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StartseiteFirmenporträtHostienproduktion als lukratives Geschäft06.04.2018

Reihe: Backstuben für "das Brot des Lebens"Hostienproduktion als lukratives Geschäft

Die Hostien-Bäckerei unterliegt hohen Anforderungen, denn die Hostie, die beim katholischen Abendmahl an die Gläubigen verteilt wird, ist der Leib Christi, "das Brot des Lebens". Das wissen auch die Mitarbeiter des Benediktinerinnenklosters Varensell. Dort werden täglich 40.000 Hostien gebacken - nicht nur für den Eigenbedarf.

Von Claudia Ullrich-Schiwon

Die Hostie bei einem Abendmahl (CTK / Jan Halady)
Die Hostie steht symbolisch für den Leib Christi, den der Gläubige in sich aufnimmt (CTK / Jan Halady)
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Reihe: Backstuben fürs "Brot des Lebens" Gläserne Bäckerei fürs fromme Produkt

"Eine leichte Arbeit, aber man muss ein bisschen üben, dass man nicht daneben bohrt oder in den Finger bohrt. Ist immer ein bisschen riskant."

Schwester Beate sitzt an einem rechteckigen Tisch mit einem hydraulischen Edelstahlbohrer und hat einen Holzkasten in DIN A4- Größe vor sich. In diesem liegen gestapelt 50 hauchdünne, gebackene Platten, durch die sie jetzt mit dem messerscharfen Bohrer die Hostien aussticht. 3,5 Zentimeter im Durchmesser. Es sieht so ähnlich aus, wie das Arbeiten an einer Nähmaschine.

"Ist ein bisschen monoton, ist ein Dienst für die Kirche."

Die 1902 gegründete Benediktinerinnenabtei Varensell bei Rietberg in Ostwestfalen ist, historisch gesehen, noch ein recht junges klösterliches Unternehmen.

Auch das Kloster will wirtschaftlich sein

Die weiß gestrichene Abteikirche mit zwei hohen Glockentürmen und den angrenzenden weißen Gebäuden ist in dem kleinen Ort nicht zu übersehen. Der Klosterbetrieb ist angelegt, wirtschaftlich zu arbeiten.

Äbtissin Mutter Angela Boddem:

"Ich würde sagen, die Wurzel ist eine völlig andere, aus der wir kommen, wenn wir wirtschaften. Also von der Regel Benedikts her ist es ja so: Es gehört dazu, von der Hände Arbeit zu leben."

35 Schwestern leben, beten und arbeiten in Varensell. In der Verantwortung der jeweiligen Äbtissin liegt es, dass das Kloster auch betrieblich mit der Zeit geht.

"Heute gibt es eben Schnittstellen und Parallelen zu einem Wirtschaftsunternehmen, damit wir wirklich Geld erwirtschaften können und nicht mehr wie früher Nahrungsmittel tauschen gegen irgendetwas zum Beispiel."

Start-up klappt nicht im Kloster

Die Benediktinerinnen in Varensell backen seit über 100 Jahren Hostien. Ein zweites Standbein ist die Paramentik, die Herstellung liturgischer Gewänder mit feinsten Stickereien für die Priester. Ein drittes Standbein -ganz im Sinne Benedikts – gilt der Pflege der Gastfreundschaft. Das Kloster Varensell betreibt ein Gästehaus mit 28 Zimmern für Exerzitien, Tagungen und verfügt über Gruppenräume für wechselnde Kursangebote.

"Es ist immer leichter, das fortzuführen, was sich bewährt hat und da merken wir jetzt, dass wir mit unseren traditionellen Produkten vielleicht eher an ein Ende kommen, weil sich das ganze kirchliche und religiöse Umfeld massiv verändert hat. Und Start-up, was ganz Neues zu machen, das wäre schön und spannend, aber es hängt von den Schwestern ab, die da sind. Von dem was die können, was die mitbringen, und da haben wir eben nicht mehr so die Möglichkeiten wie früher."

Von den 35 Schwestern sind, bis auf zwei, alle im Kloster an den verschiedensten Stellen im Einsatz. Obwohl das Durchschnittsalter bei 71 Jahren liegt. Deshalb arbeiten heute im Kloster Angestellte in allen Bereichen mit.

Zum Beispiel Gregor Papenfort. Er ist seit neun Jahren Betriebsleiter der Hostienbäckerei. Diese ist im Untergeschoss des Klosters untergebracht. Der Backraum ist etwa zehn mal zehn Meter groß und fünf hohe Fenster geben viel Tageslicht. Im Raum dominiert die lange automatische Backmaschine. Gregor Papenfort ist morgens der Erste im Betrieb:

"Ich fange um halbsieben Uhr an mit dem Backen. Dann kommen die anderen Angestellten. Bis dahin habe ich auch schon einen Kessel leer gebacken."

Das sind 40 Liter Teig, der aus reinem Weizenmehl Typ 405 und Wasser besteht. Nach kirchlichen Vorgaben ist das seit Jahrhunderten so.

Am Anfang war das Kohlefeuer

An jedem Tag werden sechs Kessel Teig verarbeitet, aus denen 40.000 Hostien gebacken werden.

Fast jeden Tag schaut Schwester Diethild vorbei. Sie hat die Hostienbäckerei über 20 Jahre geleitet und die technische Revolution in der Backstube miterlebt.

"1908 wurden die ersten Hostien gebacken für den Eigenbedarf und für die Gemeinde und 1912 bekamen wir von Paderborn die Genehmigung, die Hostien zu verkaufen. Ab dann war es Gewerbe für uns. 1926 bekamen wir erst Strom. Bis dahin wurden die Eisen mit Kohle von unten geheizt."

Knochenarbeit für die Schwestern. Der Durchbruch kam 1963, erinnert sich Schwester Diethild:

"Da ist unsere damalige Äbtissin Mutter Juliana Tüte auf einer Ausstellung in Düsseldorf gewesen und hat diesen Automaten da gesehen, als Waffelautomaten."

Der neue Backautomat hatte 18 Eisen, und dadurch konnte die Produktion der Hostien enorm gesteigert werden. Der Kundenstamm wurde nicht nur auf ganz Deutschland erweitert, Abnehmer wurden auch in Norwegen, Schweden, Dänemark gefunden, und eine Zeit lang wurden Hostien bis nach Korea versendet.

Doch die Zeiten ändern sich. Immer weniger Menschen gehen regelmäßig in die Kirche und zu den Sakramenten, Gemeinden fusionieren wegen Priestermangels. Das Kloster merkt seit Jahren langsam aber stetig, dass der Bedarf geringer wird, sagt Mutter Angela Boddem. Da könnte man ja auf die Idee kommen, neue Märkte für das Hostiengeschäft zu erschließen.

"Ich glaube das ist sehr illusorisch, weil es gibt ja auch in anderen Regionen, in anderen Kontinenten auch Hostienbäckereien, und das sind oft kleine Schwesterngemeinschaften z.um Beispiel in Afrika, und wir möchten nicht denen eine Konkurrenz sein."

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