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StartseiteTag für Tag„Ich dachte als Kind, dass wir mit Luther verwandt sind“28.10.2016

Reformation 500„Ich dachte als Kind, dass wir mit Luther verwandt sind“

Das Bild des Reformators hing im Arbeitszimmer ihres Vaters, eines Pastors. Nun will die 28-jährige Hanna Jacobs selbst Pastorin werden. Die Reformation interessiere ihre Altersgenossen nicht, meint sie. "Viele wissen vielleicht, wer Margot Käßmann ist und können auf einem Bild Luther erkennen. Aber das ist schon alles", sagte sie dem Deutschlandfunk.

Hanna Jacobs im Gespräch mit Christiane Florin

Die evangelische Vikarin Hanna Jacobs. (Hannes Leitlein)
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Florin: Ich bin nun verbunden mit Hanna Jacobs, sie stammt aus einer Pastorenfamilie, ist 28 Jahre alt und seit einigen Monaten Vikarin, also fast Pfarrerin, im niedersächsischen Selsingen. Sie bloggt, twittert und führt ein gelegentlich öffentliches Vikarinnen-Tagebuch. Frau Jacobs, ist es Lust oder Last im Pfarrhaus aufzuwachsen?

Hanna Jacobs: Ach, ich würde sagen zu 95 Prozent oder 85 Prozent habe ich das eigentlich als Lust erlebt und fand das immer sehr schön. Ich glaube, sonst hätte ich mich nicht dann als junge Erwachsene dafür entschieden, auch diesen Beruf zu wählen oder dieser Berufung zu folgen.

Florin: Sie haben einmal einen Teil Ihres Vikarinnen-Tagebuchs veröffentlicht und schreiben darin: "Pastoren wohnen in vollholzmöblierten Wohnzimmern mit Chagall-Bildern an der Wand und hören Bach und Händel." War das bei Ihren Eltern tatsächlich so?

Jacobs: Teils, teils. Also die Vollholzmöblierung und die Vorliebe für Chagall habe ich auch zuhause so erlebt, Bach und Händel wurden bei uns nicht so häufig gehört. Meine Eltern haben auch gerne Jazz oder Liedermacher gehört. Aber natürlich ist das eine Kultur, von der ich auch geprägt wurde, wenn man im Pfarrhaus aufwächst. Ich hab natürlich auch viele andere Pfarrfamilien gekannt. Man kennt sich ja dann vom Studium, die Eltern besuchten sich dann gegenseitig, weil man auch häufig irgendwo wohnt, wo man vor Ort nicht so viel Freunde oder Kontakte hat. Dadurch ist das schon ein Milieu, in dem ich auch so mit aufgewachsen bin und das ich jetzt auch immer wieder antreffe, wenn ich irgendwie mit anderen Pastoren zu tun habe.

"Grüne Haare - Was ist denn da bei den Pastorenkindern los?"

Florin: Was verdanken Sie diesem Milieu? Sie sagten am Anfang, es war schon eher Lust als Last, im Pfarrhaus aufzuwachsen.

Jacobs: Die Pfarrfamilie ist wie so ein kleiner Familienbetrieb, so hab ich das zumindest wahrgenommen. Dass man als Kind schon sehr früh für gewisse Aufgaben, aber auch für Verantwortung herangezogen wird: im Altenkreis irgendwie Flöte oder Klavier zu spielen und dann Kindergottesdienste und Jugendarbeit zu leiten, auf Konfirmandenfreizeiten mitzufahren. Da haben sich viele Chancen schon früh ergeben, sich einzubringen und zu zeigen, was man kann. Gleichzeitig schwingt da auch immer eine gewisse Erwartungshaltung mit. 

Florin: Welche Erwartungen?

Jacobs: Dass man sich gesellschaftlich engagiert, in der Gemeinde engagiert und dass man jetzt immer nett zu den anderen ist. Also das sind jetzt nicht Erwartungen, die meine Eltern so an mich herangetragen haben, aber man wird natürlich schon stark beobachtet, gerade wenn man eher auf dem Land lebt. Und wenn man sich dann die Haare grün gefärbt hätte, hätten das glaube ich auch alle gesehen und kommentiert und gedacht, was ist denn da bei Pastorenkindern los.

Florin: Sie haben sich die Haare aber nicht grün gefärbt?

Jacobs: Nein, rot hatte ich mal, aber ansonsten bin ich meistens meiner Naturhaarfarbe treu geblieben.

Florin: Rot-grün...

Jacobs: Rot-grün, ja.

"Ich habe mehr Interesse als Abneigung erlebt"

Florin: "Schock deine Eltern, studier Theologie" hieß mal ein Slogan, der für das Theologiestudium werben sollte. Nun nehme ich an, dass Sie Ihre Eltern nicht schockiert haben mit Ihrer Studienwahl, aber vielleicht Gleichaltrige. Was löst das aus, wenn Sie unter Gleichaltrigen sagen: "Ich werde Pfarrerin"?

Jacobs: Große Überraschung, großes Erstaunen, vor allen Dingen wenn man sich in Settings begegnet, die total unkirchlich sind, wie in der Kneipe oder vielleicht auch im Theater. Ich habe mehr Interesse als Abneigung erlebt. Ich wurde dann auch häufig schon als Seelsorgerin gesehen oder hatte das Gefühl, andere Menschen haben dadurch eher Vertrauen, mir davon zu erzählen, dass vielleicht ihre Großmutter gestorben ist oder sie sich mit irgendwas gerade beschäftigen und darüber reden möchten. Aber das größte Kompliment ist für mich immer, wenn Leute dann sagen, 'Oh ist ja krass, das hätte ich bei dir ja gar nicht gedacht'. Da denke ich immer, dann habe ich was richtig gemacht.

Florin: Warum ist das ein Kompliment?

Jacobs: Das hat mit der Wahrnehmung des Pfarrhauses, die ich jedenfalls erahne, durch  andere Menschen zu tun. Dass man (im Pfarrhaus) sehr korrekt und engagiert ist, aber vielleicht auch ein bisschen bieder und, langweilig ist jetzt ein zu starkes Wort, aber sehr gesetzt ist.

"Mischglaube" als Gottesbild

Florin: Sie sagten, Sie stoßen auf Interesse, auf Neugier, wenn Sie sagen, Sie werden Pfarrerin. Und Seelsorge ist auch interessant für Leute, die wie Sie, zwischen 20 und 30 sind. Wie ist es mit der Frage nach Gott und dem Glauben? Ist das auch interessant?

Jacobs: Also ich hab das Gefühl, dass viele dann ihre eigenen Gottesvorstellung äußern möchten oder da dann auch irgendwie mal Platz sehen, darüber zu reden, wie sie sich Gott vorstellen. Manche sagen dann, 'Ich glaube gar nicht an Gott', aber oft ist das so ein Mischglaube, 'Also ich glaub schon, dass es eine höhere Macht gibt, aber ich glaub nicht, dass das irgendwie Gott ist' oder 'Ich glaube nicht, dass ich dafür in die Kirche gehen muss' oder so. Das Gottesbild, was wir als evangelische Kirche vertreten - wenn man davon sprechen kann, dass es irgendwie eins ist - das treffe ich selten an.

Florin: Wie würden Sie dieses Gottesbild, wenn es denn eins ist, umschreiben?

Jacobs: Ich glaube an einen trinitarischen Gott: Gott der Vater, der die Welt geschaffen hat und der dann in Jesus Christus Mensch geworden ist und im heiligen Geist bis heute wirkt.

Florin: Und wenn Sie so mit Bekannten Ihres Alters sprechen, denken die nicht, die erzählt aus einer ganz anderen Welt, der ich noch nie begegnet bin?

Jacobs: Ja. Würde ich schon so sagen.

Thesen mit Tesafilm

Florin: Georg Diez, "Der Spiegel"-Kolumnist und Buchautor ist auch ein Pfarrerskind und war hier vorgestern im Interview. Er sagte: "In mir ist ein Stück Luther, auch wenn ich den Glauben verloren habe und aus der Kirche ausgetreten bin ". Steckt in Ihnen auch ein Stück Luther? Denn der gehört ja nun auch zum evangelischen Pfarrhaus, wie das Chagall Bild. Wahrscheinlich noch mehr als das Chagall-Bild.

Jacobs: Ich dachte als Kind tatsächlich immer, dass wir mit Luther verwandt sind, als ich so drei oder vier Jahre alt war, weil im Büro meines Vaters so ein Luther-Bild hing. Und irgendwann stellte ich dann fest, das war nicht so. Aber ich glaube, diese lutherische Haltung, etwas verändern zu wollen und sich bewusst einbringen zu wollen, das hat mich schon sehr geprägt. Ich weiß, dass wir im Jugendkreis mal - da war ich so 14, 15 - Plakate gemacht haben, was uns irgendwie an der Kirche stört und was wir ändern wollen und dann haben wir die mit Tesafilm an die Kirchentür geklebt. Das sind so Verhaltensweisen, Sachen immer wieder anzusprechen oder auf das, was man selber als Missstand empfindet, hinzuweisen, die bei mir schon sehr lutherisch sind.

Florin: Hat Ihr Thesenanschlag von damals aus der Jugendzeit etwas ausgelöst?

Jacobs: Es kamen dann ältere Leute vorbei, die gesagt haben, dass der Tesafilm schlecht ist für die Holztür, was anderes hat er nicht ausgelöst. Aber ich glaube, er hat in uns etwas ausgelöst, weil wir uns sehr damit auseinandergesetzt haben, wie wir als Jugendliche in der Kirche wahrgenommen werden wollen und das hat vor allem mit uns was gemacht.

"Die Ökumene nicht aus dem Blick verlieren"

Florin: Wenn Sie sagen, diese Luther-Imitation hat in Ihnen zwar etwas ausgelöst, aber nicht in der Institution: Wie reformationsbereit kann eine Institution sein?

Jacobs: Ich sehe - ehrlich gesagt - derzeit nicht, wie dieses Luther-Gedenken, dieses große Jubiläum, etwas für die Zukunft oder auch selbst für die Gegenwart, längerfristig verändern kann.

Florin: Ist es also für Sie eher eine historische Angelegenheit, 500 Jahre Reformation?

Jacobs: Ja. Und es bietet die Chance zur Selbstreflektion, das ist sicher gut. Aber ich sehe auch so ein bisschen die Gefahr, dass man sich damit so sehr um sich selber dreht und eben dann zum Beispiel die Ökumene, das Zusammensein und Zusammenglauben mit den anderen Konfessionen, aus dem Blick verliert und eben auch darüber vergisst, dass das, was wir da machen und feiern und wo wir uns seit Jahren drauf vorbereiten, als Kirche für ganz viele nicht relevant ist.

Florin: Sie meinen, für viele Deutsche insgesamt nicht relevant oder besonders für Leute aus Ihrer Altersgruppe?

Jacobs: Also ich glaube, für viele Deutsche insgesamt nicht, aber vor allen Dingen aus meiner Altersgruppe. Viele, die jetzt nicht kirchlich sozialisiert sind, wissen vielleicht, wer Margot Käßmann ist und können wahrscheinlich auf einem Bild Luther erkennen. Aber das ist dann auch schon alles.

Junge Kirchengänger als Rarität

Florin: Als Luther seine Thesen anschlug, da war er 33 Jahre alt. Sie sind etwas fünf Jahre jünger und vermutlich oft die Jüngste im Gottesdienst, oder?

Jacobs: Ja, das stimmt.

Florin: Stört Sie das?

Jacobs: Die Konfirmanden, die sind noch jünger. Aber die gehen ja nicht so hundertprozentig freiwillig. Ja, das stört mich sehr. Ich merke bei mir, aber auch bei ganz vielen anderen Vikarinnen und Vikaren, die jetzt in die Kirche so reinkommen als Mitgestalter und Mitgestalterinnen, dass da ein großes Bedürfnis danach ist, den Glauben mit anderen im gleichen Alter zu teilen und nicht eben immer nur die Konfirmanden und Konfirmandinnen zu haben und dann geht es ab 60 meist erst immer los.

Florin: Haben Sie Ideen, wie das gelingen könnte oder muss man nicht ehrlicherweise sagen: "Die Zeit der Volkskirchen ist vorbei"?

Jacobs: Ich glaube, die Zeit, dass sich alle quer durch alle Altersklassen und Milieus im Sonntagsgottesdienst versammeln, ist vorbei. Man kann Menschen stärker über Projekte ansprechen oder über Treffen und Möglichkeiten, die jetzt mit ihrer konkreten Lebenssituation zusammenhängen. Also junge Eltern lassen sich ansprechen darüber, wenn ihre Kinder irgendwie mitwirken im Kindergottesdienst oder so und dann gehen sie aber meistens auch nur dahin. Also dieses 'wir erreichen alle und alle kommen zusammen', das gelingt selten.

Institutioneller Hochmut

Florin: Sie haben in Ihrem öffentlichen Tagebuch auch geschrieben, sie könnten den Satz "Wir wollen nah bei den Menschen sein", nicht mehr hören. Was würden Sie denn stattdessen sagen? Wo wollen Sie sein?

Jacobs: Kirche ist Leib Christi und besteht aus all diesen Gliedern. Und nah bei den Menschen zu sein, dieser Ausdruck zeigt immer, dass wir uns eigentlich als eine Institution sehen, die sich gesandt fühlt zu den Menschen, die doch von uns unterschieden sind.

Florin: Sie würden also sagen, es ist zu abgehoben, wenn man das extra formulieren muss, etwas so Selbstverständliches?

Jacobs: Ja genau. Wenn man sich daran erinnern muss, dass man nah bei den Menschen sein muss, also wo will man denn bitte sonst sein?

Florin: Am Montag ist Reformationstag. Ein besonderer, weil eben damit das Reformations-Jubiläumsjahr eröffnet wird. Was würden Sie zum Reformationstag predigen? Ich erreiche Sie ja gerade in einem Predigtseminar.

Jacobs: Was ich predigen würde und was ich eigentlich ganz verlockend finde, ist diese Kritik an der Selbstoptimierung unserer Gesellschaft und vor allen Dingen vielleicht auch meiner Generation, aufzugreifen und zu gucken, wie hat Luther in seiner Selbstkritik, in seiner Angst, in seinem Sündenbewusstsein helfen können und wie können wir auch durch den Blick auf den gnädigen, uns liebenden Gott, nochmal anders auf uns selber gucken und uns von dieser Angst befreien, die der ständige Druck, irgendwie besser zu werden, ja ist. 

Florin: Luther war kein Selbstoptimierer?

Jacobs: Nein. Aber er hat unter der Angst gelitten, nicht zu genügen und dem strafenden Gott nicht zu genügen. Dass Gott nur ein strafender ist, davon sind wir ja heute, zum Glück, relativ weit weg.

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