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StartseiteTag für TagGeboren um zu drucken25.06.2019

Reformation und BuchmarktGeboren um zu drucken

Was heute die "Digital Natives" sind, waren vor 500 Jahren die "Printing Natives", sagt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann: die erste Generation des Buchdrucks. Einige dieser Natives sorgten dafür, dass die Reformation zu einem Erfolg wurde – auch mit Methoden, die heute dreist wirken.

Von Christian Röther

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Die Luther-Bibel - Teil des Denkmals des Reformators Martin Luther in Wittenberg (dpa/Peter Endig)
Die Luther-Bibel - Teil eines Denkmals in Wittenberg (dpa/Peter Endig)
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"Die Schrift, die wir uns anschauen, ist die erste Luther-Sammelausgabe, die im Oktober 1518 - bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung der 95 Thesen – herauskam", sagt der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann.

Er hat diese Sammelausgabe auf seinem Computer aufgerufen. Die digitale Revolution macht es möglich. Das Werk selbst ist Zeugnis einer analogen Revolution – der des Buchdrucks. In der Sammelausgabe finden sich mehrere frühe Schriften von Martin Luther.

Kaufmann: "Interessant ist die Story, wie es zu diesem Druck gekommen ist, die wir in diesem Fall mal sehr gut rekonstruieren können."

"Das ist interessantes Zeug"

Das Erstaunlichste an dieser Story: Luther, also der Autor selbst, wusste gar nichts von diesem Buch. Ein renommierter Drucker handelte auf eigene Rechnung, erklärt Kaufmann:

"Die Schrift ist gedruckt von dem angesehen Baseler Drucker Johannes Froben, der dann vor allem als Erasmus-Drucker allererste Bedeutung erlangt hat."

Es war in den frühen Tagen der Reformation, als Froben mehrere Luther-Drucke in die Hände fielen.

Kaufmann: "Froben ist nach Hause gefahren und hat diese Drucke seinen Vertrauten, also Angehörigen der Universität – vermutlich unter anderem Theologieprofessor Wolfgang Fabricius Capito, der später Reformator Straßburgs wurde – gegeben. Die haben sich das angeguckt und haben gesagt: Das ist interessantes Zeug."

"Der Autor erfährt Monate später von dieser Story"

Mit dieser Expertise im Gepäck bringt Froben die Luther-Schriften kurzentschlossen auf den Markt. Zuvor aber optimiert er die Texte noch ein wenig. Einen lässt er aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzen. Und auch der Theologieprofessor Capito hilft mit, so Kaufmann:

"Capito hat anonym eine Vorrede beigesteuert. Capito hat Randglossen, die Dinge hervorgehoben haben, beigesteuert. Also eine – wir würden sagen – Lektorengestalt im Hintergrund, die den Text schöner, lesbarer, nutzbarer gemacht hat."

Johannes Froben, der gut vernetzte Drucker, liefert die lateinische Luther-Sammelausgabe unter anderem nach Frankreich und England. Sie verkauft sich gut – und noch immer weiß der Autor - also Luther - nichts von seinem Glück.

Kaufmann: "Hier hat sich ein Kommunikationsprozess europäischen Ausmaßes vollständig von einem Autor unabhängig entwickelt. Und der Autor erfährt dann wirklich Monate später von dieser Story."

Schriften führen ein Eigenleben

Für Thomas Kaufmann ist das typisch für das Verhältnis von Theologie und Buchdruck in der Reformationszeit:

"Die Reformation ist nicht einfach irgendwas, das es schon gibt, sondern sie entsteht aus einem solchen Interaktionszusammenhang."

Die reformatorischen Schriften führen ein Eigenleben. Beteiligt sind Autoren, klar, aber auch Korrektoren, Übersetzer, Schriftsetzer, Drucker, Verleger, Händler.

Kaufmann: "Auch Leute mit einem Rucksack auf dem Rücken, die von Kneipe zu Kneipe ziehen und dort ihre Waren anbieten."

"Die Mitte der Reformation"

Fliegende Buchhändler – auch ein Grund, warum die Reformation Erfolg hat. Thomas Kaufmann hat diesen Erfolg nun genau seziert – nicht nur anhand der Luther-Sammelausgabe. Für sein neues Buch "Die Mitte der Reformation" hat der Kirchenhistoriker rund 1000 Drucke aus der Reformationszeit untersucht und sagt, entscheidend waren nicht die theologischen Ideen an sich:

"Ihr Wirksamwerden vermittels des Buchdrucks ist das eigentlich Entscheidende und bildet aus meiner Sicht die Mitte der Reformation. Ohne diesen Vorgang wäre nichts zustande gekommen, beziehungsweise wäre die Reformation ähnlich geendet wie alle vorreformatorischen ‚Ketzereien‘."

Also auf den Scheiterhaufen der Inquisition. Kirchliche und weltliche Herrscher konnten die Reformation aber auch deshalb nicht stoppen, sagt Kaufmann, weil viele verschiedene Akteure die reformatorischen Ideen verbreiteten. Kaufmann nennt sie "Buchakteure". Und die waren alles andere als zimperlich. Über inquisitorische Bücherverbrennungen soll einer gesagt haben:

"Umso besser. Je mehr sie verbrennen, desto mehr drucken wir nach."

"Mehr Zeit, selber zu schreiben"

Hier zeigt sich ein Denken, das typisch ist für die erste Generation, die wie selbstverständlich mit dem Buchdruck lebt. Thomas Kaufmann bezeichnet sie als "Printing Natives", in Anlehnung an die heutigen "Digital Natives". Für die ist es selbstverständlich, Informationen über Bildschirme auszutauschen.

Vor 500 Jahren beziehen die "Printing Natives" ihre Informationen aus gedruckten Schriften. Sie müssen die Texte nicht mehr selbst abschreiben. Das spart Zeit und unterscheidet sie von ihrer Elterngeneration – und das verändert Bildung und Kultur grundlegend, sagt Kaufmann:

"Sie selber, weil sie viel weniger Zeit fürs Abschreiben verwenden, haben viel mehr Energie und Zeit, selber zu schreiben."

"Nein, es lag kein Scheck dabei"

In der Reformationszeit steigt die Zahl der Veröffentlichungen rasant an. Und auch die Vermarktung verändert sich, wird kreativer, aus heutiger Sicht könnte man auch sagen: dreister. Wie im Fall der ersten Luther-Sammelausgabe, von der der Autor eben lange gar nichts wusste.

Kaufmann: "Luther hat dann – als die letzten Exemplare bereits verkauft waren, im Februar 1519 – ein Exemplar von Froben zugeschickt bekommen."

Und lag da ein dicker Scheck bei? Quasi zur Entschädigung? Ein ordentliches Honorar für Luthers Bestseller?

Kaufmann: "Nein, es lag kein Scheck dabei. Erstens war Luther ja Bettelmönch. Also Bettelmönchen zahlt man kein Geld. Da tut man bestenfalls was, damit sie überleben können, oder stiftet was für den Konvent. Ansonsten hat Luther selbst an seinen literarischen Produkten in keiner Phase seines Lebens irgendwie verdient. Er musste sogar noch hinterherrennen, dass er wenigstens ein Belegexemplar der von ihm in Jahren mühsamst übersetzten Bibel bekam."

"Luther der Frechdachs"

Mitleid mit Luther braucht aber niemand zu haben. Erstens weil es ganz in seinem Sinne war, dass seine Schriften sich verbreiteten. Und weil Luther zweitens auch selbst den einen oder anderen publizistischen Trick kannte:

Kaufmann: "Luther, der Frechdachs, hat die großartige Idee, Texte von seinen Kritikern schlichtweg nachzudrucken. Teilweise mit kommentierenden polemischen Glossen, teilweise mit Vorworten, und auch ohne jede Beigabe. Aus der Überzeugung heraus: Die Wahrheit setzt sich ohnehin durch. Also ich kann diese Texte, die letztlich gegen sich selbst sprechen, durchaus ruhig verbreiten, und werde damit meiner Sache nicht schaden. Im Gegenteil."

Auch Luther war also ein "Printing Native" im Sinne Thomas Kaufmanns: Er nutzte die neuen Möglichkeiten des Buchdrucks offensiv und mit Selbstverständlichkeit. Der Buchdruck und die Buchakteure – vom Autor bis hin zum fliegenden Händler – sie garantierten den Erfolg der Reformation.

Thomas Kaufmann: "Die Mitte der Reformation".
Erschienen bei Mohr Siebeck. 846 Seiten. 139,00 Euro.
Bei C.H. Beck ist zudem ein populärwissenschaftliches Sachbuch von Thomas Kaufmann über die "Printing Natives" in Vorbereitung.

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