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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine schwierige Botschaft der Bundesregierung26.05.2020

Reisewarnung in CoronazeitenEine schwierige Botschaft der Bundesregierung

Mit den geplanten neuen Reisehinweisen gibt die Bundesregierung ein ganz bewusstes, aber auch schwieriges Signal, kommentiert Gudula Geuther. Wer zur bloßen Urlaubsreise ermuntere, sei nah beim Aufruf zur Sorglosigkeit. Doch von Normalität sei man auch im Urlaub noch weit entfernt.

Von Gudula Geuther

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Urlauber im Ostseebad Kellenhusen (Movementway/picture alliance)
Archivbild des Ostseebands Kellenhusen - im Sommerurlaub 2020 muss auf mehr Abstand geachtet werden (Movementway/picture alliance)
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Nimmt man die Reisewarnung als das, was sie eigentlich ist, dann ist es höchste Zeit, dass sie mindestens für Europa aufgehoben wird - von besonders von COVID-19-betroffenen Regionen abgesehen. Reisewarnungen gibt es sonst bei Pest und Cholera, bei Bürgerkriegen und Revolutionen.

Menschen sitzen auf der Terrasse der Bar El Pe-on am Meer, Spanien. (Clara Margais/dpa) (Clara Margais/dpa)Aufhebung der Reisewarnung - CDU-Politiker: Reise-Entscheidung gut abwägen
Wenn die Reisewarnung gelockert wird, kommt Verantwortung auf die Reisenden zu, sagte der CDU-Politiker Klaus-Peter Schulze im Dlf. Wer den Urlaub absage, müsse mit Stornogebühren rechnen.

In einem Europa der - an sich - offenen Grenzen passt das nicht. Und so war ja auch der Grund, den das Auswärtige Amt für seine weltweite Warnung genannt hat, von Anfang an nicht die Ansteckungsgefahr, sondern die sonstigen Folgen der Pandemie - von Quarantäne bis zur Einschränkung des Flugverkehrs und strandenden Urlaubern.

Offene Fragen

Lassen sich diese Probleme klären, ist die Warnung nicht mehr gerechtfertigt. Natürlich geht es um mehr als das. Die Reisewarnung hat zwar nicht automatisch zur Folge, dass eine Reise storniert werden kann, aber sie ist ein starkes Indiz dafür. Das war sinnvoll, solange anfangs im Lockdown möglichst gar nicht gereist werden sollte. Aber Fakt ist: Es bürdete den Reisebüros und –veranstaltern, den Hotels und Tourismusunternehmen das gesamte Risiko auf. Viele werden sich davon nicht erholen.

Wenn es den Grund für die Warnung nicht mehr gibt, ist diese einseitige Gefahrtragung im Verhältnis von Kunde und Unternehmen nicht mehr gerecht. Auch hier bleiben offene Fragen – zumindest für die Buchungen, die vor dem Ausbruch der Pandemie getätigt wurden. Hochrisikopatienten, die auch in Deutschland das Haus kaum verlassen und möglicherweise auf eine Hilfs-Infrastruktur angewiesen sind, können nicht einfach darauf verwiesen werden, dass es im Nachbarland auch nicht gefährlicher ist als hier. Allerdings werden in solchen Ausnahme-Fälle meist die vertraglichen Stornoregeln und ein ärztliches Attest helfen.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

All das gilt natürlich nur, soweit es im Ausland wirklich nicht gefährlicher ist. Deshalb ist die deutsche Forderung an die Europäische Kommission richtig, für Vergleichbarkeit von Schutzmaßnahmen und Sicherheitskriterien zu sorgen, deshalb wird es auch weiterhin richtig sein, besonders belastete Regionen zu benennen – sei es vielleicht der Großraum Madrid, Stockholm oder vielleicht sogar ganz Schweden.

Tourismus nicht über Gesundheit stellen

All das folgt einer Logik – und geht doch darüber hinaus, und da wird es kritisch. Denn natürlich gibt die Bundesregierung mit einer solchen Lockerung ein Signal, sogar ganz bewusst. Es soll um die Wiederbelebung des Tourismus gehen, der sei wichtig für Reisende und Reisewirtschaft, und für die Wirtschaft in den Zieländern. So richtig das ist, so schwierig ist die Botschaft.

Denn auch im Urlaubsland ist der Tourist weit entfernt von der Normalität – oder sollte es zumindest sein. Wer zur bloßen Urlaubsreise ermuntert, ist aber nah beim Aufruf zur Sorglosigkeit. Und bis wir keinen Impfstoff haben, ist dafür kein Platz. So wichtig der Tourismus für die wirtschaftliche Entwicklung ist, so wenig darf diese über die Gesundheit gestellt werden. Genau das ist aber der Fall, solange etwa im Flugzeug keine klaren Abstandsregeln gelten. Die formuliert auch das Eckpunktepapier bisher nicht.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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