einflussreiche Rechtsextremist und Artgemeinschafts-Vorsitzende Jürgen Rieger ein Landgasthaus in der Nähe zum neuen Nazi-Schulungszentrum machen konnte. Dass auch auf sein Haus 2011 ein Brandanschlag verübt wurde, bestärkt ihn eher noch.

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