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StartseiteTag für Tag"Wir leben unter dem virologischen Imperativ"08.06.2020

Religion und Corona"Wir leben unter dem virologischen Imperativ"

Der Historiker Michael Wolffsohn kritisiert eine Reduzierung auf den Kampf gegen Corona. "Eindimensionale Fixierung auf das, was virologisch richtig oder falsch ist, kann es nicht sein", sagte Wolffsohn im Dlf. Vielmehr müsse Religion sich mit Sinnfragen befassen, die sich aus der Krise ergäben.

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Andreas Main

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Der Historiker Michael Wolffsohn bei einer Lesung aus seinem Buch "Deutschjüdische Glückskinder" im Jüdischen Museum Berlin (imago stock&people / Uwe Steinert)
"Für die Seele ist die Religion zuständig", sagt der Historiker Michael Wolffsohn (imago stock&people / Uwe Steinert)
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Michael Wolffsohn ist jüdischer Historiker in München. Er ist ein Grenzgänger, hat auch immer andere Religionsgemeinschaften im Blick. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Tacheles", ein eher politisches Buch. Aber auch darin: viele Aspekte zu Religionsfragen.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Andreas Main: Wir wollen nicht über Bücher reden, sondern über Gott und Corona, über Seele und Sorge in Pandemiezeiten. Und vor allem fragen, ob der Gottesglaube in einer Pandemie helfen kann. Sie sind theologisch interessiert, aber zunächst mal Historiker. Deswegen zu Beginn die historische Frage an Sie: Wie bewerten Sie die Reaktionen der Religionsgemeinschaften heute verglichen mit Reaktionen auf Pandemien in der Vergangenheit?

Michael Wolffsohn: Da unterscheidet sich eben erstaunlicherweise die Religion der Gegenwart, die institutionalisierte Religion der Gegenwart kaum von der Vergangenheit, wenn ich das recht sehe. Man hat meistens mit Bibelzitaten oder anderen frommen Zitaten agiert, aber nicht die Grundfragen des Seins gestellt, nämlich: Ist so etwas gottgewollt? Ich rede gar nicht von Gottes Strafe. Also: Weniger zitieren und mehr reflektieren, das wäre eigentlich meine Aufforderung gewesen. Und das wäre in der Moderne auch notwendig.

Staatstragende Tradition

Main: Bleiben wir zunächst mal beim Mainstream, der Mitte der Religionsgemeinschaften hierzulande, egal ob Kirchen, Rabbiner oder Vertreter des Islam: Man hat sich staatstragend hinter die Maßnahmen gestellt, die die Politik mit naturwissenschaftlicher Unterstützung entwickelt hat. War diese Reaktion der Religionsgemeinschaften sozusagen ohne Alternative?

Wolffsohn: Sie ist religionsphilosophisch und religionshistorisch einwandfrei. Ich lasse mal jetzt hier die muslimische Gemeinschaft beiseite, weil die muslimische Gemeinschaft ja in ihrer Grundorientierung ausgeht von der Identität von Religion und Staat - also die traditionelle Umma, die der Prophet Mohammed gegründet hatte seinerzeit. Aber in Bezug auf Judentum und Christentum gehört das zur Tradition.

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Ich beginne mit dem Christentum: "Gib dem Kaiser, was des Kaisers und Gottes ist", also Matthäus 22:23. Und spiegelbildlich dazu in der jüdischen Tradition: "Dina de-malchuta dina". Ich übersetze frei: Das Staatsrecht gilt. Also insofern haben sich die Religionsgemeinschaften christlich und jüdisch, und dann in der Folge auch in der Diaspora die muslimischen, an diese Tradition gehalten.

"Die elementare Frage: Darf der Mensch in Gottes Werk eingreifen?"

Main: Und es gab auch keine Alternative dazu?

Wolffsohn: Das ist die große Frage. Und das ist ja auch innerreligiös umstritten gewesen. In der jüdischen Welt habe ich diesbezüglich in der Diaspora wenige Abweichungen gefunden, in Israel haben sie sehr viele Abweichungen vor allem in der ersten Phase gehabt.

Eine der Hochburgen von Corona war Bnei Brak. Bnei Brak ist eine orthodoxe Siedlung. Nein, das ist das falsche Wort. Eine religiöse, stark orthodoxe Stadt in der Nähe von Tel Aviv. Und da haben die Menschen gesagt: Wenn Gott die Pandemie überwinden will, dann wird er dafür sorgen; und das muss nicht der Staat machen. Und Sie haben Vergleichbares etwa in der katholischen Welt, ich denke an die Afra-Gemeinde in Berlin: Und auch da gab es eben ganz demonstrativ ...

Main: Eine katholische Gemeinde.

Wolffsohn: ... den Gottesdienst. Eine katholische Gemeinde in Berlin, quasi fundamentalistisch, sagen einige. Egal, jedenfalls: Die haben gesagt: Wenn es Gottes Wille ist, dass wir die Pandemie haben – ich übersetze jetzt frei -, dann können wir nur darum beten, dass das aufhört und Gott wird dafür sorgen. Und da sind wir bei der elementaren Frage, nämlich: Was kann der Mensch, was darf der Mensch machen? Darf der Mensch in Gottes Werk eingreifen oder nicht? Das ist zumindest eine Frage, die gläubige Menschen sich immer stellen.

"Aus der religiösen Institution ist eigentlich nichts Theologisches gekommen"

Main: Und dass diese Fragen nicht gestellt wurden, dass es ein Schweigen aus Kirche und Theologie gab, das wurde schon Mitte März beklagt. Sie haben in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im April gesagt, Religionen müssten etwas beitragen, im Sinne von Sinnstiftung, das haben Sie gerade auch noch mal wiederholt. Wie kann es sein, dass da so wenig kam? Was ist die Erklärung?

Wolffsohn: Diese Frage kann ich nicht beantworten, die müssen Sie den jeweiligen Geistlichen stellen. Ich kann nur einige Beispiele aufführen - alles wohlgemeint, aber letztlich an den Bedürfnissen der Menschen vorbei: Der Papst hat sozusagen in Ein-Mann-Vorstellungen - sehr eindrucksvoll, optisch auch wunderbar inszeniert - in Rom ein Gebet veranstaltet. Er ging durch die menschenleere Stadt und hat gebetet. Ja, das ist richtig. Aber warum betet man? Hilft beten, reflektieren? Beten alleine ist zu viel Appell. Das ist sozusagen das Zitat des Rituals – und damit erreicht man die Menschen nicht mehr.

Papst Franziskus steht an einem Pult in einem fast menschenleeren Petersdom. (AFP PHOTO / VATICAN MEDIA)Papst Franziskus feierte in einem fast menschenleeren Petersdom die Ostermesse (AFP PHOTO / VATICAN MEDIA)

Ebenfalls in der orthodoxen jüdischen Welt – im liberalen Judentum gab es diese Diskussion durchaus auch -, aber es ist eben aus der religiösen Institution, egal ob jüdisch, christlich oder muslimisch, eigentlich nichts Theologisches gekommen, sondern mehr Virologisches. Und das sollten besser die Virologen machen.

Gebrochenheit als Stärke der Religion

Main: Nun sind wir aber allesamt fixiert aufs Materielle. Da kann sich ja kaum einer von uns ausnehmen. Wir verfolgen die Podcasts der Virologen, wir konzentrieren uns aufs Körperliche. Also Seele und Sorge sind da wohl ein wenig unter die Räder geraten.

Wolffsohn: Ja, aber man muss eben die Einheit sehen. Wir leben derzeit – und ich sage das auch selbstkritisch ganz persönlich auf mich bezogen – unter dem virologischen Imperativ. Aber der Mensch besteht nicht nur aus Antivirologie allein, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Übertragen wir also diesen biblischen Spruch auf die Pandemiesituation! Es kann doch das Leben nicht nur darauf begrenzt sein, dass wir überleben. Zum Leben gehört eben sehr viel mehr. Und das eindimensionale Fixieren auf das, was virologisch richtig oder falsch ist, kann es nicht sein.

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Und erst recht deshalb nicht, weil ja auch die Spezialisten, also die Virologen untereinander uneinig sind. Das ist in der Wissenschaft überhaupt nichts Neues, das gehört zur Wissenschaft: A sagt A und B sagt B – und dann entwickelt sich vielleicht als Richtiges C. Aber das weiß man erst hinterher. Und das erleben wir jetzt: Wir sind in einer totalen Experimentsituation. Und da kann die Religion sehr viel beitragen, gerade in ihrer Gebrochenheit und gerade beispielsweise in Bezug auf das Alte Testament ebenso wie auf das Neue Testament.

Also, Neues Testament: Warum wird Gott, Gottes Sohn Jesus gekreuzigt, ohnmächtig am Kreuz? Wir sind auch ohnmächtig jetzt, trotz der Wissenschaft. Das sind doch Fragen, die man ableiten und zurückführen kann von der Religion in die Virologie und von der Virologie in die Religion.

Main: Und das würden sogar die meisten Virologen womöglich unterschreiben?

Wolffsohn: Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass die so fixiert sind. Ich bin, chronologisch gesprochen, ein '68er, und zu meiner Zeit sprach man viel von "Fachidioten". Das kann man freundlich und weniger freundlich interpretieren. Der Spezialist ist Spezialist und eben kein Generalist. Und es gibt vielleicht auch unter den Virologen einige Generalisten.

Christentum minus Kreuzigung

Main: Jetzt schauen wir wirklich mal nach vorne. Sie haben es ja angedeutet: Welche Hilfe kann erwachsen in Ihren Augen aus der Religion, aus den Religionen?

Wolffsohn: Da würde ich unterscheiden. Also, als Jude sage ich das ganz bewusst, nicht kritisch, aber beschreibend: Die tröstliche Religion ist natürlich das Christentum, wenn wir die Evangelien nehmen – minus der Kreuzigung, die ja auch die Basisfrage stellt des menschlichen Seins nach dem Warum. Warum wird dieser – ob gläubig gesprochen oder nicht – großartige Mensch Jesus gekreuzigt und die Schufte überleben? Im Alten Testament haben Sie immer wieder den zürnenden Gott, den liebenden Gott, den barmherzigen Gott in dieser Brechung.

Die Kreuzigung Christi, historische Illustration  (imago stock&people)Die Kreuzigung Christi stellt die Frage nach dem Willen Gottes (imago stock&people)

Und das Gebrochene erleben wir jetzt, aber es wird in der öffentlichen Reflektion uns sozusagen eine eindimensionale Verhaltensvorschrift empfohlen. Ja, nicht einmal im Sinne von Freiheitsunterdrückung, alles bestens gemeint, aber es fehlt mir die Reflektion der konkreten Situation in Bezug auf das generelle Sein. Sprich: Wie ist das möglich? Obwohl wir so viel wissen, sind wir von einem Mini-Mini-Mini-Virus weltweit momentan abhängig. Das sind doch elementare Fragen!

"Für die Seele ist die Religion zuständig"

Main: Wie ist das möglich? Welche Antwort würde sich denn aus einer jüdischen Perspektive ergeben?

Wolffsohn: Aus der jüdischen Perspektive, das ist ja das Schwierige und zugleich Faszinierende am Judentum, gibt es keine endgültige Antwort. Wenn die rabbinischen Weisen, um das an einem Beispiel deutlich zu machen, die rabbinischen Weisen, also die Talmud-Begründer, kontroverse Diskussionen geführt haben und an den Ursprung der Existenz kamen und dann letztlich auch sagten: Dass Gott das zulässt, das ist doch unerhört! Und dann ertönt eine Stimme, eine himmlische Stimme, heißt es, und die sagt dann diesen rabbinischen Weisen: Das ist nicht an euch zu entscheiden, sondern Gott.

Die Einsicht, dass wir trotz unseres vielen Wissens so viel nicht wissen. Und das bedeutet nun wiederum: Wir sollten uns nicht konzentrieren auf die Eindimensionalität, sondern die Vieldimensionalität, denn wir brauchen eben auch die Seele. Und für die Seele ist die Religion eher zuständig als die Virologie und die Politik.

"Religion ist kein Vollzugsorgan der Politik"

Main: Inwieweit sehen Sie als Jude in einer Situation wie der jetzigen Pandemiesituation im Christentum ein Trostpotenzial?

Wolffsohn: Genauso wenig wie im Judentum. Das Christentum ist für den Alltag eine wunderbar tröstliche Religion, wenn man sich vor allem an das hält, was Jesus gepredigt hat. Aber es ist auch keine Tröstung, wenn man eben das Ende - sprich: die Kreuzigung - bedenkt.

Und wir müssen uns als Menschen damit abfinden, dass unsere Existenz ständig gefährdet ist. Und das haben wir eben oft vergessen, wir verdrängen den Tod. Und insofern wäre es eben für die institutionalisierten Religionen eine große Chance gewesen – die besteht immer noch -, uns auf diesen Gedanken zurückzuführen.

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Nicht im Sinne einer Miesepetrigkeit oder des ständigen Appells "Gedenket unserer Sterblichkeit!", sondern in diesem Sinne: "Ihr müsst euch auch jenseits des Genusses, der Lebensfreude, die ja etwas Wunderbares ist - das Leben ist wunderschön -, auch immer fragen: Wie lebe ich heute, wenn ich möglicherweise morgen schon tot bin? Und wenn ich tot bin, was ist dann? Ist nur das Nichts? Komme ich zu Gott oder komme ich nicht zu ihm? Gibt es ihn?"

Also, diese Seinsfragen jenseits der Vergnügungsfragen zu stellen, das ist die Aufgabe der Religion; und nicht, Vollzugsorgan und auch noch Lieferant von Ideologien der jeweiligen Politik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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