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StartseiteSonntagsspaziergangAuf den Spuren von Luther und Zwingli31.10.2017

Reformationsorte Isny und MemmingenAuf den Spuren von Luther und Zwingli

Wittenberg, Eisleben, die Wartburg: Beim Thema Reformation fallen einem zuerst diese Orte ein. Doch auch im katholischen Allgäu hat sie ihre Spuren hinterlassen. In Isny kann man sich in einer besonderen Stadtführung zurückversetzen lassen. In Memmingen zeugt eine Simultankirche von den Übergängen.

Von Eva Firzlaff

Stadtansicht von Memmingen mit der Kreuzherrenkirche im Hintergrund. (imago stock&people)
Stadtansicht von Memmingen mit der Kreuzherrenkirche im Hintergrund. Die frühere Kirche des Heilig-Geist-Ordens zeigte den puristischen Bürgern den barocken Daumen der Gegenreformation. (imago stock&people)
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Eine szenische Stadtführung in Isny. Bürger spielen ihre Geschichte. Wie war das Lebensgefühl vor 500 Jahren? In der Ölbergkapelle aus dem 15. Jahrhundert trauert eine junge Frau, dargestellt von Simone Tischer, um ihr verstorbenes Baby, das eine Sünde war.

"Mein Mann ist gestorben. Und ich hab mich vom Kaplan trösten lassen. Früher war es so üblich, dass man im Trauerjahr viel zur Beichte gegangen ist. Und er stand mir dann immer bei. Und … ja… Zur damaligen Zeit: ein Kind von einem anderen Mann und dann noch vom Kaplan, das bedeutet für mich eigentlich nur: Tod. Ausgestoßen aus der Gesellschaft, das habe ich auch schriftlich. Aus allen ehrlichen Gesellschaften bin ich ausgestoßen."

Die Agatha mit dem Baby vom Kaplan gab es wirklich in Isny. Sabine Lier-Belli, die ebenfalls mitspielt, weiß von einem ähnlichen Fall.

"Da war mal ein junger Mann im Wassertorgefängnis eingesperrt. Und zwar weil eine junge Frau gesagt hat: das ist der Vater von meinem jetzt noch  ungeborenen Kind. Und er hat gesagt: nein, ich bin das nicht. Dann ist der eingesperrt worden und er hatte dann die Wahl, entweder sie zu heiraten oder sie kommt ins Armenhaus. Man weiß nicht, ob er der Vater war. Aber die Frau hat wirklich zu dem Mittel gegriffen, sie hat einen beschuldigt, denn für sie war das Leben quasi rum.

Katholiken mussten nachts raus aus der Stadt

Mit kleinen Geschichten geht es durch die im Mittelalter wohlhabende Handelsstadt. Vorbei an historischen Bürgerhäusern, entlang der trutzigen Stadtmauer mit mehreren erhaltenen Wehrtürmen und zwei Stadttoren. Man hatte was zu bewachen. Vor der Mauer steht noch eins von etlichen winzigen Häusern, hier wohnten Katholiken, die durften zwar in der Stadt arbeiten, mussten nachts aber raus.

Am Rand des mittelalterlichen Stadt-Ovals steht das Schloss. Das war nur kurze Zeit Adelssitz, vorher über 700 Jahre Kloster. Über die Jahrhunderte wurde eine Feindschaft gepflegt zwischen der protestantischen Reichsstadt und dem katholischen Kloster. Die hatte sich sogar gehalten, als das Kloster schon lange keins mehr war. Vor gut 20 Jahren kaufte eine Gemeinschaft Isnyer Bürger die marode Anlage. Mittlerweile ist sie fertig restauriert, zwei Galerien sind eingezogen. Erst jetzt gehört das frühere Kloster oder Schloss zur Stadt.

Die Schauspielerin und Theaterpädagogin Ute Dittmar hat diese besondere Stadtführung inszeniert.

"Es geht darum, die Leute in die Zeit zurückzuversetzen, aber jetzt nicht Zahlen und Daten zu vermitteln sondern was die Menschen erlebt haben, die Schicksale. Wo waren die eigentlichen Konflikte und wie weitreichend war das in der Bevölkerung. Also es geht jetzt nicht darum zu zeigen, was die Größen der Geschichte gemacht haben, sondern wie die Menschen getickt haben, die in der Zeit gelebt haben. Um vielleicht auch die Neugier für die Geschichte zu wecken."

Simone Tischer: "Ich bin selbst auch evangelisch und wohne schon seit 30 Jahren in Isny, bin sehr interessiert an Geschichte und mir macht das Spaß. Deshalb habe ich mich auch gemeldet."

Sabine Lier-Belli: "Und ich lerne ganz viel über die Reformation in Isny. Natürlich hat man das von Luthers Thesen alles schon gehört. Aber das jetzt hier im Kleinen alles so mitzukriegen, das finde ich saumäßig interessant."

Links im Chor der Nikolaikirche ist eine kleine Eisentür, dahinter die enge Wendeltreppe führt hoch zur mittelalterlichen Prediger-Bibliothek. Der kleine Raum im Turm ist vollgestopft mit Kostbarkeiten.

"Bücher aus dem Hochmittelalter, von 1180 das älteste, das geht dann bis ins 19. Jahrhundert. Theologie ist natürlich die wichtigste Disziplin, es war ja auch eine kirchliche Einrichtung. Aber da drüben haben wir Medizin, dann Jurisprudenz, also Rechtswissenschaft, dann Geografie, hier rechts Geschichte, Historia. Und das ist die Nummer sechs: Philologie."

Große alte Bücher sind mit Schnallen verschlossen

Wie im Archiv zu lesen ist, war man der katholischen Predigten überdrüssig. Zitat: "Was ihnen an Bildung und religiöser Tiefe fehlte, das suchten sie zu ersetzen durch lärmenden Vortrag, rohe Übertreibung des Ausdrucks, durch kirchliche Fabeln und weltliche Possen." Hans Westhäußer vom Förderverein Isnyer Museen zeigt kunstvoll gestaltete handgeschriebene Bücher, frühe Drucke, prächtige Atlanten mit colorierten Kupferstichen. Vieles von Thomas von Aquin, Luther, Melanchton, Zwingli. Die großen alten Bände sind jeweils mit einer Schnalle verschlossen.

"Hier dieses auch. Um das Buch aufzumachen haut man da drauf. Sie dürfen gerne mal. Schlagen Sie mal drauf. Fester. Sehen Sie: die Schnalle ist aufgesprungen. Ein Buch aufschlagen."

Fünf Jahrhunderte überstand die Prediger-Bibliothek Kriege und Brände und ist nun die einzige in ihrem ursprünglichen Zustand Erhaltene.

Einst war es etwa eine Tagesreise bis Kempten. Über Jahrhunderte waren es zwei Städte nebeneinander: evangelische Reichsstadt und katholische Stiftsstadt. Wir erfahren vom Großen Kauf. 1525 nutzten die Bürger eine Notlage des Fürstabtes und kauften ihre Stadt frei, schon vorher hatte es der Fürstabt nicht einfach mit der freien Reichsstadt mitten in seinem Herrschaftsgebiet. Und durch den Großen Kauf war der Weg bereitet für die Reformation. Unter Napoleon wurde dann der Fürststift säkularisiert, der gewaltige Barock-Bau ist nun Verwaltung und Museum, das die Prunkräume des Fürstabtes zeigt.

Innenstadt-Ansicht von Memmingen. Im Hintergrund ist die Kirche "Unsere Frauen" zu sehen. (imago stock&people)Stadtansicht von Memmingen. Im Hintergrund ist die Frauenkirche zu sehen. Über drei Jahrhunderte war sie eine Simultankirche. (imago stock&people)

Wiederum eine Tagesreise war es bis Memmingen. Hier hatte eine reiche Bürgersfamilie den Schweizer Christoph Schappeler als Privatprediger geholt. Dieser war Freund des Schweizer Reformators Zwingli und sollte nicht nur für das Seelenheil der Familie sorgen, sondern auch öffentlich predigen. Tat das erstmals auf Deutsch und prangerte die sozialen Missstände der Zeit an. Das fiel auf fruchtbaren Boden. Sabine Streck:

"Und dann entscheidet der Stadtrat von Memmingen im Jahr 1524, dass man den Glauben wechselt. Das war jetzt eine Reformation, die nicht irgendwie von oben nach unten ging, sondern es waren dann Bürger, die die Änderung wollten. Und der Stadtrat hat zugestimmt."

Die "12 Artikel" als erste Menschenrechte

Im aufgeklärten Memmingen, im Zunfthaus der Kramer durften sich sogar die aufständischen Bauern der Region versammeln. Das Kramer-Haus, in dem die berühmten "12 Artikel" entstanden, steht noch am Weinmarkt. Davor erinnert ein moderner Brunnen an die ersten sozialen Forderungen, die in einem Manifest veröffentlicht wurden.

"Diese 12 Bauernartikel  waren doch die ersten Menschenrechte, die es gegeben hat. Wir wollen die Abschaffung der Leibeigenschaft. Wir wollen die Abschaffung des Zehnten. Wir wollen, wir wollen … wir wollen eigentlich auch bloß unseren Pfarrer wählen dürfen. Wir wollen auch, wenn wir im Wald des Grundherren unterwegs sind, doch nur die Pilze sammeln und das Reisig. Und wenn jetzt der Grundherr kommt, klagt er uns als Dieb an und hackt uns die Hand ab. Einfach diese grundlegenden Menschenrechte wurden da zusammengefasst. Und was hat es gebracht – den Bauernkrieg."

… der tausende Todesopfer kostete. Die Reformation in Memmingen allerdings hatte Bestand. Und die Frauenkirche, ein Bürgerbau, war über drei Jahrhunderte eine Simultankirche.

"Simultankirche kann man sich so vorstellen: Der Chorraum gehörte den Mönchen des Klosters zum heiligen Geist. Der Hauptraum gehörte den Evangelischen als Predigtraum. Und dann gibt es noch die erste Empore, die den Nonnen des Maiengartenklosters gehörte, und eine zweite Empore für die Evangelischen. Zwischen 9.00 und 16.00 Uhr gehörte der Predigtraum den Evangelischen und danach waren die Katholischen zugange."

Von der wirtschaftlichen Bedeutung Memmingens zeugt ein gewaltiger Renaissance-Bau der Fugger-Dynastie am Rossmarkt.

"Hier war vom Großneffen dieses berühmten Jakob Fugger des Reichen aus Augsburg eine stadtschlossähnliche Faktorei. Das war eine Handelsniederlassung. Man wollte in der evangelischen Reichsstadt als katholischer Mega-Konzern einfach auch Fuß fassen. Dieser Fuggerbau war das größte, prozigste, repräsentativste, modernste Privathaus, das wir überhaupt in der Stadt hatten. Und klar, dass dort die Berühmtheiten der Zeit abstiegen."

Im 30-jährigen Krieg war der Fuggerbau für ein paar Wochen Wallensteins Hauptquartier, später dann kam sein Gegenspieler, der Schweden-König Gustav Adolph.

Im Stadtbild ist kaum Barock zu sehen, denn Prunk war den Evangelen fremd. Allerdings der Kreuzherrensaal! Die frühere Kirche des Heilig-Geist-Ordens mit prächtig verzierter Stuck-Decke. Der Orden, den man gewähren ließ, zeigte den puristischen Bürgern den barocken Daumen der Gegenreformation. Doch Memmingen blieb protestantisch, bis durch Napoleon die freie Reichsstadt zu Bayern kam.

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