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StartseiteInformationen am MorgenEve Kugler - Erinnerungen an das Grauen vom 9. November09.11.2020

ReichspogromnachtEve Kugler - Erinnerungen an das Grauen vom 9. November

Eve Kugler wurde 1938 Augenzeugin der Reichspogromnacht, in der Nationalsozialisten in Deutschland mehr als 1.400 Synagogen und jüdische Einrichtungen anzündeten und etwa 30.000 Menschen verschleppten. Als ein Attentäter 2019 in Halle die Synagoge angreift und zwei Menschen tötet, ist das Grauen wieder da.

Von Sebastian Engelbrecht

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Eine Überlebende der Reichspogromnacht 1938, Eve Kugler während eines Zoom-Interviews (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)
Sie ist eine der Überlebenden der Reichspogromnacht 1938: Eve Kugler (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)
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"Meine ältere Schwester und ich standen in der Tür unseres Zimmers, als diese Nazis unsere Möbel umwarfen, Dinge zerbrachen und so weiter. Wir sahen zu, bis der örtliche Polizeichef uns in unseren Raum zurückdrängte und die Tür zumachte. Und er sagte: Die Mädchen müssen das nicht sehen."

Eve war am 9. November 1938 sieben Jahre alt. Mitten in der Nacht, erinnert sie sich, brachen plötzlich Uniformierte in die Wohnung ein. Sie zerstörten die Einrichtung, nahmen ihren Vater Salomon Kanner fest und brachten ihn ins Konzentrationslager Buchenwald. In der Wohnung des orthodox-jüdischen Großvaters im selben Haus zerrissen und zertrampelten sie religiöse Bücher.

Passanten vor einer zerstörten Fensterfront eines jüdischen Geschäfts in Berlin nach der Reichspogromnacht 1938. (picture alliance/KEYSTONE)Passanten vor einer zerstörten Fensterfront eines jüdischen Geschäfts in Berlin nach der Reichspogromnacht 1938. (picture alliance/KEYSTONE)

Die Familie lebte in der Reilstraße 18 in Halle an der Saale. Im Erdgeschoss betrieb die Familie Kanner einen Laden. Die Eltern verkauften dort Kinderkleidung und Kurzwaren. Eva Kanner, die heute Eve Kugler heißt, erinnert sich.

"Der Familie gehörte ein Laden. Die Fenster waren alle zerborsten. Die Ware lag überall herum, und die Glastische waren auch zerstört. Meine Mutter wurde verpflichtet, alle Glasscherben zusammenzukehren. Sie standen stundenlang da und schauten ihr dabei zu, bis sie zufrieden waren und keine Glasscherbe mehr herumlag."

"Die Feuerwehr kam und sah zu"

Evas Großvater Markus Kanner hatte in den 1890er-Jahren eine kleine Synagoge in Halle gegründet. Seit dem 9. November 1938 existiert sie nicht mehr.

"Die Nazis zündeten die Synagoge an, die Feuerwehr kam und sah zu, bis sie auf die Grundmauern abbrannte. Das war die Wirklichkeit der Kristallnacht."

Mit diesem 9. November vor 82 Jahren begann die Flucht der Familie. Nach vier Wochen gelang es Eves Mutter Mia, ihren Mann aus dem KZ Buchenwald herauszuholen. Sie legte der Polizei ein gefälschtes Visum vor. Über Leipzig floh die Familie nach Frankreich. Ende 1941 konnten Eva und ihre Schwester Ruth in die Vereinigten Staaten entkommen. Die Eltern überlebten mehrere Konzentrationslager. Wie durch ein Wunder traf die Familie 1947 in den USA wieder zusammen. Alle fünf hatten die Schoah überlebt – nicht aber Evas Großeltern.

09.10.2020, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Ein Mann steht während der Schweigeminute 12:01 Uhr zum Gedenken der Opfer des Terroranschlags von Halle/Saale vor der Synagoge. Zu dieser Zeit fielen die ersten Schüsse auf das jüdische Gotteshaus. Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle wird mit Veranstaltungen und Gebeten der Opfer gedacht. Am 09. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Als ihm das nicht gelang, erschoss er eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen jungen Mann. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt) (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)Jahrestag des Halle-Anschlags - Gemeindemitglied: Der Staat hat die Bedrohung "zu 60 Prozent" erkanntAus jüdischer Perspektive sei der Alltag nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle viel zu schnell zurückkehrt, sagte Ygor Matviyets von der dortigen Jüdischen Gemeinde im Dlf. 

"Es war, als wäre wieder überall Kristallnacht"

Seit 30 Jahren lebt Eve Kugler in London. Heute ist sie 88 Jahre alt. Als sie am 9. Oktober vergangenen Jahres vom Anschlag auf die Synagoge in Halle hörte, war sie schockiert.

"Es war, als wäre wieder überall Kristallnacht. Ich konnte es nicht glauben: Wie konnte das passieren? Ich fühlte, als wäre es die Zerstörung unserer Synagoge, der Synagoge meines Großvaters, meiner Familie. Dieser Angriff war noch einmal dieselbe Sache. Ich fühlte mich, als würden wir wieder angegriffen."

"Die Geschichte kann sich wiederholen"

Eve Kugler will das Gedenken an die Reichspogromnacht, an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in der NS-Zeit, lebendig erhalten. Sie hat ein Buch über ihre Lebensgeschichte geschrieben, hält Vorträge und erzählt in Schulklassen, wie es ihrer Familie erging.

Außerdem engagiert sie sich für den "March of the Living", den Marsch der Lebenden, eine Organisation, die das Wissen über den Holocaust weitergibt. In diesem Jahr beteiligen sich 50 Synagogen in aller Welt daran. Gemeinsam mit Einzelpersonen, Institutionen und anderen Gotteshäusern lassen sie in der Nacht das Licht brennen – als Symbol des gemeinsamen Kampfes gegen Antisemitismus.

Dem Judenhass hält Eve Kugler entgegen, sie wolle "laut aussprechen", was damals war. "Die Geschichte kann sich wiederholen", sagt sie. Eins will sie auf keinen Fall: danebenstehen und zusehen – wie die Feuerwehrmänner, die am 9. November 1938 in Halle zuschauten, wie die Synagoge des Großvaters abbrannte.

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