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StartseiteKultur heuteFreundschaft in Zeiten von Facebook30.08.2014

Reihe "Leben in der digitalisierten Welt"Freundschaft in Zeiten von Facebook

Anja Besand im Gespräch mit Michael Köhler

Michael Köhler: In seiner pathetischen Aufladung seit dem 18. Jahrhundert war Freundschaft immer auch ein Bündnis, ein Bündnis gegen feindliche Umwelt, eine Art Schutzbund gleichgesinnter Seelen. Die Goethe-Zeit, der Göttinger Hain, Klopstock, Hölderlin, die kultivierten den Freundschaftskult bis in pathologische Höhen. Eine ganze Gattung wie der Briefroman fußt darauf. Was heißt das aber heute unter modernen Bedingungen von Facebook und Like-Buttons? Ist Freundschaft eine Frage von erhobenem blauen Daumen? Das habe ich in unserer Reihe "Leben in der digitalisierten Welt" die Politikwissenschaftlerin Anja Besand gefragt. Sie ist Professorin an der TU in Dresden und hat unter anderem ein Handbuch über Medien im Politikunterricht herausgegeben.

Anja Besand: Ja, ich glaube, dass das Bedürfnis, den Begriff von Freundschaft auch mit digitalen Medien zusammenzubringen, nachvollziehbar ist, weil wir in sozialen Netzwerken wie Facebook ja gewöhnt sind, alle Menschen, mit denen wir in diesem Netzwerk in Verbindung stehen, als Freunde zu betrachten. Die Entscheidung, die als Freunde zu betrachten, haben wir aber nicht selbst getroffen, sondern die hat das Netzwerk uns in gewisser Weise vorgegeben, weil sie das einfach so benennt. Aber der Begriff führt hier ja total in die Irre, weil je nachdem, wie ich diese Netzwerke benutzen will, ich möglicherweise die Kontakte gar nicht als Freunde betrachte. Von der Vorbemerkung aus, glaube ich, ist es wichtig zu sagen, dass wir von so einer Erosion des Freundschaftsbegriffs eigentlich nur dann ausgehen können, wenn wir das alles mit in diese Vokabel einbeziehen. Ich würde aber immer dafür plädieren, das gar nicht unter dieser Vokabel zu führen. Ich beispielsweise benutze Facebook und ich benutze es ausschließlich professionell und ich bin mit meinen Studierenden da verbunden. Das heißt, ich wäre dann mit allen meinen Studierenden, alle sind es nicht, aber mit vielen meiner Studierenden befreundet, und das trifft unsere Beziehung ja überhaupt nicht. Aber ich bin ja in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis ...

Köhler: Aha! Also öffentlich privat? Das ist jetzt unser Punkt.

Besand: Ja genau. Die Beziehung, die wir haben, zu der Vielzahl von Kontakten, die ich über Facebook pflege - das sind nicht alles Studierende, das sind zum Teil auch Kollegen, aber jetzt nehmen wir mal die Studierenden, weil das ist quasi das Heikle: Wenn ich mich zum Beispiel entscheide, als Lehrerin mit meinen Studierenden in Kontakt zu sein, dann muss ich dabei reflektieren, dass ich sie nicht zwingen darf, in digitale Umgebungen zu gehen, die sie beispielsweise für sich gar nicht nutzen würden. Ich muss immer darauf achten, dass die Informationen, die ich über solche Kanäle an Studierende herantrage, nicht exklusiv sind und damit es quasi naheliegend ist oder auch notwendig ist für 100 Prozent meiner Studierenden, über dieses Medium mit mir in Kontakt zu sein. Die Entscheidung muss von deren Seite ausgehen. Ich sage zum Beispiel immer zu meinen Studierenden, ich würde niemals fragen über das Netzwerk, ob sie mit mir verbunden sein wollen, aber wenn sie auf mich zukommen, akzeptiere ich ihre "Freundschaftsanfrage".

Köhler: Entschuldigung, wenn ich Ihnen da jetzt mal so reingreife. Ist das nicht ein bisschen naiv? Denn wer sich nicht ankoppelt, läuft Gefahr, in der Belanglosigkeit zu verebben. Es ist ja auch eine Frage von Ausschluss und Einschluss. Es kann sich doch niemand mehr leisten, quasi nicht dabei zu sein.

Besand: Doch! Es leisten sich ja immer noch genug Leute. Nun kann man sagen, ich lebe in einem exklusiven Raum der Universität, in der sich reflektierte Menschen im Regelfall aufhalten. Aber von meinen Studierenden sind bestimmt auch 30 Prozent überhaupt nicht über solche Netzwerke aktiv. Deshalb achte ich tatsächlich - und das ist nicht trivial und das ist nicht einfach und man mag auch immer wieder Fehler in dem Zusammenhang machen, davon will ich mich gar nicht freisprechen. Aber ich muss alles, was ich dort tun, reflektieren dahingehend, dass die, die gerade nicht da sind, keine Nachteile haben.

Köhler: Frau Professor Besand, Sie sind Politikdidaktikerin, also auch Fragen von politischer Bildung und Medien. Dazu geben Sie Handbücher heraus. Wir leben in bindungsarmer, bindungsunwilliger Zeit. Niemand wird gern dazu verdonnert, in irgendeinem Verein noch zu sein. Es florieren die flüchtigen Bindungen. Welchen Einfluss hat das auf lange Sicht für das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, Empathie, Solidarität und all diesen Dingen?

Besand: Da haben Sie jetzt ein paar Begriffe zusammengepackt. Zunächst mal würde ich ein bisschen die Frage zurückgeben und sagen, auf welche Referenzen verweisen Sie da, wenn Sie sagen, wir leben in bildungsarmen Zeiten. Auf was bezieht sich das, auf was stützt sich diese Diagnose. Wir sprechen ja jetzt über Medien und wenn wir sagen, in den letzten 30 Jahren, von '84 bis heute ist in diesem Bereich ja unglaublich viel passiert. Die Scheidungszahlen haben sich in der Zeit nicht massiv verschlechtert. Das sind viel längere Trends, die möglicherweise mit den Medien gar nicht so schrecklich viel zu tun haben, sondern mit Individualisierungsprozessen, die natürlich durch Gesellschaftsveränderungen bedingt sind und auf Gesellschaftsveränderungen haben auch Medien große Einflüsse. Aber da sehe ich keinen kausalen Zusammenhang.
Empathie/Solidarität hatten Sie auch noch gesagt. Wenn wir uns solche Begriffe angucken, dann ist ja ganz wichtig, dass wir erst mal festhalten, dass die Grundlage für beides ja zunächst mal ist, dass ich Kontakt zu irgendjemandem habe, dem gegenüber ich mich dann empathisch oder solidarisch verhalten kann, oder dass ich weiß von Ungerechtigkeit, von Ungleichheit oder auch von Katastrophen und so weiter. Ich will jetzt gar nicht mit Jeremey Rifkin anfangen. Dem muss man sich nicht unbedingt anschließen, aber der sagt, durch Digitalisierung trudeln wir in ein empathisches Zeitalter. Das wäre quasi die steile Gegenthese gegen Ihren Befund oder die Hypothese, die in Ihrer Frage steckt. Und jetzt mal ganz nüchtern auf diese mediale Dimension geguckt, hilft sie uns erst mal, die Reichweite für das Wissen über solche Ereignisse oder Katastrophen auch zu kommunizieren.

Köhler: Wie kann man damit sinnvoll und praktisch umgehen auch im Unterricht?

Besand: Oh, im Unterricht! Erst mal ist es ja so, dass das in ganz vielen Bundesländern spezifisch geregelt ist und dass dann vielen Lehrerinnen und Lehrern der Umgang mit Facebook oder der Kontakt über Facebook zu ihren Schülerinnen und Schülern sogar verboten oder mit strengem aufgestellten Zeigefinger nicht geraten ist. Darüber kann auch ich nicht hinweggehen. Ich halte das tatsächlich aber nicht für besonders klug. Wir haben gesellschaftlich immer da, wo es um Lehrer und Schüler geht und um digitale Medien, eigentlich eine Debatte, die ganz weit im Vordergrund steht, und ich muss gestehen, dass mich das so ein bisschen irritiert. Und zwar ist das die Debatte um Cyber-Mobbing. Cyber-Mobbing, das sind Themen, die wir in den Schulen auch ansprechen, aber das ist ja nicht die gesamte Dimension digitaler Medien oder das, was Schülerinnen und Schüler in digitalen Räumen tun. Aber nehmen wir mal dieses Cyber-Mobbing-Beispiel. Wenn wir davon ausgehen, dass digitale Medien so gefährlich sind, diese Cyber-Mobbing-Prozesse anzustoßen, dann ist es doch eine Frage auch an die Lehrerinnen und Lehrer, ob sie da mit ein Auge drauf haben können, oder ob sie die Augen davor verschließen wollen. Von daher würde ich, wenn ich entscheiden könnte in den Bundesländern, schon sagen, weder sollte man den Lehrerinnen und Lehrern kategorisch den Umgang mit Schülerinnen und Schülern in digitalen Umgebungen verbieten, noch sollte man sie verpflichten, mit jedem Schüler oder jeder Schülerin über solche Netzwerke verbunden zu sein.

Köhler: ..., sagt die Politikwissenschaftlerin Anja Besand von der TU Dresden in unserer Serie "Leben in der digitalisierten Welt".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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