Donnerstag, 13.12.2018
 
Seit 17:30 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenReligion und Philosophie im Widerstreit20.07.2006

Religion und Philosophie im Widerstreit

Auf einer Tagung der Universität Köln wurde über Glauben und Vernunft diskutiert

Ein offener Dialog zwischen Philosophie und Religion über alle Kulturen hinweg - das ist das Ziel der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, die die Kölner Tagung maßgeblich veranstaltete. Deren Präsidentin, die Kölner Philosophin Claudia Bickmann, gab diesem Vorhaben im Eröffnungsvortrag eine philosophische Begründung: Die Philosophie habe sich zu der rationalen Einsicht durchgekämpft, dass es kein absolut sicheres Wissen gibt.

Von Martin Hubert

Der Kölner Theologe und Religionsphilosoph Hans Joachim  Höhn plädierte auf der Tagung für eine christliche Religion, die weder dogmatisch ist noch den Standpunkt einer höheren Moral einnimmt. (AP)
Der Kölner Theologe und Religionsphilosoph Hans Joachim Höhn plädierte auf der Tagung für eine christliche Religion, die weder dogmatisch ist noch den Standpunkt einer höheren Moral einnimmt. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Das verpflichte geradezu zu einem gleichberechtigten Dialog zwischen den verschiedensten philosophischen und religiösen Denkrichtungen. Die aufgeklärten Geister unter den Gläubigen werden immer zum toleranten Dialog bereit sein - wie aber geht man rational mit denen um, die vom Fundamentalismus bedroht sind. Der Erfurter Philosoph Michael Dusche stellte sich dieser Frage in Bezug auf den Islam und verwies entgegen aktueller fundamentalistischer Strömungen auf dessen vielgestaltige Geschichte. Es habe auch im Islam immer wieder Phasen der Aufklärung gegeben und das Prinzip der Pluralität sei in ihm grundsätzlich verankert. Nur ein Beispiel dafür ist die Türkei.

" Also die Möglichkeit, mit menschlicher Vernunft wieder diese Fragen anzugehen und selbständig modernen Umständen anzupassen, die hat es im Islam gegeben und das wollen diese modernen Muslime eben wieder zum Leben erwecken. Und die Chance besteht, dass das hier im Westen passiert, modellhaft, in Miniformat, und dann hoffentlich wegweisend wird in der islamischen Welt."

Der in den Niederlanden lebende Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Sayd etwa betont vor allem Allahs Gerechtigkeit, das Prinzip der Gleichheit, des Almosengebens und die Idee des richtigen Maßes im islamischen Denken. Mit solchen Ideen ließe sich nicht nur der Aufruf zum Jihad, zur kriegerischen Ausbreitung des Islam, relativieren. Sie taugten auch dazu, die Gleichberechtigung der Frauen und eine moderne muslimische Vorstellung vom sozialen Handeln zu begründen.

" Das ist glaube ich auch ganz wichtig für die jungen Muslime hier im Westen, die mit dieser sehr beladenen Vorstellung vom Islam aufwachsen, die angereichert ist bis in die kleinsten Details des Lebenszusammenhangs, wo dann ständig von ihrer älteren Generation ihre Loyalität in Frage gestellt wird, ihr Muslimsein in Frage gestellt wird. Die können mit solchen modernen Islamauffassungen argumentieren: ich bin Muslim, aber ich bin trotzdem Demokrat! Ein Sozialstaat ist dann zum Beispiel eine Möglichkeit, dem Gebot der Wohlfahrt, also der Armenfürsorge Ausdruck zu verleihen."

Eine solche rationale Erneuerung durch westliche Ideen scheint der Buddhismus kaum nötig zu haben. Er stößt umgekehrt wohl gerade deshalb in den westlichen Ländern auf Interesse, weil er rationale Ansprüche und spirituelle Bedürfnisse verbindet. Es geht ihm nicht um eine dogmatisch geoffenbarte göttliche Wahrheit, sondern bei ihm steht eine Methode und innere Einstellung im Vordergrund, durch die das Leiden in der Welt überwunden werden soll. Der in Deutschland lebende und lehrende indische Philosoph Ram Adhar Mall versuchte in seinem Tagungsbeitrag, die besonderen Wurzeln des indischen Denkens zu verdeutlichen. Die europäische Logik setzt auf den Satz vom Widerspruch, auf die Idee, dass etwas nicht zugleich wahr und nicht wahr sein könne. Die indische Logik dagegen wandelt diese Idee ab.

" Sie akzeptieren in der Logik den Satz vom Widerspruch, nur was sie sagen ist, dass die logischen Gesetze nicht bedingungslos gelten. Der Satz vom Widerspruch gilt unter der Bedingung: im gleichen Sinne, am gleichen Ort zur gleichen Zeit. Es kann in Köln regnen und in Hamburg die Sonne scheinen. Der Satz vom Widerspruch sagt nur: vorausgesetzt im gleichen Sinn, zum gleichen Ort und zur gleichen Zeit! Diese drei Voraussetzungen sind die Vorbedingung der Möglichkeit der Geltung des Satzes vom Widerspruch. Und: die indische Logik trennt sich nicht so streng von der Psychologie, weil das Denken ohne die Person des Denkenden nicht zu finden ist."

Das Denken löst sich im Buddhismus nie völlig von den Kontexten, in denen es geschieht und auf die es sich bezieht. Das scheint eine Form der Rationalität zu sein, die auch davor bewahrt, religiöse Wahrheiten in eine absolute Transzendenz zu verlegen. Ram Adhar Mall bekräftigte in seinem Vortrag die alte Idee, dass der Buddhismus eher eine spirituelle Philosophie als eine klassische Religion ist. Sie überwindet daher den Widerstreit zwischen Philosophie und Religion.

" In dem Sinne ist der Buddhismus dann in der Tat ein Dritter Weg für die Überwindung dieses Widerstreits, denn man muss einmal sagen - wenn ich das sagen darf: über Christus können sie philosophieren, aber Buddha philosophiert selbst, weil er nicht im Auftrag, eines Gottes, einer Transzendenz - er ist keine Inkarnation - handelt."

Und der christliche Glaube? Der Kölner Theologe und Religionsphilosoph Hans Joachim Höhn plädierte auf der Tagung für eine christliche Religion, die weder dogmatisch ist noch den Standpunkt einer höheren Moral einnimmt, eine Religion also, die auch für rational denkende Zeitgenossen akzeptabel ist. Höhn verwies darauf, dass sich in den Schöpfungsmythen der Bibel kein Sinn- und Wertbegriff findet, mit dem gesagt wird, wozu die Welt gut ist. Damit wäre die christliche Religion ursprünglich weniger eine Lehre, die dem Menschen vorschreibt, wie er zu leben habe, um Gott zu gefallen. Sie wäre eher ein Appell an den Menschen, in einer grundlos existierenden Welt wirklich autonom zu handeln. Denn bereits Gottes Tun wäre dann ja nur um seiner selbst willen interessant.

Höhn: " Für den Gottesbegriff bleibt jetzt nun gerade das Moment der Zweckfreiheit. Wenn der Mensch in einer ansonsten vollständig verzweckten und funktionalisierten Welt noch einen Ort finden will, an dem er Zweckfreiheit, Freiheit überhaupt suchen und finden will, dann könnte die Religion in der Tat ein solches Stellenangebot, ein Kontext sein, wo die Erfahrung von Zweckfreiheit durchdacht wird, auch rituell dargestellt wird und wo man gleichsam heraustritt aus einer ansonsten verzweckten, instrumentalisierten Wirklichkeit."

Insgesamt machte die Tagung deutlich, dass es verschiedenste Ansätze in den Kulturen gibt, rationale und religiöse Motive miteinander zu verbinden, dass diese sich aber kaum wirklich miteinander in Einklang bringen lassen. Gerade deswegen aber sind solche Tagungen des interkulturellen Austauschs nötig. Wie sehr dieser noch in seinen Anfängen steckt, machte vor allem der Rotterdamer Philosoph Heinz Kimmerle deutlich. Er verwies darauf, wie stark das afrikanische Denken noch animistisch geprägt ist, also davon ausgeht, dass in der Natur, in Bäumen und Landschaften, Seelen und Geister wohnen. Kimmerle forderte dazu auf, den Animismus in den interkulturellen Dialog aufzunehmen und als sechste Weltreligion anzuerkennen, neben dem Christentum, Judentum, dem Hinduismus, Buddhismus und dem Islam. Dann ginge es künftig im interkulturellen Dialog nicht nur um die Achtung vor Gott und um die Seligkeit des Menschen, sondern viel stärker auch um die Achtung vor der Natur.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk