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StartseiteKultur heuteDas Theater des Anthropozän05.01.2021

Reihe "Innovationsmotor Kultur" Das Theater des Anthropozän

Ökologische Fragen, der Klimawandel oder Umweltzerstörung sind von immenser Bedeutung, kommen aber auf dem Theater so gut wie nicht vor. Das „Theater des Anthropozän“ will das ändern. „Wir müssen lernen, dass der Planet unser Referenzpunkt ist", sagte Dramaturg Frank Raddatz im Dlf.

Frank M. Raddatz im Gespräch mit Jörg Biesler

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Ein abgestorbener Baum in einem Feld in Brandenburg (imago/blickwinkel)
Requiem für einen Wald - Das Theater des Anthropozän bringt Kunst und Wissenschaft zusammen (imago/blickwinkel)
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Das Neue am "Theater des Anthropozän": Es organisiert einen internationalen Dialog zwischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Das Projekt entstand an der Berliner Humboldt-Universität in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut, Dramaturg Frank Raddatz ist einer der Köpfe, die Kunst und ökologische Themen verschränken möchten.

Die Natur wird Akteur

"Requiem für einen Wald" oder "Das Wissen des Wassers" heißen solche Veranstaltungen, die als Collagen in Szene gesetzt werden. Texte aus Mythen wie dem Gilgamesch-Epos oder zeitgenössische poetische Texte von Heiner Müller werden mit Auftritten von Wissenschaftlern und Förstern verbunden:

"Das Neuartige ist, dass Poesie und Schauspieler auf Augenhöhe mit Wissenschaftlerinnen wie Antje Boetius, Direktorin des Alfred Wegener-Instituts, oder einer Försterin aus Brandenburg auf der Bühne stehen, um zur Lage und Geschichte des Waldes zu sprechen, also was der Wald für unser Ökosystem bedeutet."

Die doppelte Perspektivierung aus Kunst und wissenschaftlicher Ebene ersetzt dabei die dramatische Figurenkonstellation des klassischen Theaters. "Die Kulissen der Natur, wie Bruno Latour das nennt, werden auch zu Wirkmächten: Auf einmal spricht die Erde, und die Atmosphäre, die schmelzenden Polkappen werden zu Akteuren. Das sprengt den traditionellen Raum des nur Sozialen."

Vorbild antikes Theater

In der "Matrix des Theaters", der antiken Tragödie, sei es durchaus möglich, dass Dionysos sich in ein Tier verwandele. Das Theater selbst sei stark mit Natur verbunden, etwa in den Dionysien, die immer zum Frühlingsanfang gegeben wurden. Diese Verschränkung der Entwicklung der Natur mit der des Menschen ging in den zweieinhalbtausend Jahren danach stark auseinander.

"Ich glaube, im Anthropozän muss man das auf eine neue Art und Weise wieder zusammenbringen." Diese neue Melange habe ihre eigene Attraktivität, weil sie nochmal anders berühren kann. So war das "Theater des Anthropozän" auf Wissenschaftsfestivals zu Gast. Die Wissenschaft suche nach Partnern, um die bedrohlichen Nachrichten oder Erkenntnisse über den Klimawandel an ein breiteres Publikum zu transportieren.

Bedrohliche Erkenntnisse in Kunst übersetzen

Die Kunst selbst habe immer an den großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit teilgenommen: "Ob das nun Lessing war oder Schiller in der Konstellation von Bürgertum und Adel, oder Brecht mit seinen Überlegungen zum Sozialen, oder Heiner Müller angesichts des zusammenbrechenden Sozialismus – ohne Bezug auf die Situation der Welt hat es keine große Kunst gegeben. Es ist ein ganz primäres Interesse der Kunst, hier Erlebnisweisen zu gewinnen, ein ästhetisches Surplus zu gewinnen, die der für uns historisch neuen, bedrohlichen Situation angemessen ist."

Der Vorteil des Menschen, so Raddatz, sei, dass er kein Zyklop ist: Er kann mit einem wissenschaftlichen und einem künstlerischen Auge schauen. "Und jetzt müssen wir eine kommunikative Zone zwischen diesen beiden Disziplinen gestalten. Denn der Planet kommt ohne uns aus, wir aber nicht ohne den Planeten. Das ist der entscheidende gemeinsame Bezugspunkt."

Das Theater des Anthropozän wolle emotionalen Mehrwert schaffen, ohne die eine "richtige Haltung" zu verkünden.

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