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StartseiteTag für TagKein Naturphänomen10.03.2015

Religiös motivierte Gewalt Kein Naturphänomen

Gewalt zwischen Religionen findet zurzeit an vielen Orten auf der Erde statt. Aber es gibt auch Beispiele, wo Religionsgemeinschaften miteinander kooperieren. Diese Gegenbotschaften müssten viel mehr gestärkt werden, sagt der Theologe und UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt.

Heiner Bielefeldt im Gespräch mit Andreas Main

Der Theologe, Philosoph und Historiker Heiner Bielefeldt (imago / epd)
Der Theologe, Philosoph und Historiker Heiner Bielefeldt (imago / epd)
Weiterführende Information

Widerstand gegen jede Form von Diskriminierung
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 27.03.2012)

Mord und Totschlag im Zeichen der Religion
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 10.03.2011)

Jan Assmanns "Exodus" - Die brutale Kehrseite des Monotheismus
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 16.02.2015)

Andreas Main: Gewalt im Namen von Religion nimmt deutlich zu. Darüber lässt sich wohl kaum streiten. Was aber umstritten ist: Was sind die Ursachen? Professor Heiner Bielefeldt sagt: Gewalt im Namen der Religion habe viele Erscheinungsformen und viele Gründe. Es dürfe nicht vereinfacht werden, Religion sei nicht der einzige Grund für Gewalt. Soziale, wirtschaftliche oder politische Ursachen würden übersehen. Heiner Bielefeldt ist katholischer Theologe, Philosoph und Historiker. Und er ist UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. In dieser Woche wird er beim UN-Menschenrechtsrat in Genf einen Bericht vorstellen zum Thema "Prävention von Gewalt im Namen der Religion". Dass Religion nicht die einzige Ursache sei von Gewalt in Namen der Religion - inwieweit geht es Ihnen darum, Religionsgemeinschaften zu entschuldigen oder zu entlasten?

Heiner Bielefeldt: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich will, dass sie sich engagieren, und zwar über Distanzierungen hinaus. Also, manchmal sind die reflexhaften Distanzierungen, dass man sagt, das hat mit Religion gar nichts zu tun, dann doch ein bisschen zu schnell und ein bisschen zu zackig. Denn diejenigen, die die Religion nutzen, um Gewalt damit zu rechtfertigen, die glauben ja teilweise tatsächlich, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, wenn sie andere Menschen quälen und umbringen. Nein, das ist schon auch eine Provokation für die Religionsgemeinschaften. Und auch die haben ihre Verantwortung. Sie müssen sich dieser verstörenden Realität aussetzen, dass Menschen tatsächlich Religion bemühen und tatsächlich sogar glauben, damit ein Werk Gottes auszurichten.

Main: Aber wenn Sie sagen, es gäbe viele Ursachen - nehmen wir doch als Beispiel diesen großen Konflikt im Nahen Osten, wo es letztlich um einen Religionskrieg geht: Sunniten gegen Schiiten, Saudi-Arabien gegen Iran. Was hilft es da, wenn wir nun nach anderen Ursachen suchen, wenn es doch womöglich offensichtlich um Religion geht?

Bielefeldt: Ich glaube eben, dass es gar nicht so offensichtlich ist. Und ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich habe etwa vor eineinhalb Jahren eine Fact-Finding-Mission, also eine richtige Untersuchungsmission durchgeführt in Sierra Leone, einem anderen Teil der Welt, ziemlich nah übrigens an Nigeria, wo ja auch ganz fürchterliche Massaker passieren. Da leben Sunniten und Schiiten völlig selbstverständlich zusammen. Die haben gemeinsam ihre Schulen, die sind gemeinsam in der Gerichtsbarkeit vertreten. Es ist kein Naturgesetz, dass Sunniten und Schiiten einander hassen, sondern dieser Hass, diese Gewalt geht aus von Menschen, und zwar von Menschen des 21. Jahrhunderts.

Motive sind vielfältig

Die Faktoren liegen nicht, oder jedenfalls nicht in erster Linie, in den alten Büchern oder in irgendwelchen Verhältnissen aus dem 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Nein, es sind Menschen von heute, die zum Teil eben Religion im Banner führen, um Gewaltakte durchzuführen. Und die Motive sind vielfältig. Ich will keineswegs die Religionsgemeinschaften aus der Pflicht lassen, da Klarstellung vorzunehmen, auch anspruchsvolle Antworten zu finden. Aber es ist nicht ein Konflikt, der sozusagen automatisch aus der Religion herausfließt. Denn wenn wir das so sehen würden, ja, was bliebe uns dann anderes übrig? Dann müssten wir ja im Grunde die Hände in den Schoß legen. Dann ist die Konsequenz Fatalismus, weil es sich ja angeblich um Konflikte handelt, die ihre Ursachen - ja - vor Jahrhunderten haben, also nicht in Verhältnissen wurzeln, die wir auch heute beeinflussen können.

Main: Wenn diese Kriege also keine Naturgesetze sind, wenn Ihre Analyse stimmt, auf dieser Basis - was sind die Lösungsansätze?

Bielefeldt: Ich glaube, ein Schlüsselwort für das Verständnis vieler dieser Konflikte und auch für eine Antwort ist Vertrauen. Wenn ich jetzt sage Vertrauen, denn heißt das nicht Blauäugigkeit. Ich denke vor allem an Vertrauen in öffentliche Institutionen. In Gesellschaften, in denen Menschen kein Vertrauen mehr haben in die öffentlichen Institutionen, da bestehen große Gefahren gesellschaftlicher Fragmentierungsprozesse, die sich sozusagen in die Religionsgemeinschaften hineinfressen. Also, das kann dann in der Zentralafrikanischen Republik beispielsweise kulminieren in einer politischen Paranoia, die alle gesellschaftlichen Bereiche zersetzt - und eben auch die Religionsgemeinschaften.

Menschen, die selbst - sagen wir mal - die Gerichtsbarkeit nur noch als eine Fortsetzung der Mafia mit anderen Mitteln ansehen, denen bleibt ja fast nichts anderes übrig als das Gesetz des Landes in die eigene Hand zu nehmen. Man vertraut nur noch den eigenen Netzwerken. Wenn diese eigenen internen Netzwerke dann über Religion definiert werden, dann haben wir in der Tat - sagen wir mal - militarisierte Gruppenidentitäten, militarisierte, religiöse Gruppenidentitäten. Und dann können apokalyptische Interpretationen, apokalyptische Botschaften, wie sie ja auch in religiösen Traditionen drin sind, tatsächlich eine unheilvolle Wirkung entfalten, weil sie den Mindset sozusagen der Menschen zu treffen scheinen, die sich in einer Art Belagerungszustand einer feindlichen Gesellschaft wähnen.

Main: Sie formulieren extrem neutral - den Begriff "Islam" haben Sie noch gar nicht benutzt während unseres Gespräches.

Bielefeldt: Ja.

Main: Warum benennen Sie es nicht, dass wir aktuell weniger Probleme haben mit christlichen Kreuzzügen, sondern primär mit einem brutalen Feldzug islamischer Extremisten?

Bielefeldt: Ich habe kein Problem, das offen anzusprechen. Natürlich, Sie haben ja recht. Aber es ist eben weder ein Problem, das gleichsam natürlicherweise aus dem Islam fließt. Das muss man sagen. Es gibt ja auch viele Muslime, die von der Gewalt betroffen sind. Es sind viele Muslime, die diese Gewalt genauso verabscheuen wie Sie und ich. Und es ist andererseits auch ein Problem, das keineswegs nur im Namen des Islams stattfindet. Naja, also das mit den Kreuzzügen ist ja nicht das Einzige. Da haben wir heute mit der Lord's Resistance Army in Uganda auch eine bizarre christliche Terrorsekte. Also, wir müssen nicht ins Mittelalter zurückgehen, um Gewalt im Namen des Christentums zu sehen. Das gibt es auch heute noch.

Oder in Indien, jetzt mit dem Hindu-Nationalismus, wo auch Vigilantengruppen religiöse Minderheiten zusammenknüppeln im Namen einer Hindu-Ideologie, wo wiederum die meisten Hindus auch sagen: Um Gottes Willen, was wird im Namen des Hinduismus gemacht? Und wir haben - was manche sehr verwunderlich finden - Gewalt im Namen des Buddhismus. In Myanmar, wo buddhistische Mönche gegen Muslime trommeln. In Sri Lanka, wo wiederum auch im Namen des Buddhismus Gewalt ausgeübt wird gegen Christen und auch gegen Muslime. Also diesbezüglich ist die Landschaft schon sehr viel komplizierter, als wir gelegentlich meinen. Und es ist keineswegs ein Thema ausschließlich des Islams. Zweifellos klar, die kräftigsten Erscheinungen solcher Gewalt finden zurzeit im Nahen Osten statt, viele im Namen des Islam. Klar.

Main: Stichwort Prävention. Was können Religionsgemeinschaften und Religionsgelehrte tun, um vorzubeugen, um Gewalt im Namen der Religion zu verhindern?

Bielefeldt: Ich glaube, es ist eben sehr wichtig, dass die Religionsgemeinschaften auch miteinander kooperieren. Es gibt wunderbare Beispiele. Also etwa der Lutherische Weltbund und die große islamische Wohlfahrtorganisation Islamic Relief haben letztes Jahr entschieden, sie wollen gemeinsam in Themen "Flüchtlingshilfe" arbeiten. Und das ist dann nicht nur eine Maßnahme, bei der Kräfte gebündelt werden, sondern es hat auch eine hohe symbolische Bedeutung. Es gibt übrigens ähnliche Initiativen auch in der Zentralafrikanischen Republik, wo ja nun Christen und Muslime sich wechselseitig an die Gurgel gegangen sind, aber dann eben auch religiöse Führer zusammenarbeiten. In Nigeria: Projekte der Malariabekämpfung, die sind natürlich unmittelbar einsichtig und von großer Bedeutung - auch für Menschen in dieser Region.

Interreligiöse Kooperation kann heilsame Wirkung haben

Aber der Punkt, wenn das dann ein Kardinal auf der einen Seite und ein muslimischer Scheich gemeinsam anleiten, dann hat das eben auch eine Botschaft. Also, wir müssen die Gegenbotschaften stärken. Auch übrigens - ja - Religion immunisiert gegen den Bazillus der Pervertierung in Gewaltbotschaften. Das ist ja nicht nur so, dass die Religion von außen instrumentalisiert wird, sie kann ja auch von innen instrumentalisiert werden. Also, nicht nur von machiavellistischen Strippenziehern, sondern auch von religiösen Führern, die dann eben mobilisieren und sozusagen ihre eigene Klientel an der Stange halten wollen. Nein, wir müssen der Faszination, die Gewalt ja manchmal ausüben kann, entgegen wirken, die Botschaften des Friedens stärken, Kooperation - interreligiöse Kooperation. Da gibt es übrigens Beispiele dafür, selbst in Indien in Situationen, wo Massaker ausgeübt worden sind, in Gujarat 2002 Hindus gegen Muslime, dass in solche Dörfern, in denen eine Kooperationskultur bestand, die Flammen der Gewalt nicht ganz so weit reichen konnten. Also, selbst in der Situation der Gewalt hat hier die interreligiöse Kooperation eine heilsame, eine deeskalierende Wirkung. Und das ist in der Tat extrem wichtig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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