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StartseiteTag für Tag"Keine Eintagsfliege in Israel"29.11.2016

Religion und Pop "Keine Eintagsfliege in Israel"

Seit einiger Zeit setzen sich Popmusiker in Israel verstärkt mit religiösen Traditionen auseinander. Es gebe den Wunsch "nach einem neuen Wir-Gefühl" sagte der Judaist Felix Papenhagen im DLF. Religion funktioniere dabei als kleinster gemeinsamer Nenner. Eine Eintagsfliege sei dieser Trend mit Sicherheit nicht.

Felix Papenhagen im Gespräch mit Andreas Main

Er ist nicht jüdisch, spricht aber hebräisch: Judaist und Ethnologe Felix Papenhagen. ((c) Max Niemann Photography)
Er ist nicht jüdisch, spricht aber hebräisch: Judaist und Ethnologe Felix Papenhagen. ((c) Max Niemann Photography)

Andreas Main: Vor rund fünf Jahren hörte ein junger Mann diese Sendung. Es lief eine Reportage, die ich aus Israel mitgebracht hatte – nach einer Reise mit der Bundeszentrale für politische Bildung. In der Reportage ging es um Religion in der israelischen Popmusik. Ich hatte unter anderem eine religiöse Rapperin kennengelernt und den ultraorthodoxen Musiker Daniel Zamir.

Da meldete sich der junge Mann und schrieb, er würde genau über dieses Thema "Religion in der israelischen Popmusik" seine Doktorarbeit schreiben. Der junge Mann ist ein paar Jahre älter geworden und seine Promotion ist fertig und veröffentlicht. Der Mann heißt Felix Papenhagen, er ist Judaist und Ethnologe.

Felix Papenhagen arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für jüdische Philosophie und Religion der Universität Hamburg und er ist uns von Hamburg aus zugeschaltet aus einem Studio. Wir zeichnen das Gespräch auf, um zu sprechen über seine Studie "Wem gehört der Schrank mit den Heiligen Büchern? Jüdische Religion im Kontext israelischer Popularmusik." Hallo, guten Morgen, Felix Papenhagen.

Felix Papenhagen: Schönen guten Morgen, Herr Main.

Main: Beginnen wir mal mit der Ausgangslage. Sie sagen, das Thema Religion habe in der Geschichte israelischer Popmusik allenfalls eine nebensächliche oder gar belächelte Rolle gespielt. Warum war das so?

"Sex, Rock, wenig Gott"

Papenhagen: Das war so, weil – was vielen vielleicht nicht bekannt ist – die zionistische Grundidee eigentlich eine ziemlich säkular geprägte war. Und dass am Anfang nach der Staatsgründung ein Genre vorgeherrscht hat, das Genre der Shirei Eretz Israel, also der Lieder für das Land Israel, in denen eine Wir-Doktrin beschworen wurde. Die Liebe zum Land hat eine ganz große Rolle gespielt bis hin in die 70er Jahre, wo es dann einen kleinen Wechsel gab.

In dieser Zeit gab es schon einige biblische Anspielungen und Versatzstücke von Zitaten. Aber viele derjenigen, die sich später der Rockmusik zugewandt haben, haben dieses auch ironisch gebrochen, die ewige Anbindung an die Tradition und an dieses Wir-Gefühl, welches da immer heraufbeschworen wurde. Die Individualität und die Probleme des Heute und Jetzt im Alltag und Arbeitsleben haben in diesen Liedern keine Rolle gespielt. Das hat den Leuten gefehlt.

Dann gab es eben einen seichten Bruch, kann man so sagen, wo westliche Einflüsse in die Musik gefunden haben, unter anderem auch die Themen. Eine Individualisierung der Texte, wo die Rocker von Sex, Rock, wenig Gott und Rock'n'Roll gesungen haben – und von ihrem Alltagsleben. Das war in den 80er Jahren.

Kobi Oz mit seiner Band Teapacks beim ESC 2007 in Helsinki in typischer Rockerpose. (AFP PHOTO / LEHTIKUVA / JUSSI NUKARI)Kobi Oz mit seiner Band Teapacks beim ESC 2007 in Helsinki in typischer Rockerpose. (AFP PHOTO / LEHTIKUVA / JUSSI NUKARI)

Main: Neuerdings sei jüdische Religion im Mainstream israelischer Musik angekommen. Gibt es dafür Erklärungen?

"Alte synagogale Musik neu vertont"

Papenhagen: Ja, da gibt es verschiedene Erklärungen. Eine ist die, dass nach dem Vakuum – das Ableben des Zionismus – gab es anscheinend ein Bedürfnis ein neues Wir-Gefühl wieder zu etablieren. Dort in dieser Zeit spielt dann eben auch die Religion als imaginierter oder auch kleinster gemeinsamer Nenner eine neue Rolle. Das ist ein Bedürfnis.

Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass es auch durchaus einzelne Initiatoren gab und Leute mit Agenden, die sogenannten philanthropischen Organisationen und Stiftungen, sehr häufig tatsächlich von amerikanischen Juden finanziert, die bewusst Abende gestaltet haben und Initiative ergriffen haben, um Musiker, aber auch Künstler mit den traditionellen Quellen zu konfrontieren und daraus dann neue – nicht Formate, aber neue Inhalte oder neue Themen für Lieder und Kunst allgemein zu generieren.

Also es ist dieses Wechselspiel zwischen einerseits so ein Grassroots-Bedürfnis der Leute nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner, der eben in der Religion zu finden sein könnte und diesen einzelnen Produzenten und Initiatoren, die durchaus in Vorleistung gegangen sind mit Abenden, wo sie verschiedene Künstler eingeladen haben, die dann Pijjutim, also alte synagogale Musik neu vertont haben.

Das ist das eine Phänomen, dass viele Alben entstanden sind, die ausschließlich aus religiösen Quellen zitieren. Da gibt es eine ganze Ausdifferenzierung dieses Feldes. Also nicht nur die bekannten Psalmen oder aus dem Hohelied, sondern eben auch eine Ausdifferenzierung, dass man alte Rabbinen aus Nordafrika wieder auskramt und die wieder neu vertont.

Gleichzeitig – und dem hab ich mich mehr zugewendet, weil der moderne Hörer nicht nur alte Zitate präsentiert bekommen möchte im neuen Gewande, sondern die Hörer verlangen eben auch ein Update der religiösen Botschaften – und deswegen gibt es das Phänomen, dass viele Künstler sich originell mit den alten Quellen auseinandersetzen und ganz neue Deutungshorizonte aufmachen. Das ist auch das durchaus interessantere Phänomen.

Religion ist Mainstream: Auswahl israelischer Pop-Alben. (Ludger Storcks)Religion ist Mainstream: Auswahl israelischer Pop-Alben. (Ludger Storcks)

Main: In welcher Form findet sich jüdische Religiosität in israelischer Popmusik wieder? Oder anders gefragt: Welche religiösen Strömungen und Traditionen werden bedient und welche nicht?

"Vergessene Deutungen von Bibelzitaten"

Papenhagen: Das ist eine gute Frage, weil das natürlich sehr, sehr bunt ist. Man findet aus allem, aus dem Chassidismus, aus der "normalen" Orthodoxie Versatzstücke. Da gibt es keine vorherrschende Strömung, sondern eben sogar das Phänomen, dass Säkulare sich mit alten Texten auseinandersetzen und die ganz neu deuten.

Das sind teilweise einfache Zitate, auf die dann aufgebaut wird, an denen sich gerieben wird, wo neue Messages oder vorher verworfene oder vergessene Deutungen eines Bibelzitats wieder in den Vordergrund gehoben werden und eine vorherrschende Deutung einer Passage aufgeweicht oder kontrastiert oder konterkariert wird.

Main: Wir können hier nicht en détail Ihre Vorgehensweise und theoretischen Gedanken einer Dissertation vorstellen. Das können Forscher ja nachlesen, wenn sie mögen. Aber für ein breiteres Publikum ist sicherlich ein Punkt interessant, dass Sie nicht jüdisch sind, dass Sie hebräisch sprechen. Wie schwer oder wie leicht war es vor diesem Hintergrund für Sie, Vertrauen in diesem Milieu herzustellen?

"Offene Türen eingerannt"

Papenhagen: Das war sehr leicht. Die Israelis sind ja sehr zugänglich. Ich habe meinen Zivildienst dort gemacht, ich habe schon lange Verbindungen dort hin. Das war sehr einfach, die Leute waren sehr aufgeschlossen. Allerdings hatte ich eben vorher schon eine Forschung – meine Magisterarbeit – zu einem bestimmten israelischen Liedermacher gemacht, Meir Ariel. Das war sozusagen mein Eintrittsbillett.

Ich konnte den Leuten damit sagen, hey – ich stecke im Thema. Dann war es auch ganz einfach, ich bin offene Türen eingerannt. Dennoch muss man sagen, dass an zwei, drei Stellen ich auch das erst Mal damit konfrontiert wurde als Nicht-Jude und als Deutscher – wobei das Deutsche hat nicht so eine große Rolle gespielt, eher als vermeintlich nicht Eingeweihter über so ein sensibles Thema zu schreiben – dem bin ich auch begegnet. Es kam trotzdem zu Interviews. Es war nur so eine vorgeschaltete kleine Bremse der Obacht.

Main: Wir werden hier auch keine Musik spielen, die untersuchten Künstler entsprechen nicht unbedingt unseren Hörgewohnheiten. Aber in einer Sendung, die sich mit Religionen im Wechselspiel mit der Gesellschaft beschäftigt – die Frage an Sie: Welcher Künstler, den Sie bearbeitet haben, ist aus Ihrer Sicht prototypisch für die israelische Entwicklung im 21. Jahrhundert?

Kobi Oz gibt am Rande des Eurovision Song Contests in Helsinki Autogramme. (AFP PHOTO / LEHTIKUVA / JUSSI NUKARI)Kobi Oz gibt am Rande des Eurovision Song Contests in Helsinki Autogramme. (AFP PHOTO / LEHTIKUVA / JUSSI NUKARI)

"Wir fahren doch alle in dieselbe Richtung"

Papenhagen: Einer der Künstler ist Kobi Oz, der sogar mit einer Band, die sich jetzt wieder zusammengefunden hat, die Band Teapacks – oder Tipex – die sich auf die Fahne geschrieben haben ursprünglich die aschkenasische, also europäische Hoheit in Israel zu weißen und eine neue Israelität voranzubringen.

Der Sänger ist ziemlich erfolgreich mit seinem Album "Mizmorey Nevochim" und beschreibt die verschiedenen Strömungen, die Sie auch schon angesprochen haben. Er hat so das Bild: Wir sitzen alle im Auto auf der Autobahn mit verschiedenen Spuren, fünf, sechs, sieben, acht Spuren, und fahren alle doch in dieselbe Richtung und wollen eigentlich auch alle dasselbe. Der ist ziemlich populär und kommt damit sehr gut an – Kobi Oz.

Main: Der steht eher in der Mitte der Gesellschaft, würde ich schätzen?

Papenhagen: Ja, obwohl er aus der Peripherie kommt und das auch immer wieder thematisiert, schafft er es auch mittlerweile, große Konzerthallen in Tel Aviv zu füllen.

Main: Ein Großteil der von Ihnen portraitierten sechs Künstler ist eher dem politisch rechten Lager zuzurechnen. Wie ist das zu erklären – ist es überwiegend so, dass Musiker, die sich offensiv mit jüdischer Religion beschäftigen dort verorten? Gibt es womöglich politisch kaum religiöse Musiker, die in der Mitte stehen oder links?

"Religion ist eine Chiffre"

Papenhagen: Ja, dem kann man zustimmen. Es ist schon vorherrschend, dass diejenigen, die sich mit Religion auseinandersetzen, auch politisch eher einer konservativen Richtung oder der rechten Richtung sich selbst zuordnen und dahin wandern. Wobei man auch sagen muss, Religion ist häufig hier auch meiner Ansicht nach eine Chiffre. Oder man wendet sich diesem Lager zu eigentlich aus ganz anderen Ängsten.

Main: Sie haben eben die Hinwendung zur Religion als Chiffre bezeichnet. Als Chiffre wofür?

Papenhagen: Ja, um teilweise auch geopolitische Ängste in einem neuen Wir-Gefühl zu begreifen oder damit klarzukommen. Also einerseits diese Ängste. Andererseits ist es natürlich auch eine Auseinandersetzung mit einer ganz reichen Tradition, die überhaupt nicht dogmatisch ist.

Es ist eigentlich sowieso besser von Judentümern zu sprechen. Von daher gibt die Traditionsliteratur sehr viele, nicht nur nationale oder ethno-nationale Deutungsmuster vor, sondern auch humanistische. Deswegen ist es auch möglich, aus dieser Literatur sich ganz weltoffene Gedanken herauszusuchen.

Main: Damit wir hier auch kein falsches Bild entwerfen. Sie haben es auch schon angedeutet: Die meisten israelischen Musiker thematisieren Religion nicht in ihrer Arbeit. Wir reden hier über eine Minderheit. Gehen Sie abschließend davon aus, dass die Minderheit größer wird oder ist das Phänomen der Zuwendung zur Religion eine Eintagsfliege?

"Das religiöse Establishment wird in Frage gestellt"

Papenhagen: Ich glaube, es ist – also auch die Befragten haben das gesagt – es ist keine Eintagsfliege. Das ist ein Phänomen, das auch in "hundert Jahren noch eine Rolle spielen wird." Wobei eben zu gucken sein wird, ob monokausale Auslegungen vorherrschen werden oder ob es eine Weitung der Grenzen durch Hinwendung zur Religion geben wird, ob eine Weitung der Grenzen auch innerhalb der Orthodoxie hervorgerufen wird.

Dieses Phänomen gibt es durchaus. Das religiöse Establishment wird auch von diesen Musikern angegriffen oder in Frage gestellt oder neu diskutiert. Oder ob das in die andere Richtung gehen wird, das bleibt abzuwarten. Aber es ist keine Eintagsfliege – ganz sicher nicht.

Main: Einschätzungen waren das von Felix Papenhagen. Er ist Judaist und Ethnologe an der Uni Hamburg. Seine Studie "Wem gehört der Schrank mit den Heiligen Büchern? Jüdische Religion im Kontext israelischer Popularmusik" kostet 85 Euro und ist erschienen in der Reihe "Jüdische Religion, Geschichte und Kultur" bei Vandenhoeck & Ruprecht. Danke Ihnen ganz herzlich, Herr Papenhagen.

Papenhagen: Ja, sehr gern, sehr gern. Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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