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StartseiteTag für TagVisionäres Denken über Macht07.02.2020

Religionsphilosoph Romano Guardini Visionäres Denken über Macht

Lehrstühle sind nach ihm benannt. Er hat Generationen von katholischen Theologen beeinflusst. Und er fand Beachtung jenseits einschlägiger Kirchenkreise und -debatten: Romano Guardini. Die Thesen des Theologen und Religionsphilosophen zur Macht werden neu bedacht - weil: aktuell.

Von Burkhard Schäfers

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Aufnahme des Theologen Romano Guardini von 1962 (imago images / ZUMA/Keystone)
Die Dialektik der Macht erkannte der Theologe Romano Guardini bereits vor 70 Jahren (imago images / ZUMA/Keystone)
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"Die Macht ist uns fragwürdig geworden. (…) Im allgemeinen Bewußtsein dringt das Gefühl durch, daß unser Verhältnis zur Macht falsch ist; ja, daß unsere steigende Macht selbst uns bedroht."

Romano Guardini, Theologe und Religionsphilosoph, 1951 in seinem Essay ‚Die Macht – Versuch einer Wegweisung‘. Seit der Neuzeit greife der Mensch nach der Welt – mit Hilfe von Technik. Er strebe nach Macht über die Natur. Aber diese Epoche sei im Wesentlichen zu Ende gegangen, meint Guardini. Der Mensch stehe vor der Entscheidung, seine Macht zu bändigen, oder aber ihr zu verfallen und zu Grunde zu gehen.

Und heute, knapp 70 Jahre nach Guardinis Denkschrift?

"Ich denke vor allem in den Medien haben wir eher einen negativen Machtbegriff. Wir reden von Machtmissbrauch. Klar, in der Kirche im Kontext des sexuellen Missbrauchs. Aber auch mit autoritären Machthabern. Seit ungefähr zehn Jahren beobachten wir weltweit, dass die Demokratie im Rückmarsch ist zugunsten von autoritären Regimen."

Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Deutschlandradio / Schäfers)Markus Vogt forscht zu Macht und Verantwortung im Werk Guardinis (Deutschlandradio / Schäfers)

Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er sagt: Das Kernproblem, vor dem Guardini warnte, bestehe fort. Es fehle an Akteuren, die Verantwortung übernehmen. Für Guardini gehörten Macht und Verantwortung untrennbar zusammen.

"Die Verantwortung verliert sich in anonymen Mächten. Die Macht wird anonymisiert, sie wird abgegeben an Systeme. Sie ist nicht mehr von Personen durchdrungen und gehandhabt. Das kritisiert er sehr heftig, und da ist er durchaus visionär. Ich denke, die ökologische Situation heute ist das Umkippen der Macht in ihr Gegenteil. Wir haben so viel Macht über die Natur, dass wir unsere eigene Macht nicht mehr kontrollieren und verantwortlich handhaben können."

Blinde Macht

Der Mensch übe Macht aus, ohne sich offen zu ihr zu bekennen, so Romano Guardini. Stattdessen begründe er den Gang der Dinge mit Argumenten wie: Dieses sei von Nutzen oder jenes notwendig für den Fortschritt. Guardini wörtlich:

"Es breitet sich vielmehr das Bewußtsein aus, im Grunde sei es überhaupt kein jemand, der da handelt, sondern eine nirgends faßbare, (…) auf keine Frage antwortende Unbestimmtheit. Deren Verhalten wird als zwangsläufig empfunden."

Markus Vogt:

"Teils beschreiben sich ja gerade entscheidende Akteure heute in der Wirtschaft, in der Finanzwelt eher als Getriebene. Das heißt als Rädchen in einem großen Systemimperativ der Wirtschaft, der Eigenlogik von Technik. Wir bemühen uns, Gesichter der Macht ansichtig zu bekommen und kritisieren dann den Missbrauch, aber der Kern des Problems ist diese immer weniger sichtbare Eigendynamik der Systeme."

Wenn Algorithmen über den Aktienkurs bestimmen, künstlich lernende Maschinen autonom handeln, wenn Energiegewinnung und Verkehr das Klima beeinflussen – dann wird aus dem Machtgewinn des Menschen plötzlich Machtverlust.

Macht einhegen

Um die – Zitat Guardini – "globale Katastrophe" abzuwenden, brauche die Menschheit verantwortliche Akteure, sagt der Sozialethiker Markus Vogt. Aber Verantwortung könnten in Zeiten der Globalisierung nicht allein Politiker übernehmen. Sondern ebenso international agierende Großkonzerne, Medien, Kirchen und Verbände. Ihre gemeinsame Aufgabe: Die menschliche Macht einhegen.

"Guardini stellt es ja in einen sehr großen Kontext. Die sinnstiftende Signatur der Zukunft kann nicht mehr die weitere Expansion der Macht sein, weil uns diese Machthülle selbst zur Gefahr wird. Es geht um einen Paradigmenwechsel, im Grunde eines Neudenkens von Fortschritt, von Freiheit, von Naturverhältnis, von Gesellschaft, von Verantwortung. Da stehen wir mittendrin, vermutlich erst am Anfang. Einen Kurswechsel haben wir bisher nicht geschafft."

Michael Seewald ist Professor für katholische Theologie an der Universität Münster.  (privat)Michael Seewald ist Professor für katholische Theologie an der Universität Münster. Sein Fachgebiet ist Dogmatik. (privat)

Romano Guardini übt deutliche Kritik am Umgang der Menschen mit Macht. Zugleich beschreibt er Macht als ambivalentes Phänomen – betont auch ihre positiven Seiten. Menschen können sich für eine Sache einsetzen und andere motivieren, sie zu unterstützen. Wer Macht hat, kann auch zu Frieden und Gerechtigkeit beitragen. Michael Seewald, Professor für Dogmatik an der Universität Münster sagt:

"Macht selber ist moralisch indifferent. Macht ist zunächst einmal eine Möglichkeit der Gestaltung und eine Möglichkeit, Veränderung herbeizuführen. Die entscheidende Frage ist, ob diese Gestaltung eine moralisch gute oder eine negative ist. Die Frage ist, zu welchen Zwecken Macht eingesetzt wird und welche Mittel aufgeboten werden, um die gesteckten Zwecke zu erreichen."

Konstitutionelle Macht

Guardinis Text entstand sechs Jahre nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes. So lässt sich dessen skeptischer Blick auf den Umgang mit Macht in der Neuzeit erklären. Dogmatiker Seewald hingegen zeigt sich optimistischer:

"Man muss in Rechnung stellen, dass die Neuzeit ja nicht nur jene vornehmlich pessimistische Epoche ist, wie Guardini sie zeichnet. Sondern dass die Moderne auch ganz bedeutende Prozesse der Konstitutionalisierung hervorgebracht hat. Also der Einhegung von Macht durch das Recht, wie sie zum Beispiel in den verfassungsmäßigen Demokratien geschieht."

Anders in der katholischen Kirche, wo derzeit heftig über Machtkonzentration sowie fehlende Kontrolle gestritten wird: Inwiefern ist die Macht von Bischöfen und Priestern Ursache für Missbrauch und Vertrauensverlust?

Romano Guardini war katholischer Priester – seine Machtkritik bezog sich nicht auf die innerkirchlichen Verhältnisse. Dennoch könne die Kirche von Guardini lernen, sagt der Theologe Michael Seewald. Insbesondere hinsichtlich der Dialektik von Macht und Dienst.

"Die Rede von Macht und Dienst ist ja insofern anfällig für Missbrauch, als man auch sagen könnte: Dort wo in der Kirche äußerlich so etwas wie Macht zu sein scheint, handelt es sich eo ipso um Dienst. So hat Guardini das aber nicht gemeint. Sondern der Dienstbegriff ist bei Guardini ein Korrektiv, der an den Machtbegriff herangetragen wird. Und diesem Korrektiv haben sich auch die Machtstrukturen in der Kirche zu stellen."

Folglich sei es möglich, kirchliche Machtstrukturen zu hinterfragen, ohne damit die Heiligkeit der Kirche anzugreifen:

"Man muss die Heiligkeit als theologische Qualität der Kirche von dem unterscheiden, wie die Kirche konkret Macht einsetzt in sozialen Zusammenhängen und wie sie den Menschen begegnet. Die Heiligkeit der Kirche könnte ja gerade auch ein Korrektiv für Selbstermächtigungen in der Kirche sein."

Ethos der Herrschaft

In seinem Aufsatz über die Macht spricht Guardini auch von "Möglichkeiten des Tuns". Der Mensch verstehe den Gang der Geschichte gern als einen Prozess, der mit Notwendigkeit verlaufe. Aber:

"Diese Anschauung irrt. Der Mensch wird vom Geist bestimmt; der Geist aber ist (…) frei."

Wie also angemessen mit Macht umgehen? Guardini fordert ein "Ethos der Herrschaft". Die Voraussetzung dafür sei "Demut" als "Tugend der Kraft, nicht der Schwäche". Sozialethiker Markus Vogt:

"Viele zucken da erstmal zurück und wollen nichts von Demut hören. Ich glaube aber, dass es unter der Oberfläche eigentlich eine Sehnsucht danach gibt, auch den Mut zum Dienen wiederzuentdecken. Und ich denke auch, Glück hängt davon ab, dass man die eigenen Grenzen erkennt. Also Demut: Quasi die Bereitschaft, die eigenen Fehler offen zuzugeben."

Romano Guardinis Schlussfolgerung passt auch für das Jahr 2020: Der Mensch müsse wieder lernen, dass die Herrschaft über die Welt die Herrschaft über uns selbst voraussetzt.

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