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StartseiteKommentare und Themen der WocheNebenkriegsschauplatz Beherbergungsverbot12.10.2020

Reisen und COVID-19Nebenkriegsschauplatz Beherbergungsverbot

Dlf-Hauptstadtkorrespondent Frank Capellan hält die diskutierten Beherbergungsverbote für sinnlos. Ein absurder und aus Virologensicht nicht sinnvoller föderaler Flickenteppich sei eine harte Geduldsprobe für all jene, die sich an die Regeln halten wollten, kommentiert er.

Von Frank Capellan

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Stadt Stuttgart überschreitet wichtige Corona-Marke, 7-Tage-Inzidenz, weggeworfene Mundschutzmaske liegt am Boden (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Der Flickenteppich aus Beherbergungsverboten nimmt absurde Züge an, findet Frank Capellan. Er wünscht sich Beschlüsse, die länger halten als eine Woche. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
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Deutschland wird eben doch nicht von Virologen regiert. Die nämlich halten das Übernachtungsverbot, im Beamtendeutsch altbacken "Beherbungsverbot" genannt, für völlig überzogen und realitätsfern. Die meisten Epidemiologen würden dafür sorgen, dass jeder in den Herbstferien eine Herberge findet – auch ohne negatives Testergebnis.

Virologen Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg  (privat) (privat)Beherberungsverbote "vollkommen realitätsfremd"
Wegen steigender Infektionszahlen gelten in vielen Bundesländern Beherbergungsverbote für Menschen aus Risikogebieten. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hält das und auch das Tragen von Masken im öffentlichen Raum weder für zielführend noch für verhältnismäßig. "Wer soll das kontrollieren?"

Schon lange hatten die Experten davor gewarnt, mit Blick auf innerdeutsches Reisen einen Nebenkriegsschauplatz aufzumachen. Urlauber binden nun Test- und Laborkapazitäten, die anderswo viel dringender benötigt werden. Vor allem aber sorgen die unterschiedlichen Regelungen dafür, dass viele Menschen den Sinn der Corona-Regeln grundsätzlich in Frage stellen. Das wird nicht besser dadurch, dass nur wenige Tage nach einer Übereinkunft von Bund und Ländern die Reisevorgaben schon wieder in Frage stehen, gestellt werden müssen.

Das Chaos allerdings ist gewaltig: Ein Berliner darf nicht in Brandenburg übernachten, umgekehrt kein Problem. Ein Kölner darf nicht nach Bayern reisen, umgekehrt sehr wohl. Die Zahl der Risikogebiete wächst mit jedem Tag, trotzdem bleibt die Reise zu einer Hochzeitsfeier erlaubt – Hauptsache, die Gäste kommen bei Freunden unter und müssen nicht in einem Hotel übernachten. Tagesausflüge ins benachbarte Bundesland sind auch für Bürger kein Problem, die in Städten und Kreisen mit hohen Infektionszahlen leben. Berufspendler zwischen den Corona-Welten sind ohnehin ausgenommen.

11.06.2020, Schleswig-Holstein, Westerland/Sylt: Ein gebrauchter Mundschutz mit Resten von Lippenstift liegt am Strand vor der Strandpromenade von Westerland auf Sylt. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther besuchte am Donnerstag die Nordseeinsel um sich ein Bild von der aktuellen Lage auf der Insel zu machen. (zu dpa «»Sehr diszipliniert« - Sylt gut vorbereitet für Saison») Foto: Christian Charisius/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Christian Charisius) (picture alliance / Christian Charisius)Streit ums Beherbergungsverbot
Sperrstunde, Alkoholverbot, ausgeweitete Maskenpflicht: Um die steigenden Corona-Infektionszahlen in den Griff zu bekommen, wurden vielerorts neue Maßnahmen getroffen. Für besonderen Unmut sorgt das Beherbergungsverbot, das für Reisende aus Risikogebieten gilt.

Absurde Züge der föderalen Vielfalt

Die Dummen sind nun die, die dem Aufruf der Politik gefolgt sind, die Herbstferien doch bitte in Deutschland zu verbringen. Die Dummen sind vor allem auch die Hoteliers und Pensionsbetreiber - die in Bayern zum Beispiel, weil es nun viel einfacher ist, den Urlaub nach Österreich ins Salzburger Land zu verlegen. Viele gehen das Risiko ein, Buchungen nicht abzusagen, weil sich dieses "Beherbungsverbot" ohnehin nicht flächendeckend kontrollieren lässt. Andere ziehen vor Gericht, mit guten Chancen, weil die oft beschworene föderale Vielfalt so absurde Züge angenommen hat, dass es der Justiz schwerfallen dürfte, sie zu rechtfertigen.

Jetzt sind es die Länderchefs und Chefinnen, die sich nicht auf nachvollziehbare Reisevorschriften verständigen konnten und deshalb übermorgen im Gespräch mit der Kanzlerin wieder einmal um Schadensbegrenzung ringen werden. Bleibt zu hoffen, dass Deutschland bald wieder von Politikern regiert wird, die mit weniger Profilierungssucht und etwas mehr Weitsicht ans Werk gehen und Beschlüsse fassen, deren Halbwertszeit etwas länger ist als eine Woche.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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