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StartseiteInterview"Er entlässt Leute, die nicht seiner Linie folgen"13.03.2017

Reformen von Papst Franziskus"Er entlässt Leute, die nicht seiner Linie folgen"

Papst Franziskus scheut bei der Durchsetzung seiner Reform der Katholischen Kirche nicht den Konflikt mit Mitarbeitern im Vatikan. Er übe Druck von oben aus und entlasse Menschen, die sich offen gegen seine Linie aussprechen, sagte der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur, Ludwig Ring-Eifel, im Deutschlandfunk.

Ludwig Ring-Eifel im Gespräch mit Doris Simon

Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)
Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)
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Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur, Ludwig Ring-Eifel, zieht vier Jahre nach Amtseinführung von Franziskus Bilanz. Der Papst stelle Mitarbeiter kalt, indem er sie übergehe und nicht mehr einbeziehe, kritisierte Ring-Eifel im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Den Widerstand innerhalb des Vatikans stuft Ring-Eifel generell aber eher als gering ein. Der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio war am 13. März 2013 zum Papst gewählt worden.


Das Interview in voller Länge: 

Doris Simon: Als vor vier Jahren über dem Vatikan der weiße Rauch aufstieg, da war die Überraschung perfekt. Das Konklave hatte den Argentinier José Mario Bergoglio zum Papst gewählt, ein Mann, der auf keiner Liste stand. Und: Seither sorgt Papst Franziskus immer wieder für Überraschungsmoment. Der Mann ist populär, weltweit, aber im Vatikan hat Franziskus keineswegs nur Freunde. Die einen finden, er verwässere die katholische Lehre; die anderen hätten es gerne konkreter in Sachen Reformen.

Mitgehört hat Ludwig Ring-Eifel, der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Guten Morgen.

Ludwig Ring-Eifel: Guten Morgen!

"Reformkatalog ist dem Apparat ein bisschen über den Kopf gewachsen"

Simon: Herr Ring-Eifel, wir haben es gerade gehört: Viele Menschen, ob jetzt Katholiken oder nicht, die haben ein eher positives Bild von Papst Franziskus. Im Klerus dagegen sieht es ziemlich gemischt aus. Wie erklären Sie sich das?

Ring-Eifel: Ich glaube, das ist eine Geschichte, die man schon von Anfang an verfolgen konnte. Er ist ja gewählt worden von den Kardinälen mit dem Auftrag, vor allen Dingen erst mal die vatikanische Kurie zu reformieren, die ja damals in einem ziemlich desaströsen Zustand war, und dann hat sich doch sehr schnell herausgestellt, dass das, was er will, sehr viel umfassender ist. Er hat ja eine riesige Reformagenda vorgelegt in den ersten Monaten und eine Menge Baustellen aufgemacht.

Ich erinnere nur daran, dass er gesagt hat, wir brauchen eine arme Kirche für die Armen, wir brauchen besseren Schutz für die Minderjährigen gegen sexuelle Übergriffe, wir brauchen mehr Beteiligung für die Laien, wir brauchen mehr Barmherzigkeit und weniger kirchenrechtliche Strenge, wir brauchen eine Ökumene der Herzen und nicht nur eine Ökumene der Konsenspapiere. Das ist ein solcher Reformkatalog, der mit so viel Schwung dann auch vorgetragen und losgetreten wurde. Das war einfach diesem Apparat, auch denen, die ihn gewählt haben, doch ein bisschen viel und ist ihnen, glaube ich, ein bisschen über den Kopf gewachsen.

Simon: Wie weit sind denn die Bauarbeiten auf dieser Riesenbaustelle gekommen?

Ring-Eifel: Das ist sehr unterschiedlich. Wenn man sich so viel vornimmt, gibt es natürlich Licht und Schatten. Er ist bei einigen Dingen ein gutes Stück weitergekommen, ich denke etwa bei dieser Ökumene der Herzen, dass er da Gesten gesetzt hat der Versöhnung mit der Kirchenreformation, aber auch mit den Orthodoxen, die wirklich beachtlich sind. Ich glaube, er hat auch bei der Reform des vatikanischen Apparates schon einiges erreicht, einige Verschlankung, er hat es effizienter gemacht.

Er hat aber auch ein paar Rückschläge gehabt, zum Beispiel bei den Minderjährigen. In der Kinderschutz-Kommission, die er ja ins Leben gerufen hat, sind einige wichtige Leute ausgetreten aus Protest, weil das alles viel zu langsam und viel zu halbherzig läuft. Also eine sehr gemischte Bilanz.

"Er macht da schon richtig Druck"

Simon: Ja, langsam und halbherzig. Einige seiner Kritiker sagen auch, ist ja gut, was der alles angekündigt hat, der Franziskus, aber der setzt da viel zu wenig durch. Von außen betrachtet: Der ist ja Haupt einer durch und durch hierarchischen Organisation. Warum gibt es da nicht mehr Druck?

Ring-Eifel: Er steht ja auch an der Spitze dieser Hierarchie. Es ist ja das Paradoxe an ihm, dass er gewissermaßen zwei Rollen spielt. Er ist gleichzeitig der Chef des Ganzen und er macht gleichzeitig die außerparlamentarische Opposition. Das ist natürlich auch eine schwierige Doppelrolle, die er da innehat. Aber er übt auch Druck von oben aus. Man weiß aus dem Vatikan, dass er auch Leute entlässt, die nicht seiner Linie folgen, die sich offen gegen seine Linie aussprechen, beziehungsweise andere stellt er einfach kalt, indem er sie einfach übergeht, nicht mehr einbezieht in bestimmte Entscheidungen.

Er ist da keiner, der einfach fünf gerade sein lässt und denkt, mal schauen, wie das so weitergeht. Er macht da schon richtig Druck. Aber er ist erst vier Jahre an der Macht und dieser Apparat, so wie wir ihn jetzt kennen, hat ja doch eine jahrhundertealte Tradition und ein ungeheures Beharrungsvermögen (*).

Simon: Herr Ring-Eifel, wie stark würden Sie denn den Widerstand insgesamt im Vatikan einschätzen gegen Papst Franziskus? Geht das über alle Ränge durch, oder ist das nur ein Teil?

Verwerfungen und Widerstand aus allen Rängen

Ring-Eifel: Das ist mit Sicherheit nur ein Teil, aber es gibt ihn tatsächlich in allen Rängen. Es gibt ihn bei den Kardinälen, es gibt ihn im Mittelbau, es gibt ihn auch bei den kleinen Monsignori. Aber es ist nicht so, dass er jetzt richtig breit wäre. Es ist eher so wie in jeder großen Verwaltung oder in jedem großen Betrieb. Wenn da einer kommt, der alles umstellen will, dann gibt es etwa zehn Prozent, die sagen, oh, das ist alles ganz furchtbar. Dann gibt es etwa zehn Prozent, die sagen, super, toll, jetzt kommt endlich die große Offenbarung. Und 80 Prozent sagen, na ja, mal abwarten, mal gucken, wohin der Neue uns führt. So ähnlich sieht das, glaube ich, auch da im Apparat aus.

Simon: Hier in Deutschland haben wir in der Kirche ja auch eine sehr progressive Stimmung, unter anderem auch Kirche von unten. Da hat man sich sehr viel von ihm erwartet in Sachen Zölibat, Frauenweihe. So richtig konkret entwickelt hat sich da aber nichts. Da ist er sehr zurückhaltend.

Ring-Eifel: Ich glaube, er ist da sehr realistisch. Er ist ja Oberhaupt einer Kirche von 1,2 Milliarden Menschen in allen Erdteilen und er muss ja auch wissen, dass es nicht in allen Erdteilen so progressiv und liberal zugeht wie in Westeuropa, speziell in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum. Deswegen muss er die Dinge, die er da anstößt, sehr vorsichtig anstoßen. Etwa beim Thema Frauen hat er erst mal eine Studienkommission einberufen, um das Frauendiakonat zu überprüfen.

Simon: Die soll ja auch nur erforschen und gar nicht die Tür dazu öffnen.

"Der Papst will eine Spaltung auf jeden Fall vermeiden"

Ring-Eifel: Das ist aber immer mal bei der Kirche der erste Schritt, dass man erst mal die dogmatischen und traditionellen Grundlagen erforscht, und dann kommt der nächste Schritt. Insofern sagt er schon damit, wohin er will, aber er übereilt es nicht. Er kann es nicht übers Knie brechen. Er kann ja auch nicht eine Spaltung der Kirche provozieren. Wenn Sie so einen Riesentanker umlenken wollen und machen das zu schnell, dann bricht der Tanker entzwei, und das will er eben nicht.

Das hat er ja auch jetzt gesehen bei der Initiative mit den wiederverheirateten Geschiedenen. Da ist der Widerstand konservativer Kreise so groß, dass von einer Gefahr einer Spaltung gesprochen wird, und das will er auf jeden Fall vermeiden. Das darf er als Papst nicht in Kauf nehmen.

Simon: Und da nimmt er dann auch in Kauf, einen Rückzieher von seinen ursprünglichen Ideen zu machen?

Ring-Eifel: Ich glaube, dass er da sehr viel beharrlicher ist, als man sich das vorstellt. Er weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Er setzt seine Reformen nach und nach ins Werk und er spekuliert, glaube ich, auch, dass das, was er nicht durchsetzen wird, dass das dann sein Nachfolger durchsetzen kann. Er ist ja selber jetzt auch schon 80. So ewig lange hat er auch nicht mehr. Aber er hat eine Menge Kardinäle neu schon ernannt und wenn sein Nachfolger gewählt wird, denke ich, hofft er, dass der dieses Werk, was er begonnen hat, dann auch fortsetzen wird.

"Es wird in seine Richtung weitergehen"

Simon: Gehen Sie denn davon aus, dass die Kurie dem auch folgen wird und einen Nachfolger bestimmen würde, der ähnlich wie der jetzige Papst tickt?

Ring-Eifel: Es ist ja nicht die Kurie, die den Nachfolger wählt.

Simon: Nein, es ist das Konklave. Richtig!

Ring-Eifel: Die Kurie stellt ja von den Kardinälen im Konklave nur etwa ein Viertel. Die meisten kommen ja aus der Weltkirche und da hat er schon eine Menge Leute gewählt oder ernannt, die vermutlich auf seiner Linie liegen, und ich denke, dass das in seine Richtung weitergehen wird, ja.

Simon: Die Einschätzung von Ludwig Ring-Eifel, dem Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), zu vier Jahre Papst Franziskus. Herr Ring-Eifel, vielen Dank dafür!

Ring-Eifel: Gerne!

Simon: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(*) Anmerkung der Redaktion: Wir haben an dieser Stelle einen Fehler im Transkript korrigiert.

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