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StartseiteEine WeltDie Wurzeln der Radikalisierung in Tunesien und Marokko26.08.2017

Religiöser Extremismus und TerrorismusDie Wurzeln der Radikalisierung in Tunesien und Marokko

Tunesien ist auf dem Weg zur Demokratie, Marokko ein friedliches Land mit friedlicher Bevölkerung. Dennoch kommen viele Extremisten, Mitglieder von IS und anderen Dschihadisten-Gruppen aus den beiden Ländern. Woher kommt religiöser Extremismus im Maghreb? – Eine Spurensuche.

Von Jens Borchers

Vier schwarzgekleidete Polizisten stehen einen Tag nach dem Attentat am Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba: Die Polizisten tragen Schusswesten. Im Vordergrund sieht man umgestürzte Liegestühle. (Andreas Gebert/dpa)
Terrorismus in Tunesien und außerhalb: Das Land exportiert ungewöhnlich viele Extremisten (Andreas Gebert/dpa)
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Ridha Raddaoui ist Rechtsanwalt. Er hat daran mitgearbeitet, die Akten von etwa tausend Terrorismus-Verdächtigen in Tunesien auszuwerten. "Mehr als Dreiviertel von ihnen sind jünger als 34 Jahre. Das ist eine neue Generation, eine, die nicht so stark unter dem Druck der Diktatur stand. Und die vergleichsweise gut gebildet ist. 40 Prozent von ihnen haben Universitätskurse besucht."

Viele sind jung, etliche ziemlich gut gebildet. Und: Etwa 70 Prozent der tunesischen Terrorismus-Verdächtigen haben Trainingslager im Ausland durchlaufen. Etwa die Hälfte der Beschuldigten kam über religiöse Schriften mit Extremisten in Kontakt. Andere wechselten direkt aus dem Klein-Kriminellen-Milieu in den angeblich religiös motivierten Kampf.

Ridha Raddaoui zieht vor allem eine Schlussfolgerung: Es gibt kein einheitliches Profil. Es gibt nicht DEN einen  Weg in den Extremismus. Es gibt viele verschiedene Motive und Ursachen.

Gefängnisse sind Brutstätten

Raddaoui und seine Kollegen haben allerdings festgestellt, dass die Gefängnisse des Landes echte Brutstätten des Radikalismus geworden sind. Raddaoui beklagt, dass die verschiedenen tunesischen Regierungen auch sechs Jahre nach der Revolution noch kein Rezept gegen die Radikalisierung erarbeitet haben: "Die Behörden müssten ein Konzept für die Deradikalisierung entwickeln. Da ist aber bis heute nichts passiert."   

Von vorbeugenden Strategien ganz zu schweigen. Die sind auch nicht einfach zu entwickeln, wenn man das Phänomen nicht ausreichend untersucht und dann auch verstanden hat.

In Marokko können Menschen wie Abou Hafs Auskunft geben, wie ein Mensch zum Extremisten wird. Er war mal berühmt: als junger, radikaler Salafisten-Prediger. Nachdem er neun Jahre im Gefängnis saß, hat dieser Abou Hafs wieder seinen richtigen Namen angenommen: Mohamed Rafiqui. Und er erzählt, wie er zum religiösen Extremisten wurde.

Der Vater – religiös sehr konservativ, sehr dominant. Die Freunde – ebenso. Seine Ausbildung bekam der junge Mohamed Rafiqui teilweise in Saudi Arabien. Dort wird der Koran nach wahhabitischer Lehre, also puristisch, fast wörtlich, interpretiert.

"Mir wurde immer nur eine Auslegung des Islam beigebracht. Dass es viele weitere Interpretationen gibt, das hatten mir meine Lehrer nie beigebracht. Das habe ich erst viel später gelernt. Und das war ein heftiger Schock." Bis zu diesem Schock predigte Rafiqui in Marokko gegen Ungläubige und begrüßte die Terroranschläge vom 11. September 200 – als gerechte Strafe für Ungläubige.

Der Wahhabismus, diese extrem konservative Lehre, gilt heute als Nährboden des so genannten Islamischen Staates. In den 70er und 80er Jahren kam sie auch nach Marokko. Diese Phase einer Re-Islamisierung spielte sich unter König Hassan II. ab. Der Herrscher wollte der Linken, die Marokkos Monarchie in Frage stellte, etwas entgegensetzen. Ahmed Assid, Religionsexperte an einem königlichen Institut in Rabat, beschreibt das so:

"Der Wahhabismus sollte für Ruhe sorgen. Denn der Wahhabismus gründet auf der Idee, dass der Herrscher weiß, was im Interesse der Muslime zu tun ist, und dass jeder das zu akzeptieren hat. Sich gegen den Herrscher zu wehren, gilt im Wahhabismus als Verbrechen."

Weckruf im Jahr 2003: 40 Tote bei Attentat

Die konservative Interpretation des Islam setzte sich in Marokko fest. In den Schulen, an den Universitäten. Marokko wurde religiös konservativer und autoritärer. Und teilweise radikaler. Salafisten stachelten junge Leute am Rand der Gesellschaft zur Gewalt in Namen des Islams auf. 2003 töteten 12 Attentäter aus einem Elendsviertel von Casablanca insgesamt 40 Menschen. Das war ein grauenhafter Weckruf für das Königreich Marokko. Seitdem versucht man, gegenzusteuern: Mehr Kontrolle über die Prediger und Imame, mehr Investitionen für das Lumpenproletariat in den Slums der großen Städte.

2015 wurde die "Zentralstelle für juristische Ermittlungen", BCIJ, gegründet. Sie gilt als marokkanische Anti-Terrorzentrale. Der Chef, Abdelhaq Khiame, sagt, seit ihrer Gründung  habe man 46 terroristische Zellen in Marokko zerschlagen. Und noch eine Zahl nennt Abdelhaq Khiame: 1664 ­­– so viele Marokkaner hätten sich verschiedenen Dschihadisten-Gruppen im Ausland angeschlossen. Die meisten gingen zum IS. Khiame sagt: "Man muss die Ursachen des Radikalismus bekämpfen. Dabei müssen die Familien eine Rolle spielen, die Schule, die Zivilgesellschaft – jeder, weil das eine gemeinsame Herausforderung ist."


Aber warum wird jemand radikal? Die Studie in Tunesien hat gezeigt: Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es darf vermutet werden, dass das auch für Marokko gilt. Der ehemalige Salafisten-Prediger Mohamed Rafiqui hat neun Jahre im Gefängnis gesessen. Er kennt zumindest die Denkmuster der Radikalen, die nach neuen Rekruten suchen. Er kennt die Vorgehensweisen. Rafiqui will junge Extremisten vom Salafismus wegbringen, sagt er. Offen ist, ob und wie viel Unterstützung er dabei bekommt.

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