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StartseiteForschung aktuellRegenzeit für Italien21.08.2006

Regenzeit für Italien

Klimatologen konstatieren radikale Klimaänderung für Mittelmeerraum

<strong>Umwelt. - Seit einigen Jahren fallen ausgerechnet in Bella Italia immer mehr Sonnentage sprichwörtlich ins Wasser und drängen Platzregen die Besucher aus den Freilichtkinos. Die Entwicklung hat offenbar System, zeigen italienische Forscher anhand einer aktuellen Studie.</strong>

Von Thomas Migge

Experten zeichnen ein bedrohliches Bild vom Klimawechsel im Mittelmeerraum. (acqua-alta)
Experten zeichnen ein bedrohliches Bild vom Klimawechsel im Mittelmeerraum. (acqua-alta)

Ein seit einigen Jahren typischer Sommertag in Rom: vormittags scheint die Sonne und es ist sehr heiß, mit Temperaturen um die 40 Grad. Am frühen Nachmittag bilden sich immense Wolkenfelder, es wird schier unerträglich schwül und stundenlange Gewitter entladen sich. Dann, Anfang August, kommt es zu einer unerwarteten Kältewelle. Es schneit, im Hochsommer in den Alpen, und in Rom und Neapel müssen die Menschen Pullover anziehen. Auf Italiens Sommer sei kein Verlass mehr, erklärt der Wetterforscher Antonello Pasini vom staatlichen Wissenschaftsinstitut CNR:

"Es gibt bestimmte Gebiete Italiens, die diesem Wetter besonders ausgesetzt sind. Wir haben sie in den letzten Jahren untersucht und können jetzt erste Daten vorlegen, die nachweisen, wie sich das Wetter in Italien verändert hat. Wir können mit Bestimmtheit sagen, dass Italien dasjenige Land der EU ist, das am intensivsten dem Klimawandel ausgesetzt ist."

Die Wetterforscher vom CNR zeichnen ein Besorgnis erregendes Bild des Klimawandels all'italiana. Die Durchschnittstemperaturen sind in den letzten 50 Jahren - im Verhältnis zum Zeitraum 1900 bis 1950 - um 2,3 Grad Celsius gestiegen. Die Folgen: in den letzten 20 Jahren ist ein Drittel aller italienischen Gletscher geschmolzen, die Wachstumsgrenze für Wälder im Apennin ist um drei Meter gestiegen und die Zahl der durchschnittlichen Niederschlagstage nimmt ab: es regnet an immer weniger Tagen, dafür aber immer intensiver. Mit zum Teil katastrophalen Konsequenzen: in den letzten zehn Jahren kam es vier Mal zu dramatischen Überschwemmungen mit Dutzenden von Toten. Die starken Regenfälle haben in den letzten fünf Jahren 128 Erdrutsche provoziert - mit Schäden, die in Millionenhöhe gehen. Die heftigen Schauer zerstören immer öfter die Ernten. Steigende Temperaturen und auf immer weniger Tage konzentrierte Regenfälle seien Zeichen einer fortschreitenden Tropikalisierung Italiens, meint Antonello Pasini:

"Der italienische Klimawandel kann auch im Meer nachgewiesen werden. In Zusammenarbeit mit dem meereswissenschaftlichen Institut des CNR haben wir festgestellt, dass sich im Mittelmeer in den letzten zehn Jahren rund 750 tropische Fischarten und andere Meerestiere angesiedelt haben, darunter sogar asiatische Kugelfische und philippinische Muscheln! Die Temperaturen des Wassers steigen seit Jahren auf Werte um die 27 Grad. Die Folgen: Medusen- und Algenplagen an allen Küstenbereichen."

Der Anstieg der Temperaturen im Mittelmeer, so das Wasserinstitut des CNR, hat die Wasserströmungen zwischen Sizilien und Tunesien durcheinander gebracht. Gleichzeitig haben sich Fische aus dem Roten Meer im südöstlichen Mittelmeer angesiedelt. Die Strömungsveränderungen bringen diese Fische ins nördliche Mittelmeer, das aufgrund immer höherer Wassertemperaturen ideale Lebensbedingungen für diese subtropischen Tiere bietet - mit noch nicht absehbaren Folgen für die ursprüngliche Fauna und Flora. Die Wetterexperten des CNR haben aufgrund der von ihnen zusammengestellten Daten zur Klimaveränderung in Italien Computermodelle entwickelt. Mit diesen Modellen versuchen sie Prognosen über die zukünftige Entwicklung des Klimas und seiner Auswirkungen zu erstellen. Dazu die Wetterforscherin Carla Martinelli vom CNR:

"Wir können aufgrund der uns vorliegenden Daten aus verschiedenen Bereichen - Klima, Landwirtschaft, Niederschläge et cetera - Prognosen erstellen. Vor allem so genannte Verwüstungsprognosen. Wenn sich die aktuellen klimatischen Parameter nicht ändern, müssen wir mit der Verwüstung weiter Teile Süditaliens rechnen."

Besorgnis erregend, so die Wetterforscher, sei auch der Anstieg des Mittelmeers in Folge der Erderwärmung. 1,2 Millimeter steigt der Meeresspiegel pro Jahr. Unschwer vorauszusehen sind Überschwemmungen und Hochwasser. Schlechte Wetteraussichten für Italien.

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