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StartseiteCampus & KarriereEngland legt ausländischen Fachkräften Steine in den Weg 16.08.2019

Reihe "Fachkräfte auf Wanderschaft" (5)England legt ausländischen Fachkräften Steine in den Weg

Für EU-Bürger ist es bislang kein Problem, in Großbritannien zu arbeiten, aber das wird sich nach einem Brexit ändern. Für qualifizierte Kräfte aus dem Rest der Welt bietet sich momentan ein paradoxes Bild: Sie werden eigentlich dringend gebraucht und doch gibt es restriktive Zuwanderungshürden.

Von Imke Köhler

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Blick über die Londoner Themse zum House of Parliament und Big Ben (picture alliance / Markus Gann)
Der Brexit könnte den Fachkräftemangel in Großbritannien noch einmal deutlich verstärken (picture alliance / Markus Gann)
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Nora Perone ist 27, US-Amerikanerin und ausgebildete Sängerin und Schauspielerin. Nun ist sie mit einem Visum in Großbritannien. Dabei zählt sie zweifellos zu den Privilegierten: Denn Nora Perone hat eines der "exceptional talent visas" ergattert – ein Arbeitsvisum für außergewöhnlich Begabte. Bis sie dieses Visum endlich hatte, war es allerdings ein langer Weg. Zwischendrin hatte sie Panik, erzählt sie, weil es nach der Bewerbung erst einmal acht Wochen gedauert hat, bis eine Antwort kam, aber dann hatten sich die Bestimmungen geändert und alles ging von vorne los. Am Ende hat sich Nora eine Anwältin genommen, die sich mit Visa-Formalitäten auskennt. Die Bewerbung ist dadurch aber ziemlich teuer geworden. Zunächst einmal musste sie sich von offizieller Stelle bestätigen lassen, dass sie talentiert ist. Damit waren die ersten 300 Pfund weg:

"Und das Visum selbst kostet auch 300 Pfund. Aber dann musst Du auch für Deinen Krankenschutz bezahlen – das müssen alle Immigranten machen. Das sind noch mal 400 Pfund pro Jahr, das muss man im Voraus zahlen – für ein Fünfjahresvisum. Alles in allem waren das 2600 Pfund fürs Visum, und da sind die Anwaltskosten noch nicht mit dabei. Das war locker dreimal so viel, wahrscheinlich mehr."

Die Sängerin und Schauspielerin Nora Perone ist mit einem "Exceptional talent"-Visum in Großbritannien (Foto: Imke Köhler)Die Sängerin und Schauspielerin Nora Perone ist mit einem "Exceptional talent"-Visum in Großbritannien (Foto: Imke Köhler)  
Wer seinen Job verliert, muss raus aus dem Land

Premier Boris Johnson hat angekündigt, dass künftig mehr Talent-Visa vergeben werden sollen, damit auch die Wissenschaft weiterhin Spitzenforscher anwerben kann. Mit dem Talent-Visum kann Nora Perone nun immerhin fast fünfeinhalb Jahre im Land bleiben, ohne weitere Vorgaben einhalten zu müssen. Das ist bei regulären Arbeitsvisa anders. Fachkräfte, die nicht aus dem Europäischen Wirtschaftsraum stammen, müssen normalerweise zahlreiche Kriterien erfüllen: Sie müssen Sprachkenntnisse und einen Arbeitsvertrag mit einem Jahreseinkommen von mindestens 30-tausend Pfund nachweisen. Zudem ist ihr Arbeitsvisum nur zweieinhalb Jahre gültig, gleichzeitig aber deutlich teurer als ein Talent-Visum. UND: Die Aufenthaltserlaubnis ist an den Job geknüpft. Wer den Job verliert, muss in der Regel auch das Land verlassen.

Restriktive Regeln nach dem Brexit auch für EU-Bürger

Nach dem Brexit sollen diese Regeln auch für EU-Bürger gelten, die neu angeworben werden. Luna Williams glaubt nicht, dass Großbritannien unter diesen Bedingungen für qualifizierte EU-Bürger attraktiv bleibt:

"Wenn ich zum Beispiel ein deutscher Ingenieur wäre, dann würde ich mich fragen, warum ich so viel Geld bezahlen soll, wenn ich genauso gut woanders hingehen kann, angesichts der Personenfreizügigkeit in der EU. Ich glaube, dass die britische Regierung sich dieses Problem anschauen und überlegen muss, wie sie Leute dazu bringen kann, nach Großbritannien zu kommen."

Schon jetzt 200.000 unbesetzte Stellen

Luna Williams ist Sprecherin des Immigration Advice Service, eines juristischen Beratungsdienstes, der Ausländern dabei hilft, ein Arbeitsvisum für Großbritannien zu beantragen. Mit dem Brexit wird sich die Lage verschärfen, meint sie. Dabei ist die Lage in vielen Bereichen schon schwierig, wie Steve Turner von der Gewerkschaft "Unite the Union" deutlich macht:

"Engineering UK – der Berufsverband der Ingenieure – hat gesagt, dass im nächsten Jahr 180.000 Stellen nicht besetzt werden können. Und das ohne die Auswirkung eines No-Deal-Brexit. Also schon jetzt gibt es fast 200.000 unbesetzte Stellen."

Jährlich nur 20.700 Arbeitsvisa

Ingenieure stehen deshalb auf der "Shortage Occupation List", vergleichbar mit der Positivliste der Bundesagentur für Arbeit. Hier werden Mangelberufe aufgeführt. Fachkräften aus diesen Berufsgruppen wird die Zuwanderung erleichtert, etwa indem die Mindesteinkommensgrenze gesenkt wird. Allerdings stehen jährlich nur 20.700 Arbeitsvisa zur Verfügung. Das führte im vergangenen Jahr zu massiver Kritik, denn als das Kontingent ausgeschöpft war, wurden hochqualifizierte Bewerber abgewiesen – unter ihnen hunderte indische Ärzte, die der britische Gesundheitsdienst NHS mit großer Mühe angeworben hatte. Inzwischen wird auch über diese Obergrenze von 20.700 geredet - gut möglich, dass auch sie nach dem Brexit angehoben oder gestrichen wird.

Berufsbezogene Bildung wird vernachlässigt

Norman Barrs ist allerdings der Meinung, dass die eigentlichen Probleme tiefer liegen und mit dem Brexit gar nichts zu tun haben. Er ist Chef von Henry Hardy, einem der ältesten Bauunternehmen Londons. Der Mangel an Facharbeitern, sagt er, sei schon lange vorhanden. Barrs macht dafür das britische Bildungssystem verantwortlich. In den Schulen der Stadt gebe es schon seit rund zwei Jahrzehnten keinen Werkunterricht mehr, in dem die Jugendlichen lernen könnten, mit Holz und Metall zu arbeiten:

"Von den Jungs und Mädchen, die heute zur Schule gehen, bekommt niemand mehr diese Fachausbildung. Daher sind wir komplett von ausländischen Arbeitskräften abhängig."

60 Prozent seiner Handwerker kämen aus Polen, sagt Barrs. Mit den Händen zu arbeiten, habe in Großbritannien keinen Stellenwert mehr, beklagt er. Auch die Wirtschaftsverbände kritisieren seit Langem, dass die berufsbezogene Bildung in Großbritannien vernachlässigt wird. Der Brexit könnte das Defizit noch deutlicher zutage treten lassen. 

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