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StartseiteDlf-MagazinEin Dachdecker brach gen Osten auf11.09.2014

Reihe EinheitscheckEin Dachdecker brach gen Osten auf

Die Nachfrage nach Bauleistung in den neuen Bundesländern war enorm, bereits 1990, ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer, entschied sich der Saarbrücker Dachdecker Horst Güth dort zu arbeiten. In der Hochzeit, Mitte der 1990er Jahre habe der Betrieb 40 Mitarbeiter beschäftigt. Das Engagement in den neuen Ländern endet für die Firma 2002 mit einem Verlust.

Von Tonia Koch

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Gerhard Güth steigt auf eine Leiter. Der Dachdeckermeister begutachtet die Sanierung einer Balkonentwässerung. Keine große Sache, aber der viele Regen der letzten Wochen hat so manche Schwachstelle aufgedeckt. Die Villa aus der Gründerzeit, baulich in tadellosem Zustand, erinnert den Saarbrücker Unternehmer an seine Jahre in Cottbus.

"Auch in Cottbus gibt es schöne Gebäude, die zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung alle in teilweise katastrophalem Zustand waren. Zum Beispiel die Verkehrsbetriebe in Cottbus, das waren historische Lokschuppen, die wir zu machen hatten, die Lausitzer Rundschau, das waren alles interessante Projekte und dann natürlich auch die ein oder andere Kirche, alte Stadtvillen mit interessanten Dachtopografien, das war handwerklich hochinteressant."

Die Nachfrage nach Bauleistung in den neuen Bundesländern war enorm, bereits 1990, ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer, entschied sich Horst Güth, Seniorchef des alteingesessenen Saarbrücker Dachdeckerbetriebes, sich dort wirtschaftlich zu betätigen. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, sagt Güth.

"Das hing zusammen mit der Volksabstimmung 55 hier im Saarland. Da war man für die Frage sensibilisiert, obwohl Berlin weit weg war, für die Saarländer, aber sie waren vielleicht durch die zweimalige Abtrennung mehr sensibilisiert als andere."

Häufige Reisen in die DDR, vor allem in die alte Heimat seiner Frau, nach Weimar, halfen bei der Entscheidung. Dass er sich nicht für Thüringen sondern für Brandenburg entschied, habe an Vorwende-Kontakten zwischen Saarbrücken und Cottbus gelegen.

"Dann gab's die Städtepartnerschaft Saarlouis-Eisenhüttenstadt, das war die Erste, Saarbrücken Cottbus die Zweite. Insofern war dann Cottbus, aus emotionalen Überlegungen heraus, die Stadt, wo wir uns engagierten."

Überdies hatte die Saarbrücker Zeitung ebenfalls im April 1990 die Tageszeitung Lausitzer Rundschau übernommen, was für eine rege Reisetätigkeit sorgte. Saarbrücken war über eine Flugverbindung an Cottbus angebunden.

"Da gab es einen Flieger, einen Privatflieger, es war sogar eine Düsenmaschine, es sind 740 Kilometer bis dorthin. Dort sind wir noch gelandet, die russischen Flugzeuge waren ja noch nicht weg, da standen die Migs, und wir sind zwischen den Migs gelandet. Das war abenteuerlich."

In Cottbus übernimmt der Unternehmer Teile einer PGH, einer Produktionsgenossenschaft Handwerk, die verschiedene Gewerke unter einem Dach vereinte, die Güth Bedachungs GmbH. Der Meister geht mit 15 Beschäftigten an den Start, dem Wunsch, sämtliche Dachdecker aus der Sparte zu übernehmen, entspricht Horst Güth nicht.

"Wenn man dann die Verhältnisse sah und die Beschäftigten, die sollten übernommen werden. Aber der dort engagierte Unternehmer entschied eigentlich alleine, wen er nimmt und wen er nicht nimmt. Das war für mich damals nicht einfach, muss ich ehrlich sagen, das ging mir schwer an die Nieren, so etwas zu machen. Aber die Rationalität und die Zahlen spielen auch eine Rolle."

Los ging es in einer Baracke und Lastwagen voller Material, die in Saarbrücken beladen wurden, erzählt Güth. Wenig später habe man dann ein Grundstück erworben und in den Bau und die Ausstattung eines Firmengebäudes etwa eine Million Mark gesteckt. Dann geht es schnell. Aufgrund der enormen Nachfrage nach Bauleistungen sei das Unternehmen dann kontinuierlich gewachsen. In der Hochzeit, Mitte der 1990er Jahre habe der Betrieb 40 Mitarbeiter beschäftigt.

"Wir hatten also schon geglaubt, dass das eine Entwicklung ist, die nicht auf diesem hohen Niveau fortlaufen wird, aber doch auf einem durchschnittlichen Niveau. Dann ging die wirtschaftliche Entwicklung doch nicht so weiter, wie wir uns das vorgestellt hatten, vielleicht waren wir da blauäugig, andere auch, da waren wir in guter Gesellschaft. Aber dass der Abschwung so stark ist, habe ich so nicht erwartet, muss ich ehrlich sagen."

Keiner der beiden Söhne will das Geschäft in Cottbus dauerhaft übernehmen. Die beiden hätten zu sehr an der Saarbrücker Scholle geklebt, was Juniorchef Gerhard Güth mit einem Schmunzeln einräumt.

"Ja, hätte ich dort vielleicht die Frau fürs Leben kennengelernt, eine nette, hübsche Brandenburgerin, hätte das vielleicht Veränderungen hervorrufen können. Nee, meine Frau ist ein ‚Saarbrücker Mädsche', und das hat sich so nicht gefügt."

Nach 12 Jahren, 2002 löst das Familienunternehmen Güth die Gesellschaft in Cottbus auf. Das Geschäft war eingebrochen, sagt der Junior, der wie der Vater Dachdecker und studierter Betriebswirt ist.

"Ab Mitte der 90er Jahre hat die Nachfrage drastisch nachgelassen in den neuen Bundesländern, sodass dann die Überkapazitäten im Bereich Bau-, Bauhandwerk drastisch abgeschmolzen werden mussten. Natürlich führt man dann als Mittelständler einen Kampf und will das auch nicht aufgeben so ein Unternehmen, das man mit viel Herzblut in der emotionalen Freude um die Wiedervereinigung aufgebaut hat. Aber letztendlich muss man akzeptieren, wenn die Marktsituation es nicht mehr hergibt, das Unternehmen dort sinnvoll zu betreiben, dann muss man es aufgeben."

Ein Teil der Mitarbeiter folgt Güth nach Saarbrücken, kehrt aber im Laufe der Jahre in die alte Heimat zurück. Und vor Ort in Cottbus übernimmt ein Existenzgründer das, was er an alten Betriebsmitteln gebrauchen kann. Das Engagement in den neuen Ländern endet für die Firma Güth mit einem Verlust. Trotzdem würde der heute 73-jährige Senior es erneut wagen, weil, es sei es wert gewesen.

"Die Wiedervereinigung war in meinen Augen - auch aus heutiger Sicht - immer noch ein Wunder."

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