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Startseite@mediasresMehr Empathie, weniger Klischees10.04.2017

Regionalzeitungen für MigrantenMehr Empathie, weniger Klischees

In den internationalen Presseabteilungen der Bahnhofsbuchläden lassen sich neben importierten Zeitungen auch regionale Ausgaben ausländischer Zeitungen finden, die ihren Redaktionssitz in Deutschland haben. Sie berichten über regionale Themen aus Deutschland - mit einem ausländischen Blickwinkel.

Der Mann mit Glatze ist von hinten zu sehen, vor ihm der Stand mit vielen Zeitschriften. Oben stehen die Worte "Presse" und "Zeitschrift" in mehreren Sprachen. (dpa)
Eine internationale Presseabteilung bietet nicht nur importierten Zeitungen an, sondern auch regionale Ausgaben ausländischer Zeitungen mit Redaktionssitz in Deutschland. (dpa)
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Corriere d´Italia

Toni Filipe sitzt in einem Café und blättert hin und wieder in einer italienischen Zeitung. Der 37-Jährige Mailänder lebt zwar schon seit 15 Jahren in Deutschland und ist auch der deutschen Sprache mächtig, bevorzugt aber Zeitungen in seiner Muttersprache.

Toni Filipe: "Weil ich will immer wissen, was in Italien passiert, weil das mein Heimatland ist. Das muss man doch alles wissen. Wir leben in Deutschland, aber trotzdem wir sind keine Deutschen!"

Corriere d´Italia heißt die italienische Zeitung, die Toni Filipe abonniert hat. Das Wochenblatt erscheint jeden Montag und das schon seit 60 Jahren. Der Verlag hat seinen Sitz in Frankfurt am Main. Ein Teil der Redaktion stammt aus Italien, aber einige Autoren sind in Deutschland geborene Italiener, erzählt der ehemalige Chefredakteur Mauro Montanari*.

Genervt von Klischees

Mauro Montanari: "Wir sprechen über deutsche Themen, aber von unserer Perspektive. Aber nicht nur. Wir sprechen auch über Italiener in Deutschland. Es sind 700.000 Italiener, die schaffen Kultur, die schaffen Gesellschaft.  Natürlich gehört eine Zeitung dazu. Ich bin ein bisschen genervt. Wenn ich eine deutsche Zeitung lese, gibt es entweder einen Fall von Mafia oder ich lese gar nichts über diese Gemeinde."

Dabei biete gerade das Leben von Menschen mit Einwanderungsgeschichte für Journalisten ein weites Feld an Themen, sagt Mauro Montanari. So haben sich in den letzten Jahren auch die Inhalte der italienischen Wochenzeitung geändert und der Leserschaft in Deutschland angepasst.

Information, Unterhaltung, Diskussionen

Mauro Montanari: "Interkulturelle Erziehung, bilinguale Schulen - das sind unsere Themen. Damals gab es nur die Information, wie ich einen Pass bekomme, wo ich an welchen Bank-Schalter gehen kann, um Geld abzuheben. Das waren damals mehr Informationen. Heute gibt es mehr Unterhaltung, mehr Diskussionen."

Russkaja Germanija

Dritte Etage im Berliner Springer-Haus - hier sitzt die Redaktion der russischsprachigen Regionalzeitung Russkaja Germanija. Jeden Donnerstag erscheint das Blatt in einer Auflage von über 63.000 Exemplaren, zu finden in Zeitschriftenläden mit internationalem Presseangebot.

Zurück zu den "Kulturwurzeln"

Die meisten Leser sind so genannte Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion. Das war anfangs nicht so, erzählt Vladimir Goff, der seit der ersten Ausgabe Chef vom Dienst ist.

Vladimir Goff: "Vor 15 Jahren, als wir gestartet sind, konnte man den Trend beobachten, dass die Russlanddeutschen die russische Kulturwurzel irgendwie abschneiden wollten. Sie sagten "wir sind Deutsche, wir werden die deutschen Zeitungen lesen, auch auf Deutsch sprechen!" Aber es war kurzfristig. Die lesen jetzt gerne auch auf Russisch."

Interessant für Werbetreibende

Auch große deutsche Unternehmen sind in den letzten Jahren auf heimatsprachige Zeitungen aufmerksam geworden: Sie haben sie als Werbefläche für sich entdeckt.

Vladimir Goff: "Wenn ein Unternehmer gezielt russischsprachige Kunden erreichen will, dann kommen die zu uns. Kommunikationsfirmen, die mit Telefonie zu tun haben, wenn die Verbindungen nach Russland vermarkten wollen, kommen die zu uns."

Hürriyet

In einem türkischen Bistro steht Hakan Yilmaz am Tresen und blättert bei einem Tässchen Mokka durch einige türkische Zeitungen. Der 30-Jährige hat festgestellt, dass deutsche Journalisten türkische Themen gerne negativ zuspitzen.

Hakan Yilmaz: "Manchmal kann es sein, dass sie das verkehrt beurteilen, dass sie vielleicht auch ein bisschen radikal umgehen, dass sie schlechte Seiten, die negativen Sachen eher zum Tagesthema machen, als das Gute."

Ein anderer Blickwinkel, mehr Empathie

Hakan Yilmaz bevorzugt aus diesem Grund die deutschen Ausgaben der türkischen Zeitungen wie die Hürriyet, denn dort schreiben auch Autoren aus der Einwanderergemeinde über türkische Belange. Es ist genau dieser Blick auf türkische Themen, der ihn überzeugt.  

Hakan Yilmaz: "Ein türkischer Journalist kann die Kultur besser nachvollziehen und er kann sich besser hineinfühlen. Zum Beispiel wenn es um irgendwelche Themen geht, die er das kulturmäßig besser bearbeiten kann, also mehr Empathie zeigen kann."

Keine mediale Abkapselung

Zurzeit wird den türkischen Zeitungen in Deutschland eine Auflagenhöhe von über 200 tausend Exemplaren bescheinigt. Von allen Einwanderergruppen nutzen türkische Migranten am stärksten heimatsprachige Tageszeitungen, so das Ergebnis einer Studie der ARD und ZDF-Medienkommission.

Insgesamt aber bevorzugen alle Einwanderer, egal welcher Herkunft, deutschsprachige Blätter – die ausländische Zeitung wird oft parallel, selten ausschließlich, gelesen. Von einer medialen Abkapselung kann damit also nicht die Rede sein.

*Anders als in einer ersten Version des Beitrags angegeben war Herr Montanari zum Zeitpunkt des Beitrags nicht mehr Chefredakteur des Corriere d’Italia.

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