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StartseiteTag für TagE-Priester im Einsatz25.09.2019

Religion in JapanE-Priester im Einsatz

In Japan gehören Roboter zum Alltag. Sie helfen im Haushalt, bei der Kinderbetreuung und Altenpflege. Seit neuestem wirken sie auch in Buddhas Namen. Roboter Mindar unterstützt die Zen-Zeremonie, Segen inklusive. Der High-Tech-Priester soll junge Leute für die Tradition begeistern.

Von Mechthild Klein

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Der Mitgefühl-Roboter Mindar während einem Ritual im Kodaiji-Tempel in Kyoto  (imago stock&people / Kyodo News)
Roboter Mindar hält eine Ansprache im Kodaiji in Kyoto. (imago stock&people / Kyodo News)
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Die Besucher verneigen sich ehrfürchtig vor dem Roboter-Priester. Er spricht japanisch und steht im buddhistischen Zen-Tempel Kodaiji in Kyoto in und unterweist sein Publikum.

Der Roboter-Priester ist fest installiert auf dem Boden. Er ist etwa zwei Meter hoch. Der Körper hat menschliche Proportionen. Gesicht, Schultern und Hände des Metallgerüsts sind mit einer Silikon-Haut überzogen, während Rumpf und Hinterkopf den Blick auf das Innenleben des Computers freigeben.

Zur Begrüßung legt der Roboter die Hände vor der Brust zusammen. Während er spricht, nickt er dem Publikum zu und bewegt die geöffneten Hände, als wollte er das Gesagte unterstreichen. Sogar an den Lidschlag der Augen haben die Konstrukteure gedacht.

Roboter Mindar soll Zen-Priester ersetzen

Der Roboter heißt Mindar. Er soll einen Zen-Priester ersetzen, die machen im Tempel vor allem Bestattungs- und Gedenkrituale. "Der Roboter unterstützt die Priester bei dem, was sie die ganze Zeit machen, nämlich Sutren zu rezitieren und Unterweisung zu geben, Ansprachen zu halten", sagt Professorin Inken Prohl, die in Heidelberg Religionswissenschaft lehrt. Sie hat lange in Japan gelebt.

Außenstehende mögen sich wundern, dass ein Roboter-Priester die sakrale Kraft genauso übertragen kann wie ein Mensch, sagt sie. Denn nur dann funktionieren die Rituale.

Inken Prohl erklärt: "Bei den Ahnengedenkritualen und Totenritualen, wohlgemerkt nicht nur im Zen-Buddhismus, sondern bei allen buddhistischen Schulen in Japan geht es darum, dass die Toten sicher in eine jenseitige Sphäre geleitet werden. Und dazu ist religiöse Kraft notwendig."

Aber da der Roboter eben geweiht ist und im Tempel steht, sei das kein Problem, meint die Religionswissenschaftlerin: "Insofern ist er im Kontext dieser besonderen Kraft, die im Tempel sowieso schon herrscht und insofern kann er auch diese Rituale übertragen, in denen religiöse Kraft eine Rolle spielt."

Der Roboter soll einen der höchsten Bodhisattvas verkörpern, nämlich Kannon, den Bodhisattva des Mitgefühls, der in Japan oft weiblich dargestellt wird.

Inken Prohl sagt: "Wenn man einen Roboter möchte, der die Akteure auch überzeugt, ist es eine gute Idee, sich für eine Verkörperung von Kannon zu entscheiden. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass Kannon sich in allen möglichen Formen materialisieren und manifestieren kann."

In Japan gehören Roboter zum Alltag. Akzeptiert werde, was dem Menschen das Leben erleichtere. 22 Jahre nach dem Kinderspielzeug Tamagotchi – ein Plastik-Ei mit einem virtuellen Küken auf dem winzigem Bildschirm, um das man sich kümmern musste. Heute seien beispielsweise Roboter-Hunde sehr beliebt. Wegen der beengten Wohnverhältnisse und der vielen Regeln und Rücksichtnahmen einfach praktisch, sagt Inken Prohl.

Auf die Form kommt es an

"Insofern ist die Entwicklung von religiösen Robotern ist eigentlich nur eine Weiterentwicklung der vielen Mittel, die die Menschen sich überlegen, damit ihre religiöse Vorstellung sich auch materialisieren kann."

Nach Ansicht von Prohl gibt auch in Japan die Haltung, dass Religionen etwas für den Menschen tun und Hilfe bieten sollen bei Krisen und Problembewältigung. Und das könne eben ein Roboter übernehmen. Mindar macht das sogar interaktiv. Der ist so programmiert, dass er auf die Fragen der Besucher im Tempel reagiert. Wichtig sei noch ein Punkt, so Prohl:

"Es kommt bei der Religion darauf an, dass es in der richtigen Form dargeboten ist. Und da würde ich sagen, dass Mindar diese Ansprüche an die Form erfüllt. Es ist in einem Tempel."

Seine androgyne, fast weibliche Form des Gesichts. Der blanke Schädel. Die richtige Ansprache, die Verbeugung an den richtigen Stellen. "Es manifestiert sich ein buddhistischer Priester. Und solange die Form eingehalten wird, kommt es gar nicht so sehr darauf an, auf die Tradition, auf die Doktrin, auf das richtige Ritual. Sondern es kommt darauf an, dass durch die Form gewährleistet ist, dass religiöse Aktivität wirken kann. Und das wird durch den Roboter erfüllt", meint Prohl.

Mahayana-Buddhisten würden wohl noch ergänzen, dass der Roboter "ein geschicktes Mittel" sei, auf Sanskrit upaya, um die buddhistische Lehre zu verbreiten. Der Roboter habe geradezu die perfekte Gestalt, um die buddhistische Lehre zu manifestieren. Er bildet die Leerheit der Formen ab. Leer ist demnach alles, was nicht aus sich heraus bestehen kann, sondern nur in Abhängigkeit von anderem. Im Lotussutra heißt es:

'"Leere ist Form und Form ist Leere.' Da die Form sowieso unbeständig ist und somit eine Illusion ist und im Rahmen der Mahayana-Anschauung eigentlich leer ist, ist es eigentlich egal, in welcher Gestalt sich die buddhistische Wahrheit oder religiöse Effektivität manifestiert."

Manga-Figuren werben für Tempel

Der Roboter-Priester ist vor allem ein Versuch, junge Japaner für die buddhistische Tradition zu begeistern. Die Institutionen dort kämpfen - ähnlich wie die Kirchen in Europa - gegen den Abbruch der Tradition. Aber in Japan sind die religiösen Vertreter und ihe Institutionen sehr erfindungsreich, sagt Inken Prohl. Mönche betreiben dort buddhistische Bars. Die Helden aus Manga-Comics würden angeheuert, um Werbung zu machen. Die Tempel würden als perfekte Kulisse für Instagram oder Computerspiele angepriesen - alles, um die Tempel wieder voll zu bekommen.

"Wir diskutieren so häufig darüber, ob die Transformation von Religion zu einem Rückgang an Religion führt. Wenn ich mir aber anschaue, welche nicht so guten Wirkungen Religionen auf Menschen und Gesellschaften haben, frage ich mich: Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn Religion und Menschen mehr auf Distanz zueinander gehen? Um die Menschen freier zu machen, von den ganzen Moralvorstellungen und frauenverachtenden und allen möglichen problematischen Vorstellungen, die wir in den Religionen haben."

Von Prinzip her gebe es in Japan ähnliche Probleme wie in Europa, sagt die Religionswissenschaftlerin.

Sie nennt als Beispiel, "dass eine alte und verkrustete Hierarchie, Institution festhält an den überkommenden Traditionen. Allerdings ist die buddhistische Welt viel stärker aufgeteilt als jetzt die Institution der katholische Kirche oder der verschiedenen protestantischen Kirchen. Insofern sind da andere Transformationsprozesse in Gang. Insgesamt würde ich sagen, dass Mindar-Roboterpriester eher noch die überkommene Tradition am Laufen halten – mit dem Versuch die jüngere Generation einzubinden. Insofern dürfen wir nicht denken, dass jetzt eine technische Innovation zu einer intellektuellen Revolution führt."

Die Religionen nutzten zwar die neuesten Techniken wie die interaktiven Roboter, sagt Prohl. Aber eigentlich hielten sie an überkommenen Traditionen und Vorstellungen fest, die die Gesellschaft nicht weiter bringen.

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