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StartseiteTag für TagEin Modell für Hamburg06.02.2020

Religionsunterricht für alleEin Modell für Hamburg

Hamburg geht einen Sonderweg. Dort gibt es einen gemeinsamen Religionsunterricht für alle, bisher erteilt von einer evangelischen Lehrkraft. Seit dem Herbst geht Hamburg noch weiter: Auch Muslime, Juden und Aleviten geben den "Religionsunterricht für alle". Noch ist aber vieles offen.

Von Patric Seibel

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Eine Schülerin steht an einer Tafel, auf der ein Stundenplan mit Religionsunterricht geschrieben ist. Das Fach ist umkreist. (Picture Alliance/ dpa / Friso Gentsch)
Gemeinsamer Stundenplan in Hamburg - auch im Fach Religion (Picture Alliance/ dpa / Friso Gentsch)
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Für Kirsten Fehrs, Bischöfin der evangelischen Nordkirche für Hamburg, war das bisherige Hamburger Modell des gemeinsamen Religionsunterrichts ein pädagogischer Glücksgriff:

"Der Erfolg gibt uns im Prinzip recht. Dass es eben die letzten 20, oder über 20 Jahre eine Abmeldequote vom Religionsunterricht von weniger als 0,1 Prozent gegeben hat. Das sucht man bundesweit schon."

Ein Erfolgsmodell, findet die Bischöfin. Doch dann schloss der Hamburger Senat Verträge mit den muslimischen, alevitischen und jüdischen Religionsgemeinschaften und räumte ihnen das Recht auf eigenen Religionsunterricht ein. Die evangelische Kirche wiederum fragte sich, wie der Religionsunterricht für alle, kurz RUFA, unter neuen Bedingungen fortgesetzt werden kann. Kirsten Fehrs:

"Und so waren wir als evangelische Kirche quasi von außen aufgefordert, nochmal neu zu überlegen, wie könnte ein RUFA 2.0 aussehen. Und an diesem Stand sind wir jetzt, dass wir sagen: Wir haben ein Modell. So kann man mit diesen Grundlagen ein sehr, sehr anspruchsvolles Modell, das muss man schon sagen, auf den Weg bringen. Denn die Religionslehrerinnen und –lehrer haben die Aufgabe einerseits bekenntnisorientiert zu unterrichten und zugleich dialogisch die anderen Religionen in den Blick zu nehmen".

Wechselseitig kennenlernen

Konkret heißt das: Die Kinder und Jugendlichen unterschiedlicher Konfession werden weiter nicht getrennt. Sie werden sozusagen gemeinsam unterrichtet von alevitischen, muslimischen, jüdischen, evangelischen und vielleicht auch katholische Religionslehrern. Immer im Wechsel. Das ist zumindest das Ziel. Das bundesweit bisher einzigartige Modell wurde im Dialog zwischen der Schulbehörde und den Religionsgemeinschaften jahrelang vorbereitet. Koordiniert wird es von Seiten der Schulbehörde von Jochen Bauer:

"Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Stadtgesellschaft. Über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in den Grundschulen hat Migrationshintergrund. Das bedeutet in der Regel auch eine Vielfalt der Religionen und Konfessionen, die in den Elternhäusern gepflegt werden. Eine Stadt kann nur zusammenleben, ein Land kann nur zusammenleben, wenn die Menschen miteinander reden, wenn sie ihre Vorstellungen, die sie tragen, auch wechselseitig kennenlernen. Und auch dazu ist der Religionsunterricht für alle wichtig."

Bauer hat ein dickes Buch über den gemeinsamen Religionsunterricht verfasst. Wichtig ist ihm, zu betonen, dass ausschließlich solche Lehrkräfte Religion unterrichten dürfen, die an Universitäten wissenschaftlich ausgebildet sind und ein zweites Staatsexamen abgelegt haben:

"Wir haben mit der Uni ein Konzept verabredet, dass jede Lehrkraft zwar natürlich einen Schwerpunkt in der je eigenen Religion hat, aber auch Grundkenntnisse und Grundverständnis in anderen Religionen erwirbt, indem an den dortigen Theologien eben Kurse belegt werden."

Interreligiös im Studium

Für Lehrkräfte, die schon im Schuldienst sind, werden Fortbildungen angeboten. Ramesh Sarvistany gehört zu den ersten Absolventinnen des neuen Studiengangs für die verschiedenen Religionen. Ihr zweites Fach ist Biologie. Die Muslimin hat zunächst vier Semester evangelische Religionspädagogik studiert, dann konnte sie zum neuen muslimischen Studiengang wechseln:

"Was sich verändert hat: dass plötzlich mehr Seminare belegt worden sind, die interreligiös waren, das heißt, wir haben einmal einen Überblick in den Buddhismus, in das Judentum… und das hatten wir vorher mit nur evangelischem Religionsunterricht auf Lehramt nicht gehabt."

Ramesh Sarvistany hat bereits Unterrichtserfahrung als Vertretungslehrerin gesammelt. Seit Montag unterrichtet sie - als Referendarin.

"Und das ist, glaube ich, das, was wir auch wirklich in der Lage sind, uns nach diesem Studium standhaft hinstellen zu können und sagen zu können: Ich bin Muslimin, aber ich bin genauso offen, ich möchte dass genauso, wie meine Religion akzeptiert wird, auch alle anderen Religionen akzeptiert werden, bzw. nicht nur akzeptiert, sondern toleriert, respektiert. Mit allem, was dazu gehört."

Bisher seien die evangelischen Lehrkräfte häufig nicht ausreichend über den Islam informiert gewesen, sagt Özlem Nas. Sie spricht für den Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg, die so genannte Schura. Sie hofft auf eine qualitative Verbesserung des Unterrichts und betont, wie wichtig es aus ihrer Sicht vor allem für junge Muslime ist, ihre Religion von staatlich geprüften muslimischen Lehrern vermittelt zu bekommen:

Das ist sehr identitätsstärkend und bereitet auf all dieses Diskussionen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, vor, wo Schülerinnen und Schüler oft sehr verunsichert sind und meist als Muslime Stellung beziehen müssen, sich rechtfertigen müssen. Und wenn sie darauf vorbereitet werden im Religionsunterricht auf eine Kultur des Dialogs, auf eine Kultur der Toleranz, der Anerkennung, des Austausches, ist das etwas, was insgesamt für Hamburg den Zusammenhalt stärken wird."

Katholische Öffnung

Özlem Nas fände es wünschenswert, die Klassen im Wechsel von Lehrkräften der unterschiedlichen Religionen unterrichten zu lassen – doch das ist ein Wunsch für die Zukunft, denn erst nach Jahren wird es ausreichend ausgebildetes Personal geben.

Denn aktuell gibt es nicht ausreichend Lehrstühle an der Uni. So könnten beispielsweise momentan nur acht alevitische Studierende pro Semester aufgenommen werden, sagt Ismail Kaplan von der alevitischen Gemeinde.

Sehr positiv registrieren sowohl Muslime als auch Vertreter der evangelischen Seite, dass die katholische Kirche ihre jahrelange Zurückhaltung aufgegeben hat.

Christopher Haep, zuständig für Bildung und Hochschule im Erzbistum Hamburg, erklärt, warum:

"Seit einigen Jahren beobachten wir die Entwicklung des Religionsunterrichts für alle in Hamburg; und wir stellen fest, dass der Religionsunterricht sich insbesondere innerhalb der letzten wenigen Jahre in dieser weiterentwickelten Version für alle 2.0 doch deutlich so aufgestellt hat, dass wir ihn für anschlussfähig halten auch aus Sicht der katholischen Kirche."

Bisher hatte die katholische Kirche ihre Zurückhaltung so begründet: Der bisherige Unterricht erfülle aus katholischer Sicht nicht die Vorgaben des Grundgesetzes, das in Artikel 7 Absatz 3 vorsieht, den Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften zu erteilen. Jetzt soll ein dreijähriger Pilotversuch klären, ob die katholische Kirche mit einsteigt in den Religionsunterricht für alle. Die Tendenz sei positiv, sagt Christopher Haep:

"Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass wir bei diesem weiterentwickelten Religionsunterricht in Hamburg vor allem sehen, dass er deutlicher konfessionelle Schwerpunkte setzt. Uns reizt gleichwohl aber auch das dialogische Prinzip, auf dem dieser Religionsunterricht fußt. Wir glauben, dass damit ein religionsunterrichtliches Modell hier in Hamburg gefunden worden ist, das auch der Situation dieser Stadt durchaus entspricht."

Die katholische Kirche würde somit in einen Zug einsteigen, der seit einem Vierteljahrhundert rollt und kann jetzt offenbar mit dem Religionsunterricht für Alle leben. Es sei denn, in kirchlichen Kreisen und Instanzen, die stärker den Missionsgedanken betonen, kämen starke Bedenken.

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