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StartseiteTag für Tag"Wichtig ist, dass man Abstand zu den Religionen hat" 15.06.2021

Religionswissenschaft"Wichtig ist, dass man Abstand zu den Religionen hat"

Bertram Schmitz lehrt an der Universität Jena und erforscht, was anderen heilig ist. Sein Fach Religionswissenschaft gilt als exotisch und ist im öffentlichen Diskurs kaum präsent. "Dabei können wir zum Islam vielleicht vieles sagen, was ein Islamwissenschaftler gar nicht sagen kann", sagte Schmitz im Dlf.

Bertram Schmitz im Gespräch mit Christiane Florin

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Symbole der Weltreligionen: Koran für den Islam, Menora (siebenarmiger Leuchter) für das Judentum, OM-Symbol für Hinduismus, Kreuz für das Christentum und Buddhafigur für Buddhismus (imago/epd )
Verschiedene Religionen zu studieren und Abstand zum eigenen Glauben einzunehmen, gehört im Fach Relgionswissenschaft dazu (imago/epd )
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Christiane Florin: Sie sind evangelischer Theologe und sogar Pastor im Ehrenamt. Und Sie sind Professor für Religionswissenschaft. Was unterscheidet die Religionswissenschaft von der Theologie? 

Bertram Schmitz: Grundsätzlich einmal, dass ich in der Theologie davon ausgehe, dass ich einen bestimmten Standpunkt habe. Das heißt also: Ich bin gläubig, ich befinde mich innerhalb der Religion und spreche auch aus der Religion heraus. Wenn ich das als Pastor mache, dann eben in dem Sinne, dass ich den Glauben verkünde. Als Theologe reflektiere ich über den Glauben, allerdings über den eigenen Glauben und bin auch daran gebunden.

Als Religionswissenschaftler ist es völlig egal, welcher Religionsgemeinschaft ich angehöre. Ich kann areligiös sein. Wir haben Muslime mit dabei, Juden, Buddhisten. Das ist für die Wissenschaftlichkeit egal. Wichtig ist, dass man sich dann auf die jeweilige Religion einlässt, dass man versteht, womit man es zu tun hat, und besonders, dass man Abstand zur eigenen Religion hat, wenn man eine hat, oder insgesamt Abstand zu den Religionen hat und sie von außen betrachtet.

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Florin: Sie beschäftigen sich mit einem mindestens ambivalenten Stoff: mit etwas, das einem Teil der Menschen heilig ist. Ein anderer Teil lehnt Religion ab, verachtet sie sogar. Wie leidenschaftslos können Sie da sein?

Schmitz: Es ist natürlich eine Sache der Übung. Es gibt verschiedene Mittel, sich darauf einzulassen. Ich finde Reisen sehr wichtig und es ist wichtig, sich mit den orientalischen Sprachen zu beschäftigen, in denen die Schriften abgefasst sind, um möglichst genau hinschauen zu können. Was sieht man da von verschiedenen Religionen? Ich habe ohnehin normalerweise mit fünf, sechs verschiedenen Religionen zu tun und auch meine Vorlesungen wechseln ständig die Perspektive. Wenn ich über den Koran spreche, dann sage ich: "Die Juden würden das jetzt so sehen. Die Christen sehen das so. Die Muslime so. Und die Buddhisten haben damit gar nichts zu tun." Man gewöhnt sich daran, eine gewisse Distanz zu haben und versucht, dem Gegenstand gerecht zu werden.

"Ich bin schon als Muslim durchgegangen oder als Jude" 

Florin: Sie haben vorhin gesagt, in Ihren Vorlesungen, in Ihren Lehrveranstaltungen sitzen Studierende, die verschiedenen Religionsgemeinschaften angehören oder auch gar keiner. Wie ist es, wenn Sie zum Beispiel einer Buddhistin den Buddhismus erklären?

Schmitz: Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich habe drei Jahre lang nur Muslime unterrichtet. Da war ich der einzige Nichtmuslim im Raum. Das funktionierte gut, wie gesagt, es ist ja erst mal ein wissenschaftliches Studium. Die meisten Muslime konnten zum Beispiel nicht Arabisch. Ich habe Arabisch studiert und kann dann sagen: "Im arabischen Text sieht es so und so." Ich kann sagen: "Man sieht eine Beziehung zum Judentum in den Versen so und so. Wenn man das Judentum kennt, kann man sich viel besser vorstellen, was mit diesen Versen gemeint ist, die sonst im Koran schwer verständlich sind." Die persönliche Akzeptanz habe ich als sehr hoch erlebt. Ich bin auch mitunter schon bei Veranstaltungen als Muslim durchgegangen und als Jude.

Das hat bisher sehr gut funktioniert . Wir haben zum Beispiel einen buddhistischen Dozierenden, die Studierenden haben also jemanden vor sich sitzen, der wiedergeboren ist. Und da kann es natürlich sein, dass jemand, der buddhistisch ist, im Seminar sitzt.

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Florin: Sie stellen in Ihrem Lehrbuch die Weltreligionen vor: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Was macht eine Religion zur Weltreligion?

Schmitz: Das ist einfach Gewohnheit, dass wir es gesetzt haben. Es gibt keine wissenschaftlich vernünftige Erklärung dazu. Die Anzahl als Kriterium funktioniert nicht: Dann wäre das Judentum mit 16 bis 18 Millionen Juden und Jüdinnen zu gering. Und man müsste Religionen, die viele Angehörige haben, etwa die Yoruba in Afrika und Lateinamerika, das könnten auch 80 Millionen sein, viel höher bewerten. Wir haben die drei Religionen zusammengeschlossen, die historisch zusammengehören: Das Judentum mit der alten Religion Israels ist die Voraussetzung für Christentum und Islam. Das ist der eine Block.

Der andere Block ist Hinduismus, Buddhismus. Da schauen wir eben doch auf die Anzahl. Es gibt viel mehr Buddhisten als Dschains. Deswegen sagen wir: "Es ist nicht der Dschanismus, sondern es ist der Buddhismus eine bekannte Religion." Dann hat sich das eingebürgert, dass wir normalerweise den Begriff dafür nennen. Aber manche sagen, die chinesischen Religionen gehören mit dazu. Dann hätte man sieben Weltreligionen, manche zählen die Yoruba noch mit dazu. Mancher hat sogar den Atheismus mit dabei und schreibt ein Buch über die neun Weltreligionen. Das gibt schon auch. In dem Sinne ist das jetzt nicht wissenschaftlich festgelegt. 

"Eine neue Religion entsteht, wenn sich das Zentrum ändert"

Florin: Innerhalb der Weltreligionen gibt es verschiedene Strömungen, grob gesagt meistens eine liberale Strömung. Deren Anhänger sagen: "Wir müssen die Zeichen der Zeit deuten, müssen uns verändern, müssen Texte historisch-kritisch lesen und deuten." Und dann gibt es die andere Strömung, die sagt: "So steht es in unserer Schrift, so muss es sein, so muss es bleiben." Wann wird eine Strömung zur eigenen Religion?

Schmitz: Sie wird in dem Moment zu einer eigenen Religion, in dem sich das Zentrum ändert. Es gibt sehr viele Verbindungen zum Beispiel vom Christentum zum Judentum. Aber das Zentrum ist ein anderes in dem Moment, in dem nicht mehr die Thora, also die Moses-Bücher im Mittelpunkt stehen und der Auszug aus Ägypten, sondern der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes als Zentrum der Religion angesehen wird. Dadurch ist eine neue Religion entstanden.

Beim Islam war das der Moment, in dem sich Mohammed von Judentum und Christentum definitiv abgewendet hat. Auch die Gebetsrichtung hat sich geändert, ging nicht mehr nach Jerusalem wie bei den Juden oder nach Osten wie bei den Christen, sondern man dreht sich äußerlich sichtbar auf dem Hacken um, wie es im Koran heißt. Man guckt nach Mekka. Auf diese Weise sieht man: Die alten Religionen werden relativiert, und es kommt ein neues Zentrum. Beim Islam ist es die Offenbarung, die Mohammed bekommen hat. Vorher war vielleicht etwas, was Mohammed verkündet, richtig, weil es auch in der Bibel stand. Danach ist höchstens etwas aus der Bibel deswegen richtig, weil es im Koran steht.

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Das heißt also, die Priorität kehrt sich um. Das kann man auch bei anderen Religion sehen wie dem Buddhismus. Wenn die alten Schriften des Hinduismus keine Bedeutung mehr haben, die Götterwelt irrelevant geworden, auch die vedischen Rituale keine Bedeutung mehr haben, sondern nur die Meditation und der Weg, den Buddha lehrt, dann ist damit eine neue Religion entstanden, auch wenn man denkt, es gibt ja noch ganz viele Bezüge. Deswegen ist es auch manchmal missverständlich, wenn gesagt wird: "Die Feiertage haben die Christen doch von den Juden." Es mag sein, dass das Datum das Gleiche ist, es mag auch sein, dass das da transformiert wurde. Das ist schon richtig. Nur die Inhalte sind definitiv andere. Also das Osterfest der Christen ist definitiv nicht mehr das Pessachfest der Israeliten, die daran feiern, dass sie aus Ägypten befreit wurden von ihrem Gott.

Verräter in den eigenen Reihen

Florin: Sie haben sich intensiv mit dem Islam befasst (über den Singular kann man ja auch diskutieren). Was verbindet liberale Muslime mit fundamentalistischen Muslimen?

Schmitz: Die Verbindung ist erstmal sehr stark. Für beide Gruppierungen, also überhaupt für alle muslimischen Gruppierungen, ist der Koran definitiv die Voraussetzung. Der große Unterschied ist, wie man ihn interpretiert: ob man sagt, dass Verhaltensregeln aus dem siebten Jahrhundert in Saudi-Arabien gültig sind oder sie modifiziert werden für das 21. Jahrhundert, ob sie also situationsbedingt sind. Das ist das eine. Das andere ist, dass viele Aussagen innerhalb des Korans vielfältig interpretiert werden können. Wir sehen unterschiedliche Argumentationsfiguren, die dann eine Rolle spielen. Aber der Koran und dann auch die Tradition, die auf Mohammed zurückgeht, sind für beide Strömungen erst einmal genauso grundsätzliche Voraussetzung. Nur eben der Umgang damit unterscheidet sich sehr.

Florin: Und trotzdem werden aus Sicht der Fundamentalistinnen und Fundamentalisten die jeweils anderen aus der eigentlich eigenen Religion als die Hauptfeinde wahrgenommen und nicht unbedingt die andere Religion. Sie würden trotzdem sagen, da sind mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede? 

Schmitz: Also Muslime sind beide ja schon. Nur ist die Frage: Sind sie jemand, der nichts damit zu tun hat, oder Verräter in den eigenen Reihen, um es überspitzt zu sagen? Das gab es auch im Christentum zum Beispiel mit denen, die innerhalb der eigenen Religion als Verräter angesehen wurden und im 16. Jahrhundert gerade bei der Spaltung zwischen Protestantismus und Katholizismus erstmal viel schlimmer waren als diejenigen, die von außen gekommen sind. Also das, was innendrin passiert, gilt oft als schlimmerer Verrat als das, was von außen dazu kommt.

Florin: Und trotzdem gibt es eine innere Verbindung, die nicht zur Abspaltung führt?

Schmitz: Genau. Wobei die die Frage ist: Kann es zur Abspaltung führen dadurch, dass eine eigene Religionsgemeinschaft gegründet wird? Also man hat so ein paar Grenzfälle im Islam. Zum Beispiel die Ahmadiyyas sagen: "Ahmed hat eine neue Offenbarung bekommen, aber wir wollen trotzdem Muslime bleiben." Und bei Aleviten zum Beispiel in der Türkei ist die Sache, dass sie sagen: "Wir wollen eigentlich gar nicht unbedingt zum sunnitischen Islam gehören, die Abspaltung sind aber die." Aber die Religion ist immer noch dieselbe, solange der Koran diese Zentralstellung hat.

"Das Fach ist insgesamt wenig bekannt" 

Florin: Sie lehren an der Universität Jena. 80 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner von Jena sind konfessionsfrei. Wie hoch ist das Interesse an Ihrem Fach? Ist das etwas Exotisches? 

Schmitz: In gewisser Weise vielleicht schon. Zu den Studierenden: Es kommen immer mal auch Naturwissenschaftler vorbei, die etwas Geisteswissenschaftliches belegen sollen und das dann spannend finden. Aber es sind vielfach auch zum Beispiel Philosophiestudentinnen und -studenten, viele, die vorher mit Religion wenig zu tun haben und das dann in dem Sinne erst einmal spannend finden, dass man die ganze Kulturgeschichte, auch die ganze Religionsgeschichte mitbekommt. Die finden das spannend und bleiben am Ende des Studiums zur Examensarbeit dann auch bei uns.

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Florin: Wir sehen in dieser Sendung täglich, dass Religion in vielen Konflikten eine Rolle spielt, sei es, dass sie tatsächlich zu den Ursachen gehört, dass sie als Brandbeschleuniger wirkt oder dass die Rolle der Religion nur vorgeschoben wird. Aber Religion kann natürlich auch friedensstiftend wirken. Religion ist bedeutsam, um die Welt zu verstehen, auch wenn man selber nicht religiös ist. Von der Religionswissenschaft ist in der Öffentlichkeit nicht so viel zu hören. Woran liegt das?

Schmitz: Es mag auch daran liegen, dass man, was die Religiösen selbst angeht, Wert legt auf ein sogenanntes authentisches Glaubenszeugnis. Aber da verlässt man sich manchmal darauf, dass ein Muslim natürlich den Islam viel besser darstellen kann als ein Religionswissenschaftler oder ein Hindu besser den Hinduismus, ohne darüber reflektiert zu haben. Das kann mitunter auch ein Kurzschluss sein. Das Bewusstsein fehlt, dass es ein Fach gibt, das das Ganze wissenschaftlich untersucht und dann auch Vergleiche anstellt, Analysen anstellt. Wir können zum Islam vielleicht vieles sagen, was ein Islamwissenschaftler gar nicht sagen kann, weil er das Christentum allenfalls vom Konfirmandenunterricht noch kennt - das sage ich jetzt so ungeschützt - und das Judentum vielleicht gar nicht richtig. Bei uns gehört dazu, dass wir alle Religionen gleichermaßen studieren und in die Tiefe gehen. Aber das als Fach ist auch insgesamt wenig bekannt.

Florin: Und das wollen Sie jetzt mit Ihrem Buch ändern? 

Schmitz: (lacht) Das wäre schön, wenn das gelingen würde. Ich fände es schön, wenn Interesse entsteht, dass man die Religion als Ganzes zur Kenntnis nehmen kann und dann sieht, wie spannend das Ganze ist, wenn einem über 2.000 Jahre Kulturgeschichte in verschiedensten Varianten entgegenkommen. Man sieht, wie differenziert das Ganze eben auch bei den Religionen untereinander ist. Mir geht es auch darum, den Reichtum zu sehen kulturgeschichtlich, religionsgeschichtlich. Und dass man auch die Perspektive wechseln kann. Wie würde ich als Buddhist auf unsere Kultur schauen? Man ist so eingefahren in der eigenen Kultur und glaubt, das sei das einzig Mögliche und das einzig sinnvoll Denkbare. Und dann sieht man, welche Varianten es alles gibt. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Bertram Schmitz: Religionswissenschaft. Eine Einführung.
Nomos Bibliothek, Tectum Verlag 2021. 258 Seiten, 24 Euro.

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