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StartseiteKulturfragenAufklärung heißt, mutig zu denken31.01.2021

Reihe: "Auf der Suche nach dem Wir" (Teil VI)Aufklärung heißt, mutig zu denken

Selbstdenken reicht nicht, es muss auch kritisch und selbstreflexiv sein, sagte Philosophin Marie-Luisa Frick im Dlf. "Wir brauchen ein Verständnis über den gemeinsamen Weltbezug". Aufklärung sei kein homogenes Projekt, sondern eine Kultur der Kritik.

Marie-Luisa Frick im Gespräch mit Michael Köhler

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Porträt der Philosophin Marie-Luisa Frick. (imago / Horst Galuschka)
Marie-Luisa Frick, Philosophin. (imago / Horst Galuschka)
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"Folgen wir der Wissenschaft", sagte Kanzlerin Merkel vor Weihnachten in der Generaldebatte im Deutschen Bundestag. Sie kündigte damit einen harten Lockdown an und griff die Empfehlung der Wissenschaftsakademie Leopoldina auf. Der neue US-Präsident Joe Biden reagiert auf die Corona-Pandemie und hat erstmals einen Wissenschaftsminister ins Kabinett berufen.

Aufgeklärte Politik macht sich wissenschaftliche Expertise zunutze. Die Innsbrucker Philosophie-Professorin Marie-Luisa Frick: "Das ist die Wissenschaft, die wir brauchen. Eine strenge, objektive Wissenschaft, die nicht selbst Politik macht, aber vorbereitet für politische Entscheidungen."

Bildcollage aus unterschiedlichen Bildern: junge Menschen am Tisch, Beine von Menschen in bayrischer Tracht und Hände, die sich halten

Wie gehen wir dann damit um? Dazu Frick: "Nehmen wir die Kosten, die mit den Einschränkungen verbunden sind, auf uns? Das ist eine Entscheidung, die außerhalb der Wissenschaft liegt."

Aufklärung als disparate Bewegung

Die historische Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts ging mit einem Modernisierungsschub, einem Rationalisierungsschub und einem Individualisierungsschub einher. Die Moderne steht im Zeichen der individuellen Freiheit. Der aufgeklärte Mensch befreite sich aus den Fesseln der Fremdbestimmung.

Die Aufklärung ist aber kein homogenes Projekt, betont Marie-Luisa Frick. "Wir müssen uns die Werkzeuge selber schmieden. Aufklärung ist eine Tätigkeit. Wir müssen etwas tun." Jede Generation müsse sich das neu erarbeiten.

Auf Postkolonialismus-, gender- und Rassismus-Debatten angesprochen, sagte die Philosophin, dass die blinden Flecke der Aufklärung wohlbekannt sind. "Es ist wichtig auf die blinden Flecke hinzuweisen", nicht weil das so unmoralisch sei. Die historischen Denker sind in bestimmte kulturelle Gegebenheiten verwickelt gewesen, die es zu benennen gilt. Es gebe durchaus blinde Flecken, was Rassismus und die Stellung der Frau betrifft. Nicht alle, die von Freiheit sprachen, hätten auch die globale Unfreiheit in den Blick genommen.

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack (© Gregor Hofbauer/Brandstätter Verlag) (© Gregor Hofbauer/Brandstätter Verlag)Teil V - Solidarität muss man sich leisten können Wie können Empathie und Solidarität in eine Gesellschaft zurückkehren, die mehr und mehr auf Leistung und Konkurrenz ausgerichtet ist? Der Mensch werde als soziales Wesen geboren, sagt die Politologin Barbara Prainsack. Er dürfe diese Eigenschaft aber nicht verlernen.

Kultur der Kritik

Vernünftig sein, heiße auch, Einsicht zu haben in die Macht der Unvernunft. Nur eine aufgeklärte Aufklärung wisse um ihre Abgründe. Aufklärung sei wesentlich eine Kultur der Kritik, so Philosophin Frick. Auch Populisten, Corona-Leugner, "Querdenker" nehmen für sich auch in Anspruch kritische Menschen zu sein. Wo endet dann die Aufklärung?

"Genau darüber muss man streiten." Es helfe nicht, ihnen vorzuwerfen, sie seien einem rationalen Diskurs nicht gewachsen. Die Gruppen müssen darauf befragt werden, was ihre "eigenen epistemologischen Voraussetzungen sind".

Es gebe nun mal eine beängstigende Konjunktur von Verschwörungserzählungen. Daher soll gefragt werden: "Woran machen sie fest, dass sie Einsichten haben, die anderen Menschen verschlossen sind?"

"Viele, die unter dem Deckmantel des Selbstdenkens daherkommen, machen sich nicht die geringste Mühe, sich einzuarbeiten in ein Thema, sondern sie konsumieren second hand Halbwahrheiten. Und das ist das Gegenteil von kritischem Denken. Man muss gründlich über Methoden des Wissenserwerbs streiten."

Macht Lust auf Demokratie: das neue Werk der Philosophin Marie-Luisa Frick (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker / reclam Verlag) (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker / reclam Verlag)Marie-Luisa Frick: "Zivilisiert streiten" - Konflikte gehören zur Demokratie
Die Philosophin Marie-Luisa Frick hat ein wichtiges Buch über die Streitkultur in der Demokratie geschrieben. Ihre frohe Botschaft lautet: Demokratie funktioniert auch ohne Einigkeit – solange man sich über die Demokratie als solche einig ist.

Reflexive Kritik

Weniger über die Inhalte, sondern über die Voraussetzungen wie wir zu unseren Meinungen gelangen, müsse gestritten werden. Wer eine feste Meinung hat und nur Bestätigung suche, müsse sich sagen lassen: "Das ist ein unwissenschaftliches, unaufgeklärtes Denken. Denn ein Mensch, der eine Überzeugung hat, muss sich immer auch fragen, welche Bedingungen müssen eintreten, damit ich sie ändere. Diese Bedingungen müssen klar für sich und für andere benannt werden."

Die Kritik müsse selbstreflexiv sein, sonst sei sie keine. "Man muss sich selbst darüber aufklären, was sind die Bedingungen meines Urteils. Wann fallen die Bedingungen weg und wann müsste ich meine Meinung ändern?"

Eine gleiche Vorstellung von Realität sei erforderlich. "Wir brauchen ein Verständnis über den gemeinsamen Weltbezug", so die Philosophin.

Zugleich warnt Frick vor "exzessivem Selbstdenken". Sie versteht darunter ein Denken, das sich alles zutraut. Fachleute kennen ihre Grenzen. Das sollten auch die übrigen Bürger tun. Ein selbstreflexives Denken sei nötig. Was kann ich überhaupt selbst wissen, wo muss ich Vertrauen schenken? Was kann ich selbst nachprüfen und wo bin ich abhängig von der Expertise anderer. Selbstdenken alleine sei noch nicht aufklärerisch.

Energie des Denkens

In der "Energie ihres Denkens" liegt, wie Ernst Cassirer es formulierte, der bleibende Wert der Aufklärungsphilosophie. Den möchte Frick nutzbar machen und schließt damit an Cassirer an. Der säkulare, liberale Verfassungsstaat habe das nötig, um nicht von innen angegriffen zu werden.

Dazu Frick: "Unsere moderne Version einer Gemeinschaft muss diese Balance schaffen, nicht in eine identitäre Gemeinschaftslogik zu verfallen, die wiederum die Demokratie zerstört, mit ihrem exklusiven Potential, aber trotzdem eine gewisse Verbindlichkeit, ein gewisses verbindendes Gefühl auch zulässt oder bereitstellt. Und ich glaube jetzt, in solchen existentiellen Krisen wie der gegenwärtigen, sehen wir, dass es nicht reicht, einfach nur nebeneinander zu leben. Es braucht auch ein gewisses Maß an Gemeinschaft. Und die Frage ist, woher kommt das und wie weit darf es gehen?"

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