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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWas macht eine Stadt zur gesunden Stadt?07.03.2019

Regionale GesundheitsversorgungWas macht eine Stadt zur gesunden Stadt?

Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, denn Städte sind attraktiv. Hier gibt es Arbeitsplätze, Einkaufstempel, Bildungsangebote und Unterhaltungsmöglichkeiten. Aber Städte sind auch laut, hektisch, stressig und schadstoffbelastet. Was macht eine Stadt zur gesunden Stadt, fragten Wissenschaftler auf einem Hamburger Symposium.

Von Ursula Storost

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Berlin Friedrichshain-Kreuzberg: Berliner und Touristen genießen den Sommer im Görlitzer Park (picture alliance / Eventpress Mueller-Stauffenberg)
Eine grüne Umgebung ist nicht für alle Menschen gleichbedeutend mit Wohlbefinden (picture alliance / Eventpress Mueller-Stauffenberg)
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Vor etwa 40 Jahren, im Juni 1980 berichtete Professor Ernst Effenberger, Direktor der Hamburger Anstalt für Hygiene im Norddeutschen Rundfunk über die Qualität der Stadtluft. Z.B. hatte er Polizisten untersucht, die an einer belebten Kreuzung den Verkehr regelten.

"Ich hab sie vor dem Dienst und nach dem Dienst untersucht. Ich habe ihnen Blut abgenommen und festgestellt, dass in der kurzen Zeit von zwei Stunden z.B. an dem Stephansplatz einen Bluthämaglobingehalt, also Kohlenoxydhämoglobin Gehalt von etwa 15 Prozent hatten. Also ein sehr starker Raucher, Kettenraucher etwa diesen Wert haben. Also allein durch die Inhalation dieser Luft an den Kreuzungen ist dieser hohe COHB Gehalt aufgetreten."

In Folge, so Ernst Effenberger, traten Kopfschmerzen und Ausfallserscheinungen durch mangelhafte Blutversorgung auf. Konsequenz aus dieser Untersuchung war: die Behörde forcierte die grüne Welle in der Stadt.

"So dass also die Fahrzeuge schnell durchfahren können und somit die CO2 Emission nicht mehr in diesem Maße ist."

Das Gesundheitsempfinden von Menschen ist subjektiv

Stadtluft war schon immer ein Gesundheitsproblem, sagt Professor Matthias Augustin, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Er hat das Symposium zur Stadtgesundheit organisiert. Matthias Augustin arbeitet zusammen mit anderen Natur- und Geisteswissenschaftlern an einer groß angelegten interdisziplinären Studie für die in den nächsten Jahren fünfundvierzigtausend Menschen befragt werden sollen. Es geht um eine Bestandsaufnahme der Gesundheit der Hamburger Bevölkerung. Rund zwölftausend Probanden wurden bereits interviewt. Und liefern erste Ergebnisse.

"Das Befinden von Menschen ist subjektiv und erstaunlicherweise gilt dies auch für die Gesundheit. Gesundheit ist nicht ein Status, der nur darin besteht, objektiv zu messen, hat jemand an Herz, Kreislauf, Nieren keine Probleme, sondern es geht auch darum, zu verstehen, wann fühlen sich Menschen wohl und wann nicht."

Es gibt viele Einflüsse, so Matthias Augustin, die Menschen krank oder gesund machen. Die subjektive Wahrnehmung spielt immer eine große Rolle. Z.B. bedeutet eine grüne Umgebung nicht unbedingt Wohlbefinden.

"Menschen, die mitten im Grünen wohnen, haben möglicherweise ein anderes Sicherheitsgefühl oder Unsicherheitsgefühl als jemand, der in der Stadt wohnt. Und es kann auch sein, dass Menschen, die nah am Grünen wohnen als Allergiker, als Asthmatiker über weite Teile des Frühjahr, Sommer asthmatische Beschwerden haben durch die Pollen, die dort fliegen.

Fahrzeiten zum Arbeitsplatz, Lärmbelästigung, Sozialkontakte. Alles Parameter, die die Forscher untersuchen werden, um zu erfahren, wann Menschen durch Lebensumstände krank werden. Auch der Blick aus dem Fenster krank machen, ergänzt der Gesundheitsgeograph Dr. Jobst Augustin vom UKE. Das belegt eine US amerikanische Studie an frisch Operierten

"Die eine Gruppe Patienten lag an einem Fenster mit Blick ins Grüne. Die andere Gruppe lag im Zimmern mit Fenstern gegen eine andere Hauswand. Man hat festgestellt in dieser Studie, dass die Patienten, nach der OP, die ins Grüne gekuckt haben, fünf Tage eher entlassen werden konnten also deutlich schneller genesen sind als diejenigen, die gegen eine Hauswand gekuckt haben."

Gesundheit durch ein wohlhabendes Umfeld

Ebenso, sagt Matthias Augustin, kann das das soziale Umfeld Gesundheit fördern. Das zeigt eine Studie aus Boston, bei der Menschen aus einem armen Viertel sich freiwillig umsiedeln ließen. Ob sie anschließend in arme oder reiche Viertel kamen, wurde ausgelost.

"Tausende von Menschen. Und man hat dann herausgefunden, dass diejenigen, die in eine wohlhabendere Gegend umgesiedelt wurden, signifikant weniger Wohlstandserkrankungen hatten wie Diabetes und Herz- Kreislauferkrankungen."

Erst Ende des 18. Jahrhunderts begannen Regierende und Wissenschaftler den Gesundheitszustand der Bevölkerung systematisch zu erfassen, berichtet Philipp Osten. Der Professor leitet das medizinhistorische Institut am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf.

"Da beginnt man medizinische Topografien zu verfassen, die zeichnen auf, wie ein Land beschaffen ist, wie der Boden beschaffen ist, welches Vieh dort lebt, wie viele Menschen dort leben, wie hoch die Kindersterblichkeit ist, wie hoch generell die Sterblichkeit ist. Also man geht mit den Mitteln der neuen Statistik dahin und nutzt die Methoden der öffentlichen Verwaltung, die damals ganz neu sind."

Ein großes Problem war über Jahrhunderte die Cholera, die tausende Menschen dahinraffte. Den Ursachen dieser Krankheit kam man durch Beobachtung von allgemein zugänglichen Zusammenhängen auf die Schliche. Der britische Chirurg John Snow stellte fest, dass bei der Choleraepidemie in London Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zusammenhang zwischen Sommerhitze und Häufigkeit der Erkrankungen bestand.

"Und dann hat er sich diesen Stadtplan angekuckt und festgestellt, o.k., die Toten stammen alle aus einer Ecke der Stadt in der Nähe einer Pumpe von der sich die Leute das Trinkwasser holen. Und diese Pumpe in der Broad Street, da ist er hingegangen und hat den Pumpenschlegel abgebaut, so dass man die nicht mehr benutzen konnte. Und dann hörte die Choleraepidemie in dem Gebiet auf."

Der Handel war wíchtiger als die Gesundheit

In Hamburg, so Philipp Osten, gab es 1892 die letzte große Choleraepidemie auf dem europäischen Kontinent. Fast neuntausend Menschen fielen der Krankheit zum Opfer. Grund war, dass die Hansestadt anderen Städten und selbst dem benachbarten, damals preußischen Altona, in Hygiene und Bekämpfung von Infektionskrankheiten weit hinterher hinkte.

"Die mögen die Bakteriologie eh nicht so gerne, weil dann müsste man ja auf den Hafen besonders achten, vielleicht Quarantänemaßnahmen einführen und all solche Sachen. Das ist dem Handel hinderlich. Und was dem Handel hinderlich ist, das mag der Hamburger nicht. Und dementsprechend haben die eben sehr lange gezögert eine vernünftige Wasserklärung einzuführen."

Bis heute sind viele Parameter, die Stadtmenschen krank machen, unbekannt, resümiert Philipp Osten. Aber man kann fragen, beobachten, messen und dann vielleicht Zusammenhänge herstellen. So wie seinerzeit zwischen Trinkwasser und Choleraerkrankungen.

"Also nur mit den Methoden der Statistik und der Beobachtung kommt man so weit. Das ist etwas, was man lernt. Auch für heute. Wir müssen nicht unbedingt alles haargenau wissen. Aber über eine genaue statistische Analyse, der Vergleich zwischen Temperaturdaten und Todesdaten beispielsweise können wir Verdachtsmomente entwickeln und eingreifen."

Es gibt ein Gesundheitsgefälle zwischen Arm und Reich

Was man schon vor zweihundert Jahren festgestellt, aber bis heute nicht beseitigt hat, ist ein Gesundheitsgefälle zwischen armen und wohlhabenden, gebildeten und weniger gebildeten Menschen, berichtet der Hamburger Medizinsoziologe Professor Alf Trojan. Er hat die Chancen auf ein gesundes Leben in Wohnsiedlungen untersucht, wo überwiegend sozial benachteiligte Menschen leben.

"Also nicht gut ausgestattet, z.T. auch baufällig. Weil dort die Mieten niedrig sind. Ganz häufig gibt es dort auch besonders schlechte Umweltbedingungen. D.h. auch Umweltbelastungen. Manchmal sind dort Arbeitsbetriebe, die mit Lärm und Luftverschmutzung die Lebensbedingungen verschlechtern."

In diesen Vierteln, so Alf Troja, gebe es oft keine Aufklärung über medizinische Vorsorge, kaum gesundheitsfördernde Angebote für Kinder und Jugendliche, junge Mütter, alte oder kranke Menschen. Auch wenn Krankenkassen und Sozialverbände in den letzten Jahren die Notwendigkeit solcher Angebote erkannt haben.

"Die Gesellschaftsordnung ist eine, die die Chancen auf Gesundheit nicht gerecht verteilt. Und das ist ein Kardinalthema, was doch seit einigen Jahrzehnten auch zunehmend thematisiert wird und wo es auch ausdrückliche Bemühungen gibt, da etwas zu tun."6

Altbekannte Themen – keine Problemlösungen

Wie problematisch und vielschichtig es ist, eine gesunde Stadt zu gestalten, zeigt sich an der Luftverschmutzung, so der Gesundheitswissenschaftler Rainer Fehr, emeritierter Professor der Universität Bielefeld. Seit dem Dieselskandal stehen die Grenzwerte wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Nur

"Das Thema ist altbekannt aber das Problem ist nicht gelöst. Und was dort eine neue Entwicklung ist, dass man zunehmend erkennt, dass Schadstoffe in kleineren Mengen bereits körperlich nicht gut vertragen werden, Krankheiten auslösen können, die keineswegs nur banalen Charakter haben."

Luftverschmutzung sei in diesem Sinne auch eine Geschichte der Versäumnisse des öffentlichen Gesundheitswesens, resümiert Rainer Fehr. Die Wissenschaft könne zwar erforschen, welche Mengen welcher Abgase Menschen krank machen. Für Abhilfe sorgen, müsse die Politik. Und da ist die Gesundheit nur ein Interesse  von vielen anderen Interessen.

"Da stehen auch Setzungen dahinter, Festlegungen. Auf ein Tempolimit zu verzichten auf Autobahnen, das ist eine freie Setzung oder Entscheidung, wo man sagen kann, nach meinem Eindruck haben da gesundheitliche Überlegungen keine Rolle gespielt. Und das ist sehr bedauerlich. Die gehörten da hinein."

Anders organisierte Mobilität ist z.T. politisch nicht gewollt

Genauso sieht das auch die Verkehrs- und Mobilitätsforscherin Dr. Philine Gaffron von der Technischen Universität Hamburg.

"Wenn wir eine gesunde Stadt wollen, eine möglichst gesunde Stadt und eben nicht eine Stadt, wo die Mobilität der einen die Gesundheit der anderen gefährdet, dann müssen wir unsere Mobilität anders organisieren. Und das passiert meiner Ansicht nach z.T. nicht konsequent genug."

In vielen Städten sei z.B. der öffentliche Personennahverkehr nicht attraktiv genug, um Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Zu teuer und zu unflexibel. Aber angesichts der wachsenden Probleme, Staus, Luftverschmutzung, Lärm müsse die Wissenschaft die Politik zum Handeln auffordern. Und, so Philine Gaffron, es gebe in manchen Bereichen einfache, preiswerte und schnell zu verwirklichende Lösungen. Und das sei im Prinzip auch den politisch Handelnden bekannt.

"Was z.B. interessant wäre, ist zu sagen, wir weiten das Konzept von Tempo 30 auf Straßen aus. Weil der Straßenraum besser genutzt wird, es ist weniger laut und es ist wesentlich sicherer. Das Radfahren, z.B. auf Radspuren direkt neben dem Verkehr ist wesentlich angenehmer. Und das sind Maßnahmen, die viele relativ schnell erreichen könnten, die aber z.T. politisch nicht gewollt sind."

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