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StartseiteCampus & KarriereGebetsräume mit neuer Nutzung13.07.2018

Religion an HochschulenGebetsräume mit neuer Nutzung

Viele Hochschulen haben ihre Gebetsräume geschlossen. Mehrere der ursprünglich religionsneutralen Räume waren nämlich zu islamischen Gebetsräumen umfunktioniert worden. Einige Hochschulen im Ruhrgebiet haben inzwischen neue Lösungen gefunden.

Von Kai Rüsberg

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Die Technische Universität Dortmund. (imago/Westend61)
An der TU Dortmund wurde der Andachtsraum vor zwei Jahren geschlossen (imago/Westend61)
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TU Dortmund Streit um "Raum der Stille"

Beten und studieren

Kurz vor der Mittagszeit ist in der Kantine der Hochschule Bochum schon viel los. Mehr als 100 der 500 Sitzplätze sind bereits belegt, die Studierenden rücken Stühle und diskutieren. Ganz oben links ragt ein kleiner Balkon in die Halle, der früher keine Funktion hatte. Seit zweieinhalb Jahren ist hier Platz für ein Gebet. Optisch abgetrennt wird der Balkon durch einen umlaufenden weißen Vorhang, erklärt Hochschulsprecher Detlef Bremkens:

"Im Prinzip ist es schon so gedacht, dass diese Form der Transparenz, die der Raum ausstrahlen soll, auch wirklich erhalten bleibt immer. Wir haben natürlich Sorge gehabt, dass die Hochschule so eine Art Keimzelle von religiöser Gewalt werden könnte. Möchten wir natürlich auf jeden Fall ausschließen."

Die Hochschule Bochum hat schlechte Erfahrung mit einem Gebetsraum gemacht. 2012 musste sie ihn schließen, der abseits im Keller ohne Aufsicht lag. Dies soll mit dem von überall einsehbaren Balkon in der Mensa verhindert werden.

"Die Befürchtung all derer, die gesagt haben, da separieren sich Leute, sondern sich ab und machen irgendetwas, wovon der Rest der Hochschule nichts mitbekommt, der ist damit natürlich vom Tisch. Für diejenigen, die es aushalten müssen, ist es natürlich nicht so einfach. Es ist keine gute Lösung, aber es ist ein Kompromiss, der für alle in irgendeiner Weise auch etwas bietet."

Gebetsraum wurde zweckentfremdet

2012 war der Gebetsraum ohne Wissen der Hochschule mit aufgespannten Tüchern in zwei Teile getrennt worden - in einen Teil für Männer und einen für Frauen. Eines Tages wurde der Rektor vom Landeskriminalamt darüber informiert, was sich dort abspielte. Er schloss daraufhin den Raum, sagt Sprecher Bremkens:

"Weil wir feststellen mussten, dass er konspirativ benutzt worden ist für Salafistentreffen von dem als Leibwächter von Osama bin Laden bekannt gewordenen Sami A.. Vorher auch schon haben wir die üblichen Probleme gehabt, die man mit so einem Raum leicht hat, der wurde ganz schnell nicht mehr als Meditationsraum benutzt und dann ausschließlich von Muslimen belegt, um dort zu beten. Irgendwann den Raum in zwei Teile getrennt haben, mit Decken und ähnliche Dinge wie man sie halt so kennt."

Eine neue Lösung musste her. Denn der Bedarf für einen Andachtsraum ist groß. Jeder siebte Studierende ist Ausländer, 60 Prozent haben eine Migrationsgeschichte in der Familie. Zafar, der seinen Nachnamen nicht nennt, sieht häufig gläubige Muslime in den neuen Gebetsraum in der Kantine gehen:

"Der wird auch oft genutzt. Nur das Problem ist, dass sich Schlangen bilden, weil die Männer und die Frauen, die beten halt getrennt und dann wartet man halt immer."

Der 22-jährige Student der Betriebswirtschaftslehre nutzt den Gebetsraum selbst nicht.

"Ich finde es persönlich, wegen dem Gestank von der Mensa, der Geruch ist es halt nicht so gut, aber wir können uns glücklich schätzen, als Muslime."

Religiöse Rituale untersagt

Ute Zimmermann stellt ihren Strandkorb Richtung Sonne. In der 3. Etage des Physikgebäudes hat die Technischen Universität Dortmund vor wenigen Wochen einen Entspannungsbereich eingerichtet, genau dort, wo es bis vor zwei Jahren einen Gebetsraum gab.

"Doch eine ganz andere Idee und ganz anderer Auftrag. Wir wollen mit diesem Raum einen Startpunkt setzen für andere Lernorte. Orte des Zusammenkommens, des Denkens. Wir wollen hier anbieten, auch mal auf andere Art zu lernen."

Auch in an der TU Dortmund wurde der Andachtsraum vor zwei Jahren geschlossen. Zuvor war er mit Möbeln und Tüchern in zwei Teile für Männer und Frauen ge­trennt und mit Gebetsteppichen zu einem rein muslimischen Raum umge­wid­met worden. Einen neuen Gebetsraum soll es in Dortmund nicht mehr geben.

"Wir haben so viel Platznot. Wir haben hier an der TU überhaupt gar keine Räume für irgendwelche Religionsgemeinschaft. Also auch die katholische oder die evangelische Studierendengemeinschaft, Hochschul­gemeinde hat hier auf dem Campus keinen Ort, keinen Raum."

Auch die Uni Duisburg-Essen plant den Bau eines Raumes der Stille. Noch lange bevor der im nächsten Jahr fertig gestellt wird, gibt es schon eine Nutzungsordnung, die religiöse Rituale untersagt.

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