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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas derzeitige System fördert Masse statt Klasse26.06.2020

Reform der FleischindustrieDas derzeitige System fördert Masse statt Klasse

Was Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) gerade an Änderungen in der Fleischbranche vorbereitet, klingt eher nach Ablenkungsmanöver als nach hilfreichem Ansatz, kommentiert Jule Reimer. Nötig seien anspruchsvollere Tierhaltungsvorgaben. Und: Das System der Agrarsubventionen gehöre auf den Prüfstand.

Von Jule Reimer

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04.02.2019, Niedersachsen, Garrel: Halbierte Schweine hängen im Schlachthof Böseler-Goldschmaus während des Besuchs des Ministerpräsidenten von Niedersachsen an den Haken. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
"Wir brauchen anspruchsvollere Tierhaltungsvorgaben", meint Jule Reimer. (dpa)
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Wie geht es Ihnen, wenn Sie im Supermarkt vor der Tiefkühltheke mit Fleisch stehen? Ich muss mich jedenfalls konzentrieren, bevor ich zugreife. Hier ein Label: "Gentechnikfreie Fütterung". Dort "Initiative Tierwohl" - stammt vom Bauernverband. Nächste Packung: der blaue Stern des Tierschutzbundes. Dann manchmal gleichzeitig oder allein auf der Packung: Haltungsform 1, 2, 3, 4 - bei der Wertigkeit genau umgekehrt zur Kennzeichnung bei Eiern.

Ein Mensch streichelt ein Schwein in einem Tiertransport an der Nase. (picture alliance/dpa/Bernd Settnik) (picture alliance/dpa/Bernd Settnik)Exporte der Fleischwirtschaft - Preiskampf geht nur auf Kosten der Tiere
Wer heute noch glaube, über Preise die Globalisierung gewinnen zu können und damit die deutschen Landwirte zukunftsfähig zu machen, der irre, meint Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder.

Hallo - nimmt hier irgendjemand die Pflicht ernst, Verbraucher aufrichtig zu informieren? Nein. Deshalb ich bin gegen eine sogenannte Tierwohlabgabe, solange in Deutschland die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Das Elend im Stall

Punkt 1: Schafft ein ordentliches Gütesiegel-System. Was Ministerin Klöckner gerade vorbereitet, klingt eher nach Ablenkungsmanöver denn nach hilfreichem Ansatz.

Punkt 2: Wir brauchen anspruchsvollere Tierhaltungsvorgaben. Konventionelle Tierhalter haben sonst nur die Wahl zwischen Mitmachen im gnadenlosen Billigwettbewerb oder aufgeben. (Für Milchkühe gibt es zudem bisher noch nicht mal solche Minimalregeln!)

Punkt 3: Schluss mit wirkungslosen Selbstverpflichtungen.

Punkt 4: Die Bundesregierung muss sich endlich mal erklären, wo sie hin will und ihr gesamtes Agrarsubventionssystem überprüfen. Das Elend im Stall hat auch mit dem Anspruch zu tun, die Weltmärkte zu erobern und dies gezielt mit Staatsgeldern zu fördern. Freihandel hat viele Vorteile, er bringt Vielfalt und belebt die Konkurrenz. Aber sind ausgerechnet lebendige Tiere und Lebensmittel aus Fleisch und Milch der richtige Ansatz für Exporterfolge? Das gilt übrigens auch umgekehrt: Müssen wir unbedingt unserer Autoindustrie mehr Zugang zu den nord- und südamerikanischen Märkten verschaffen, indem wir europäische Landwirte dem Konkurrenzdruck aus Übersee aussetzen, wo häufig unter gnadenlosem Umweltdumping produziert wird?

Punkt 5: Die zweite Hälfte der in Deutschland verteilten Agrarsubventionen stammen aus dem EU-Haushalt. Das derzeitige System fördert Masse statt Klasse. Derzeit wird in Brüssel darum gerungen, ob das so bleibt. Frau Ministerin Klöckner, die deutsche EU-Ratspräsident ist für Sie die Gelegenheit, das zu ändern.

Verbraucher als Billigheimer beschimpft

Verbraucherschützer weisen seit Jahren auf seriöse Studien hin, die überzeugend den Zusammenhang zwischen der Glaubwürdigkeit der Produkte und der Zahlungsbereitschaft der Kunden belegen. Ich werde es erst gerecht finden, auf Verbraucher als Billigheimer zu schimpfen, wenn unser Subventionssystem flächendeckend Tierwohl fördert und das Gütesiegel-System tatsächlich für Klarheit und Wahrheit steht.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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