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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Über die Würde des Menschen"05.07.2017

Renaissance-Philosophie im Vorfeld der Reformation"Über die Würde des Menschen"

Viele nennen ihn nur Pico. Er hat vor mehr als 500 Jahren das humanistische Denken geprägt. Im Vorfeld der Reformation sah Pico della Mirandola im Menschen "ein großes Wunder", während Theologen wie Luther von der Erbsünde sprachen. Aber worin besteht für Pico die Würde des Menschen?

Von Astrid Nettling

Portrait des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). (imago / Leemage)
Portrait des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). (imago / Leemage)
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"Verehrte Väter! In arabischen Schriften habe ich Folgendes gelesen: Man fragte einmal den Sarazenen Abdalas, was es auf dieser irdischen Bühne als das am meisten Bewunderungswürdige zu sehen gebe. Darauf antwortete jener, nichts Wunderbareres als den Menschen. Dieser Ansicht pflichtet auch das Wort des Merkurius bei: Ein großes Wunder, o Asclepius, ist der Mensch."

Mit diesen Lobesworten beginnt der junge Gelehrte Giovanni Pico aus dem Geschlecht der Grafen von Mirandola und Concordia seine berühmte "Rede über die Würde des Menschen". Die 1486 verfasste Rede soll eine öffentliche Disputation einleiten, die der 23-Jährige für das folgende Jahr plant. Auf eigene Kosten will er dazu Gelehrte aus ganz Europa nach Rom einladen. In Anwesenheit des Papstes und des Kardinalskollegiums sollen die Gelehrten einträchtig danach suchen, wie ihre philosophischen und theologischen Schulstreitigkeiten überwunden werden könnten.

Doch dazu wird es nicht kommen – geblieben ist seine große Eröffnungsrede, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wird - unter dem Titel "Oratio de hominis dignitate". Über die Bedeutung Pico della Mirandolas schreibt der Humanismus- und Renaissanceforscher August Buck:

"Pico della Mirandolas "Rede über die Würde des Menschen" hat Jacob Burckhardt "eins der edelsten Vermächtnisse" der Renaissance genannt. Sie ist der bekannteste und zugleich bedeutendste der Traktate über die Menschenwürde, die innerhalb der menschenkundlichen Literatur der Renaissance eine eigene Gattung bilden."

"miseria" - das Menschenbild des Mittelalters

Denn in dieser Zeit – dem Vorabend der Reformation und der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit – beginnt sich das Selbst- und Weltverständnis des Menschen zu wandeln. Das wirft Fragen auf: etwa die uralte Frage nach dem Wesen des Menschen sowie nach seiner Stellung in der Welt und in der gesamten Schöpfung. Der Historiker Gerd Schulten:

"Während des hohen und späten Mittelalters war die Frage nach Wesen und Stellung des Menschen fast ausschließlich mit dem Hinweis auf seine beklagenswerte miseria beantwortet worden. Gegen dieses Bild, wie es vor allem Papst Innozenz III. in seiner Schrift "Vom Elend des menschlichen Daseins" gezeichnet hatte, zogen die Humanisten immer wieder zu Felde."

In diesem Traktat, das 200 Jahre vor Picos bahnbrechender Schrift entstanden ist, heißt es:

"Wer gibt meinen Augen Tränen, damit ich das Elend beweine, das den Menschen umfängt, der in die Welt tritt, damit ich die nicht minder elende Existenz des Menschen in diesem Leben und seine schwächliche Auflösung am Ende beklage?"

Mit seiner Schilderung gibt Papst Innozenz III. nicht nur das Grundgefühl seiner Zeit wieder, sondern knüpft zugleich an alttestamentliches wie an frühchristliches Denken an.

Zeitgenössische Darstellung von Papst Innozenz III. (1198 bis 1216). Papst Innozenz III. (eigentlich Lothar Graf von Segni) führte das mittelalterliche Papsttum auf den Gipfel seiner Macht. (picture-alliance / dpa )Zeitgenössische Darstellung von Papst Innozenz III. (1198 bis 1216). (picture-alliance / dpa )

"Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren, um Mühsal und Leid zu erleben und mein Leben in Schmach zu enden."

Klagt der Prophet Jeremia. Und wie ein Echo darauf klingt es beim Kirchenvater Augustinus, wenn er schreibt:

"Geborenwerden heißt nichts anderes als der Beginn eines unsäglich mühsamen Lebenslaufs. Den Trank, den uns Adam gereicht hat, müssen wir alle trinken. Daher sollte man eigentlich Mitleid haben mit dem Menschen, der doch nach dem Bilde Gottes geschaffen worden ist."

"Der Mensch ist ein großes Wunder"

Wie Augustinus stellt auch Innozenz III. die ursprüngliche Gottesebenbildlichkeit des Menschen nicht in Frage. Denn auf dieser Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruht seine Würde. Darauf wird sich der Renaissance-Humanismus berufen, wenn er gegen die existentielle "miseria" des Menschen seine essentielle "dignitas" hervorhebt. Wer oder was also ist der Mensch? "Ein großes Wunder", sagt Pico della Mirandola gleich zu Beginn seiner Rede.

"Diese Aussage begreift Pico als These, deren ausreichende Begründung er in seiner Rede liefern möchte, da ihm die bekannten Argumente unbefriedigend scheinen."

Erklärt der Theologe Walter Andreas Euler. Wie der erste Schöpfungsbericht des biblischen Buchs Genesis erzählt, sei der Mensch zuletzt erschaffen worden. Deshalb, so weiter der Gedankengang von Pico della Mirandola, habe Gott den Menschen mit nichts Eigenem ausstatten können, was nicht die niederen oder höheren Lebewesen schon besitzen.
Ebenso gebe es für den Menschen keinen eigenen Platz im Gefüge des gesamten Universums. Denn "alles war bereits voll, alles den oberen, mittleren und unteren Ordnungen zugeteilt." Schließlich, davon ist der Humanist überzeugt, stellte Gott den Menschen in die Mitte der Welt und sprach zu ihm:

"Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, o Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluss habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt. Du sollst dir deine Natur ohne jede Einschränkung, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen."

"Allein der Mensch ist frei"

Mit diesen ebenso kühnen wie bahnbrechenden Worten schildert Pico, worin für ihn die wunderbare und bewundernswerte Sonderstellung des Menschen besteht. Denn anders als die Tiere, anders auch als die Engel und himmlischen Geister sei allein der Mensch in seinem Sein nicht festgelegt. Ist allein der Mensch frei. Dazu der Philosoph Carl-Friedrich Geyer:

"Diese Konzeption bricht nicht nur das Ordo-Denken des Mittelalters auf, sondern reißt den Menschen heraus aus der Hierarchie des Seienden. In der Rede Gottes an Adam scheint als Eigentümlichkeit des Menschen auf, dass kein festgelegtes Schema dem Menschen zu entsprechen vermag."

"Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst."

Dieser Freiheitsgedanke ist für die Würde des Menschen konstitutiv. Ein Freiheitsgedanke, der bei Pico im Unterschied zu allen Denkern seiner Zeit als etwas grundlegend Neues hinzukommt.

Freiraum nach oben und nach unten

Für den Menschen bedeutet dies Auszeichnung und Herausforderung zugleich. Denn seine Sonderstellung verleiht ihm einen Entscheidungs- und Handlungsfreiraum, der gleichsam nach 'unten' wie nach 'oben' hin unbegrenzt offen ist. Oder in Picos Worten:

"Du kannst zum Niederen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt."

Zwischen 'entarten' und 'wiedergeboren werden' – "degenerare" und "regenerari" – liegt also die Spannweite menschlicher Freiheit; zwischen existentieller Gefährdung einerseits und möglicher Vervollkommnung andererseits. In seiner essentiellen Würde ist der Mensch frei zu entscheiden, in welche Richtung er strebt.

"Hier zeigt sich die Radikalität von Picos Freiheitsbegriff. Der Mensch kann sich verfehlen oder erkennen und anerkennen, dass seine Freiheit die Offenheit für das Höhere beinhaltet."

Erläutert der Theologe Walter Andreas Euler.

"Ähnlich wie Jean-Paul Sartre könnte Pico sagen, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, er muss wählen. Aber im Gegensatz zum Atheisten Sartre, weiß er die Freiheit des Menschen in der Freiheit Gottes verbürgt und auf diesen hin bezogen."

Selbsterlösung des Menschen

In der "Oratio", seinem einflussreichsten Werk, der Rede über die Menschenwürde, entfaltet Pico den Selbstbildungsprozess des Menschen als einen rein geistigen Bildungsweg. Vier Stufen sind es, die der Mensch zu durchlaufen hat, um sich zu vervollkommnen. Oder – mit Picos Worten – um "zum Göttlichen wiedergeboren" zu werden.

"Durch die Lehre der Moral wollen wir den Drang der Leidenschaften zügeln, durch Dialektik die Finsternis des Verstandes vertreiben und so den Schmutz der Unwissenheit und der Laster herauswaschen, unsere Seele reinigen. Dann wollen wir unsere wohlgeordnete und geläuterte Seele vom Licht der natürlichen Philosophie durchfluten lassen, damit wir schließlich durch die Erkenntnis der göttlichen Dinge unsere Vollendung finden."

Dazu der Humanismus- und Renaissanceforscher August Buck:

"Nach Pico ist dies kein einmaliger Vorgang, sondern ein sich dauernd vollziehender Prozess. Dabei ist - anders als bei Augustinus oder Luther weder von der Belastung durch die Erbsünde noch von der Notwendigkeit der Gnade Gottes die Rede. Bei Pico geht es um eine Selbsterlösung des Menschen, gegründet auf dem humanistischen Vertrauen in die Perfektibilität der menschlichen Natur aus eigener Kraft."

Als Pico seine zukunftsweisende Rede über die Würde des Menschen verfasst, ist er erst 23 Jahre alt, aber bereits eine Berühmtheit unter den Gelehrten seiner Zeit. Man feiert ihn als einen "Phönix der Geister", dessen überragende Gelehrsamkeit Bewunderung erregt. Picos Zeitgenosse, der Florentiner Humanist und Dichter Angelo Poliziano preist ihn als einen -

"(...) einzigartigen Menschen, überhäuft mit allen Glücksgütern der Seele und des Leibes, von schärfstem Geist, unermüdlich in seinen Studien und begabt mit einer klaren und reichhaltigen Rede."

Ursprünglich für eine kirchliche Laufbahn bestimmt, beginnt Giovanni Pico bereits im Alter von 14 Jahren in Bologna Kirchenrecht zu studieren. Wechselt dann zum Studium der Philosophie nach Ferrara und Padua, wo er sich mit den Schriften des Aristoteles beschäftigt und sich in das arabische und hebräische Gedankengut einführen lässt.

"Pax philosophica"

1483 ist er in Florenz und freundet sich mit dem führenden Vertreter des Platonismus und Neuplatonismus, Marsilio Ficino, an. Begibt sich sodann nach Paris, um sich dem Studium der Scholastik zu widmen. Zurück in Italien befasst er sich als erster christlicher Gelehrter mit der jüdischen Geheimlehre der Kabbala. Der Renaissance-Forscher August Buck:

"Picos Welt ist die Welt des philosophischen Denkens im weitesten Sinn, das auch die Lehren der großen Religionen einbegreift. Diese Weite des Horizonts erlaubt es, von dem zu profitieren, was jede Philosophenschule an Besonderem hat. Das für ihn wichtigste Ziel aber ist die Versöhnung philosophischer Schulen, die "pax philosophica"."

"Aus dieser Überlegung heraus wollte ich die Lehrmeinungen nicht nur einer einzigen, sondern der verschiedensten Schulen vor die Öffentlichkeit bringen. Damit jener Glanz der Wahrheit, den Platon erwähnt, uns heller erleuchte. Wie die aus der Tiefe emporsteigende Sonne."

Für eine solche Erleuchtung jedoch war die Zeit noch nicht reif. Die für das Jahr 1487 in Rom geplante Disputation scheitert am Einspruch von Papst Innozenz VIII. Die Versammlung wird ausgesetzt. Der Papst verurteilt jene neunhundert Thesen, die Pico als Disputationsgrundlage und als Frucht seiner Gelehrsamkeit verfasst hatte, in der Hoffnung, damit die Grenzen der Denkschulen überwinden zu können.

Blick auf Florenz.  (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)In Florenz fand Pico della Mirandola Schutz vor dem Bann des Papstes (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)
Vom Papst mit Bann belegt, findet Pico Schutz und Aufnahme in Florenz. Dort widmet er sich weiter seinen Studien - bemüht, als gläubiger Christ den Vorwurf der Häresie zu entkräften, ohne jedoch von seinen in der "Oratio" vorgetragenen Einsichten abzuweichen. In einem Brief an den venezianischen Humanisten, Buchdrucker und Verleger Aldus Manutius schreibt er 1490:

"Stürze dich rüstig auf die Philosophie. Aber denke auch dabei daran, dass es keine Philosophie gibt, die uns von der Wahrheit der Mysterien abspenstig machen könnte. Denn die Philosophie sucht die Wahrheit, die Theologie findet sie, die Religion besitzt sie."

In den folgenden Jahren ist Pico bestrebt, den Weg geistiger Bildung mit christlicher Lebensführung in Einklang zu bringen. Auf die Zeremonien der Kirche legt er jedoch keinen großen Wert. Wahrer Gottesdienst sei vielmehr "Anbetung im Geist und in der Wahrheit".

Was er damit meint, erläutert er in einem viel zitierten Brief an seinen Neffen und Schüler Giovanni Francesco Pico. Darin bekräftigt er erneut, dass Menschen frei sind, entweder fehlzugehen oder sich zu einem Leben zu entschließen, das ihrer Würde entspricht.

"Groß ist das Glück des Christen, da sein Sieg auf seinem freien Willen beruht. Du, mein Sohn, kümmere dich nicht darum, was viele tun, sondern das Gesetz der Natur, die Vernunft und Gott selbst wird dir zeigen, was man tun muss."

"In seinem Bestreben, Wissen und Glauben, Philosophie und Theologie miteinander zu versöhnen, bewegte sich Pico auf einem schmalen Grat, auf dem ihm zwar die christlichen Humanisten folgen konnten, nicht aber die Kirche."

Resümiert der Humanismus- und Renaissanceforscher August Buck. Völlig unerwartet stirbt Pico am 17. November 1494 im Alter von 31 Jahren. Neuere Untersuchungen gehen davon aus, dass er vergiftet wurde. Zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht sein Neffe einen Teil seiner Schriften, darunter auch den eben erwähnten Brief sowie die "Rede über die Würde des Menschen".

Herder knüpft an die Gedanken Picos an

Rasch finden Picos Gedanken in Humanisten-Kreisen außerhalb Italiens Verbreitung. Ebenso werden Picos Gedanken in den Anfangsjahren der Reformation aufgegriffen. Der Humanist und Theologe Jakob Wimpfeling macht seine Werke im deutschsprachigen Raum bekannt. Vor allem findet der Brief an seinen Neffen unter den reformwilligen Zeitgenossen Anklang. Der Historiker Gerd Schulten:

"Doch währt die Begeisterung der lutherischen Seite nur kurz. Von allen Reformatoren scheint sich lediglich Zwingli mit den Gedanken des theologischen Philosophen auseinandergesetzt zu haben. Spätestens seit der heftigen Auseinandersetzung um den freien Willen wurden die Äußerungen Pico della Mirandolas nicht mehr kommentarlos hingenommen."

Der deutsche Lyriker, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder in einer zeitgenössischen Darstellung. Herder gilt als der große Anreger der deutschen Geistesgeschichte, dessen Schriften den "Sturm und Drang" einleiteten und prägten. Herder wurde am 25.8.1744 in Mohrungen geboren und starb 18.12.1803 in Weimar. (picture alliance / dpa)Der deutsche Lyriker, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (picture alliance / dpa)

Ende des 18. Jahrhunderts dann – in der Zeit der Aufklärung und der Wiedererweckung des Humanismus – ist es der Theologe und Philosoph Johann Gottfried Herder, der unter dem Leitbegriff der Humanität an die Gedanken Pico della Mirandolas anknüpft. An den Gedanken der essentiellen Würde des Menschen und an den seiner gottgeschenkten Freiheit, sich aus eigener Kraft zu bilden und zu vervollkommnen. Oder in Herders Worten:

"Das Göttliche in unserem Geschlecht ist also Bildung zur Humanität. Sie ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unseres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück."

Unsicherheit über den Sinn des "humanum"

Und heute? Das Humanitäts-Pathos eines Herder hat seine Überzeugungskraft längst eingebüßt. Wie überhaupt das humanistische Vertrauen in die Vervollkommnung des Menschen geschwunden ist. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist verunsichert. Unsicherheit herrscht auch über den Sinn des "humanum" selbst, das heißt über den Sinn des eigentlich Menschlichen am Menschen.

"Man hat an diesem Humanum zwei Eingriffe vorgenommen; es wurde als Höheres aufgedonnert oder als Illusion verärmlicht. Die Schönheits- und Hässlichkeits-Operationen haben in gleicher Weise entstellt."

So spitzt der Philosoph Ludwig Marcuse polemisch zu.

"Aber viel Menschliches ist entdeckt worden, seitdem die zu engen Rahmen gesprengt worden sind. Der Preis: Verzicht einer runden Antwort auf dies: Was ist der Mensch?"

 Der Philosoph, Kulturkritiker und Publizist Ludwig Marcuse, aufgenommen 1969.  (picture-alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)Der Philosoph, Kulturkritiker und Publizist Ludwig Marcuse. (picture-alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)

Geblieben ist also die Frage – und damit die Einsicht in die prinzipielle Frag-Würdigkeit menschlichen Seins. Denn immer noch "ist der Mensch verurteilt, frei zu sein", wie es bei dem Philosophen Jean-Paul Sartre hieß. Und immer noch hat der Mensch zu wählen, als wer oder was er sich essentiell selbst verstehen will und wie er sein Selbstverständnis existentiell einzulösen gedenkt.

Es bleibt somit Herausforderung genug für den Menschen, sich in der Welt von heute und ihrer veränderbaren Wirklichkeit auf eine menschengemäße, mithin humane Weise zu verwirklichen. Den frühen Anstoß dazu aber hatte Giovanni Pico della Mirandola gegeben, als er im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit in seiner "Rede über die Würde des Menschen" die Worte schrieb:

"Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, o Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluss habest und besitzest."

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