Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteKultur heuteVerlassen und verfallen – Kinos des Sozialismus14.09.2019

Regensburger Ausstellung „Cinemas“Verlassen und verfallen – Kinos des Sozialismus

Die Fotografin Margarete Freudenstadt zeigt in ihren Bildern Kinogebäude der DDR in der Wendezeit und aus dem heutigen Kuba. Die Regensburger Ausstellung „Cinemas“ bannt den Charme der heute von Verfall bedrohten Kinos, die Fluchtorte im Sozialismus waren oder sind.

Von Tobias Krone

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Chevrolet der 1950er Jahre fährt an der Front des Cine Payret in Havanna vorrüber (ZUMA)
Das Filmtheater Cine Payret im Zentrum Havannas (ZUMA)
Mehr zum Thema

Havanna-Biennale in Kuba Politische Kunst und staatliche Zensurversuche

Neues Erzählen von der DDR Welche Perspektiven braucht der Osten?

Tagung zur Rolle von DEFA-Kinderfilmen in der DDR Filmkunst mit erzieherischem Anspruch

"Man ging in West-Berlin ins Kino"

Es muss ein großer Filmtempel gewesen sein – vor langer Zeit. Die Kolonialfassade des Payret in Havanna hat ihren Stolz behalten. Nur im Innern modert es.

"Der Saal, der riesig ist, ist komplett zerstört. Das ist, als ob eine Wasserflut da durchgelaufen wäre. Die Stühle aus den Verankerungen gerissen. Da steht auch noch Wasser drin. Also wir waren drin und sind komplett zerstochen worden, weil überall Mosquitos waren."

Margarete Freudenstadt steht in der Uni Regensburg, im Foyer der Zentralbibliothek – vor der großformatigen Fotografie. Der Kinosaal im Stil der neuen Sachlichkeit – in Langzeitaufnahme.

Kinosterben auch Folge des US-Embargos

Die Lichter sind, wie in fast allen kubanischen Kinosälen, längst erloschen – und zwar nicht, weil man sich in der einstigen Unterhaltungsmetropole Havanna seiner Baudenkmäler schämen würde. Es sind vielmehr die Langzeitfolgen des US-Embargos.

"Die können die Verleihgebühren nicht bezahlen, weil die sehr hoch sind. Und dann kommt nix rein, also ist kein Film mehr zu zeigen, kein Mensch geht da mehr ins Kino."

Die Münchner Fotografin war im Mai in Kuba unterwegs – für das jüngste Kapitel ihrer Fotoreihe über Kinos des Sozialismus. Bilder von bröckelnden Kinofassaden im Kuba der Gegenwart. Kuratiert hat die Ausstellung der Regensburger Kunsthistoriker Christoph Wagner, der in der sozialistischen Filmkultur viel mehr sieht als ein Propagandamittel.

"Der Film lässt ja vielfältig Fantasiefluchten zu, er lässt Assoziationen zu, sodass die Gleichung von Film gleich Indoktrination so nicht ohne weiteres aufgeht. Und das sieht man auch diesen Filmpalästen an. Sie haben eine magische Anziehungskraft. Selbst in diesem Zustand des Zerfalls wirken wirklich die Lebensspuren wie eingeschrieben und sie zeigen in diesem Zustand eine eigentümlich anarchistische Qualität, wo sie sich dieser propagandistischen Indoktrinationsfunktion doch auf eigentümliche Weise entziehen."

Kinogebäude als abstrakte Bildkomposition der Moderne

Ob prunkvoller Neobarock, verspielter Modernismus oder schlichte Industriearchitektur, Havannas Kinos geben die ganze bunt bemalte Formenvielfalt der Epochen vor und nach der Revolution wieder.

Die Skulptur eines Hüttenwerkers steht vor der verfallenen Front des Kinos «Lichtspieltheater der Jugend» (picture alliance / Patrick Pleul / dpa-Zentralbild / ZB)Das Kino «Lichtspieltheater der Jugend» an der Heilbronner Straße in Frankfurt Oder. Das Gebäude aus der DDR-Zeit wurde am 1. Mai 1955 eingeweiht und steht seit 1998 leer. (picture alliance / Patrick Pleul / dpa-Zentralbild / ZB)

Um und durch die Kinos zog Margarete Freudenstadt auch in den frühen Neunziger Jahren. Kurz nach der Wende bereiste sie die Ex-DDR – die damals unzähligen Tempel und Tempelchen des Films – und ihre halbverlassenen Foyers. Wie beim Fotografinbesuch im Capitol Plauen war nach der Wiedervereinigung noch nicht ganz die Hoffnung gestorben in den blitzblank gebohnerten Kinosälen des Ostens. Hoffnung gerettet zu werden:

Geist der Wendezeit

"Was natürlich zu dieser Zeit starke Konkurrenz war, waren die Mediatheken, gerade im Osten. Da schossen die wie Pilze aus dem Boden und jeder hat sich das natürlich erstmal zu Hause angeschaut. Und die Kinos blieben leer."

Kurator Christoph Wagner:

"Ganz wichtig ist bei den Fotografien von Freudenstadt, sie haben keinen ironischen Blick auf die Kinos, auch der DDR nicht. Keinen herablassenden Blick, sondern die werden mit einem gewissen feierlichen, ruhigen Ernst in Augenschein genommen. Bei vielen Aufnahmen ist fast so eine gewisse Erwartungshaltung sozusagen. Als Betrachter fühlt man sich wie ein potenzieller Besucher der geöffneten Türen und man hat fast manchmal den Eindruck, den Geruch dieser Kinos mit den Fotografien mit zu inhalieren."

Und so zelebriert Margarete Freudenstadt das korallenartige Glühbirnengewölbe über dem Kassenhäuschen im Colosseum an der Schönhauser Allee in Berlin, erkundet die herbstbedunsteten Vorgärten rund um das Kinohäuschen im sächsischen Großbreitenbach und nähert sich  behutsam dem verhüllten Foyersofa, im Kino an der Friedensgrenze Guben, das damals nur noch mit Erotikfilmen Zuschauer lockte – ganz hoch im Kurs damals auch: Schwarzenegger.

Freudenstadts DDR-Kinoserie hat das Goethe-Institut bereits in den Neunzigern an verschiedenen Orten der Welt gezeigt. Wer sie heute betrachtet, wird ergriffen von einem vergessenen und vernachlässigten Kapitel der deutschen Einheit. Es ist das einer enttäuschten Erwartung. 

Die Kinos des Sozialismus und ihre Abwicklung. Tobias Krone berichtete über die Ausstellung "Cinemas – From Babylon Berlin to La Rampa Havana" von Margarete Freudenstadt, die bis 5. Oktober im Foyer der Zentralbibliothek der Uni Regensburg zu sehen ist. Zur den beiden Serien ist auch ein Bildband bei Hirmer erschienen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk