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StartseiteBüchermarktWenn neue Worte (Un)Sinn stiften03.11.2019

René Gisler u.a.: „Thesaurus rex“Wenn neue Worte (Un)Sinn stiften

Versprecher, Verschreiber, Missversteher, Buchstabendreher und Wortverwechslungen - das Reich des Buchstäblichen ist vielseitig, tief und lustig. Man kann Psychoanalyse daraus machen oder einen horizonterweiternden Jokus. Letzteres ist der Fall beim tausendseiter „Thesaurus rex“.

Von Florian Felix Weyh

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Doppelseite aus dem Wörterbuch "Thesaurus rex" (Verlag "Der gesunde Menschenversand")
"Thesaurus rex", ein Wörterbuch der Wortschöpfungen. (Verlag "Der gesunde Menschenversand")
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Wer kennt das nicht: Eine Mail muss rasch noch raus, die Finger hasten über die Tastatur, flugs fehlt im Wort ein Buchstabe. Wird es der Empfänger überhaupt be­merken? Wer liest schon Worte auf buchstäblich abgezählte Weise?

 
"‘Erstkassig‘, Adjektiv. Kategorie: Ökognomie, Größenumordnungen, Neutsch. Nach Profitness sortierte Einstufung."

Neutsch ist die häufigste Kategorie im ‚Thesaurus rex‘, einem gigantischen Wörterbuch des Neu-Deutschen – also Neutschen –, das praktisch jeder von uns irgendwann einmal benutzt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Neutsch unterläuft einem unwillkürlich - in Versprechern, Buchstabendrehern, bei orthografischen Irrtümern, kleinen geistigen Aussetzern, Tippfehlern, lautmalerischen Verballhornungen. Neutsch ist allgegenwärtig und durchaus lachdienlich, "der Sache Lachen dienlich".

Mit einem verhaspelten Wort beginnt die Literatur

Allerdings schwirrte Neutsch bis dato nur so in der Welt herum, gab Aphoristikern das Material für Bücher oder ihre Twitteraccounts vor und half Belletristen von Arno Schmidt bis Thomas Kapielski, ihre Originalität unter Beweis zu stellen. Doch wo ist der Neutsch-Duden, die quasi-amtliche Kodizifierung?

Selbstredend: So etwas kann es nicht geben. Denn das Schöne ist an Neutsch und Kategorien wie ‚English broken‘, ‚Bösterreichisch‘, ‚Hellfetisch‘, ‚Vitaliano‘, ‚Frank sais‘, ‚Panisch‘, ‚Riechisch‘ und anderen, das Schöne ist die anarchische Differenz zwischen dem oft mehr­­­fach parallel entstandenem, neuen Begriff und seiner hoch individuellen, nicht standardisierbaren Erläuterung. Lexikalisch-duden­gerecht lassen sich die verfrem­deten Worte in einem Korpus zusammenfassen, nicht aber mit einer ver­bindlichen Definition hinterlegen. Denn da beginnt die Literatur und erzählt sofort kleine, vertrackte Geschichten. Etwa die vom Staubsauger in verhaspelter Form:

"‘Stauchsauber‘, der. Unverzichtbarer Haushaltshelfer, Nebenprodukt der Forschung zur Neutronenbombe. Der handliche Stauchsauber lässt Wohnung, Werkstatt, Atelier in Sekundenbruchteilen auf die Größe einer DIN-A4-Seite schrumpfen, bevor alles wieder auf das ursprüngliche Format zurückfedert. Jeder Dreck bleibt auf einem Haufen (je nach Verschmutzungsgrad auch als kleine Säule) zurück und kann leicht entsorgt werden. Wichtig: Stauchsauber nur von außerhalb einsetzen (Treppenhaus, Terrasse etc.), Kleinkinder und Haustiere vorher einsammeln."

Der Luzerner Künstler René Gisler ist ein Neologist. 2001 erschien sein Wörterbuch "Der Enzyklop", in dem er kraft individueller Schöpfung dem Deutschen rund 3.500 neue Worte hinzufügte. Damals noch in weiten Teilen definitions- und erklärungsarm; der Leser selbst sollte, konnte, musste den Sprach­witz für sich entdecken: ‚jahrsträubend, kaltbrütig, blödzlich, ödeln‘.

Nun ist unter Gislers Ägide der ‚Thesaurus rex‘ erschienen. Aus 3.500 Worten wurden 16.000, und die lexikalische Anordnung von A bis Z rückt gegenüber den Definitionsversuchen auf den zweiten Rang: Den Wert eines Eintrags macht nicht aus, dass überhaupt eine Sprachabweichung vorliegt, sondern deren oft tiefgründige Konnotationsauslotungen. Was könnte das heißen: "‘Borgsam‘, Adjektiv. Behutsam mit Leihgut umgehen. ‚Habscheu‘, die. Ein Hauch von Antima­te­ria­lis­mus. Gegensatz Habnei­gung. ‚Frohurteil‘, das. Frohgefasste Meinung. Präjuhudiz. ‚Start­schluss‘, der. Das En–de vom Anfang."

Taugt der ‚Thesaurus rex‘ zur neuen Hausbibel?

Vielleicht verkörpert der ‚Thesaurus rex‘ genau dies: den kunstvoll überhöhten Startschluss des enzyklopädischen Zeitalters. Noch stehen in den Bibliotheken die eindrucksvollen Lexika vergangener Generationen herum, als Inbegriff vormals statischer Bildungs­herrschaft. Aus den Buchläden sind sie längst verschwunden, Datenbanken können Wissen viel besser speichern, frischhalten und wiedergeben als Bücher. Wer im Alter unter Dreißig vermag Lexika überhaupt noch zu bedienen? Und doch haftete gerade dem enzyklopädischen Buch immer jene ursprüngliche Aura der Hausbibel an, die jahrhundertelang als einziges Schriftstück im Haushalt aufgeschlagen zur täglichen Lesung mahnte.

An dieser Stelle muss man den ‚Thesaurus rex‘ beschreiben: Er ist eine Handbreit dick, wiegt dreieinhalb Kilo und passt mit seiner Höhe von 34 Zentimetern kaum in ein normales Regalfach. Eingekleidet in bischofsviolettes Leinen schreit er geradezu danach, als neue Hausbibel behandelt und auf einem Pult liegend täglich konsultiert zu werden. Das aufgeschlagen sechsspaltige und zweifarbige Schriftbild mit ausgesuchten Illustrationen erinnert gestalterisch an Gutenbergs Ur-Meister­stücke. Und es ist wohl kein Zufall, dass religiöse Neologismen nebst der Kategorie ‚Erröttick‘ am häufigsten ins Auge stechen.

Die Kirche bekommt ihr Fett weg

Oder sich sogar miteinander vermählen: "‘Amenerguss‘, der: Höhepunkt gegen Ende des Mor­gen­ge­betts. ‚Pornbusch‘, der: Leicht ent­zünd­bares Gestrüpp. ‚Entzücklika‘, die: Ein selbst­befriedigen­des päpst­liches Rund­schreiben; vergleiche auch ‚Pä­do­flieh‘: krankhafte Flucht vor Kin­dern und Min­der­jäh­rigen."

Wenn Lautmalereien und Kalauer ins Schmerzhafte kippen, werden sie zu Erkenntnisinstrumenten. Das klappt auf dem Feld der Kirchen besonders gut, weil deren Einfluss seit zwei Jahrtausenden auf Sprachmacht fußt, die sich wiederum mittels Sprachkraft konterkarieren lässt.

"‘Evagelisch‘, Adjektiv. Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft glau­ben, Gott sei eine Frau. Kommentar: Die Evagelikalen wissen, dass Gott eine Frau ist. Die Evan­g­elikahlen wissen, dass Gott eine Glatze trägt. ‚Kaufe‘, die: Sakramentale Handlung einer Religions- oder sonstigen Gemein­schaft zum Erwerb neuer Mitglieder. Nach der Kaufe gehörst du denen. Nach der Kaufe bist du gekauft. Der Kaufpate hat’s gesehen und zugestimmt. Fra­ge: Hat die Religions- oder sonstige Gemeinschaft tatsächlich eine Freude, wenn der, der gekauft wurde, ein Teufling ist?"

Der Täufling wird hier wie der ‚Teufel‘ geschrieben, das hört man im Radio nicht unbedingt. Doch wer hat da überhaupt nachgefragt? Und wer per Kommentar die Evan­gelikalen rasiert?

Das führt uns zum Konstruktionsprinzip des ‚The­saurus rex‘: Als Prunkstück der Bibliophilie - und zugleich freundliche Okkupation des Lexikonprinzips durch die Kunst – wirkt er wie ein letztes Aufbäumen der Buchkultur, bevor diese sich in die Stromnetze zurückzieht. Als lebende Sprachmaschine indes wäre er stromlos – wie Bücher nun einmal sind – weder lebensfähig, noch überhaupt entstanden: Dieser Thesaurus besteht zu einhundert Prozent aus fixiertem Internet.

2006 hat René Gisler sein Sprachprojekt unter der Web­ad­resse www.enzyglobe.net online gestellt und peu à peu von einem kraftgenialischen Ein-Mann-Unternehmen in eine kollaborative Kreativfabrik verwandelt. Darin sammeln, schöp­fen, prägen Dutzende von Autorinnen und Autoren Worte und deren Bedeutungen. Anschließen kommentieren und verlinken sie ihr Neutsch nach Hirneslust. Das hat Implikationen. Zunächst einmal, den Zweifel am personalisierten Verdienst des Einzelnen zu schüren. Was sag ich … Zweifel? Mindestens Dreifel: "Fünfzig Prozent mehr Ungewissheit."

Wer ist in Zeiten von Siri noch Urheber von Neologismen?

Dieses Misstrauen gegenüber personalisierbarer Originalität wächst bei der Lektüre nach­drücklich. Wortschöpfungen, sagt dieses Lexikon, sind ganz alltäglich. Ihre Zuordnung zu bestimmten Verfassern passt nicht mehr in unsere Zeit, die via Weltvernetzung längst aufgedeckt hat, wie oft identische Formulierungen unabhängig voneinander parallel entstehen können. Inzwischen liefern selbst Sprachassistenten wie Siri und Alexa – die Mütter aller Missverständnisse – vorzügliche Neologismen ab, und jeder von uns erlebt seit Jahren den blühenden Neben- und Unsinn der Korrekturvorschläge von Schreibprogrammen und SMS-Funktionen in Handys.

Wer ist da noch Urheber? Literaturhistorisch ausgeholt: Was könnte zum Beispiel der große Eroto-Freudianer Arno Schmidt, der dem diesbezüglich unschuldigen Karl May ‚arschaisch=steife‘ Landschaften, mithin eine sexuelle Vorliebe für Hintern unterstellte, bei einem Freud’schen Versprecher von Ma­schinen noch ausloten?

In diesem Sinne führt der ‚Thesaurus rex‘ auf mehrfache Weise zur Kränkung des einstmals so stolzen Autoren-Ichs. Er zeigt ihm dessen Grenzen auf, ja er degradiert es zum Autoren-Nich: "‘Nich‘, das: Aus der Fassung geratenes Ich und so eine eher un­pässliche Form. Kommt häufig vor als Kennichnich, Weissichnich oder Binichnich."

Bin ich doch! Und zwar ein Schöpfer 2.0, der Sprache zwar bereichert, aber nicht mehr als unverwechselbarer Einzel­ner, sondern nur noch als kleines Relais. So beschrieb der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka die Position von Schrei­benden im digitalen Zeitalter schon vor Jahren. Ein Relais, jener kleine elektroma­gne­tische Schalter aus der Frühzeit der Elektrifizierung, nimmt Energie auf und leitet sie weiter. Ein besseres Bild für Literatur im Massenschreibalter gäbe es kaum, sagte Porombka damals.

Jeder Eintrag ist ein Relais, das den Geist umlenkt

Was für die Gesamtposition des Schriftstellers vielleicht noch ein wenig überzogen klingt, passt jedoch auf die 16.000 Einträge im ‚Thesaurus rex‘ vortrefflich: Sie sind 16.000 kleine Relais, Schalter, die den Geist umlenken. Manch­mal muss das betreffende Wort nicht mal eine Gestaltveränderung durchlaufen; es genügt, dass der definierende Autor – und hier darf er das noch sein, ein Autor - seine analytischen Werk­zeuge leicht verkantet ansetzt, einen schrägen Blick riskiert: Was steckt in einem Wort noch drin?

"‘Werkzeuge‘, der. ‚Stehst du hier jetzt nur rum und guckst mir bei der Arbeit zu?‘ – ‚Nein, Mann, ich bin dein Zeuge, ich schwör! Ich schwör, du arbeitest!‘"

Man kann solch grammatikalisch basierten Witz prinzipiell verwerfen oder zu­mindest als Sprachspielquatsch abtun, doch täte man damit den Autorinnen und Autoren des ‚Thesaurus rex‘ im selben Maße Unrecht, wie man sich selbst eines großen Vergnügens beraubte: keine aufgeschlagene Doppelseite, in der zwischen Ausgelassenheit und Scharfsinn nicht mindestens ein Aha-Effekt lauerte! Mancher davon geht auf ehrwürdige Tradi­tionen zurück:

"‘Lachdatten‘: Konstruktionsholz zur Erheiterung von düsteren Dachland­­­schaften. Kommentar: Wer es oben fröhlich mag, holt den Lachdecker. Wer es oben sauber mag, holt den Dachlecker. Und wer Angst hat vor dem großen Reinfall, der holt den Bachdecker."

Im deutschen Sprachraum ist der zugrundeliegende Mechanismus als Schüttelreim bekannt, im englischen firmiert er unter Spoonerism, benannt nach einem Ox­ford-Professor im 19. Jahrhundert, der den unsterblichen Versprecher vom schwulen Dekan prägte – ‚queer old dean‘ –, wo er doch nur die ‚dear old Queen‘ ehren wollte. Der britische Humor machte daraus eine ganze Wortspiel-Disziplin mit vielen Anhängern, und in der Tat: Gerüttelt und nicht geschürt inspiriert Buchstabenwirrwarr zu ganz erstaunlichen Texten:

"‘Dezifit‘, das: Maßeinheit für den körperlichen Leistungszu­stand, Be­zugs­größe ist ein Zehntel der Leistungsfähigkeit des tsche­chi­schen Langstre­cken­läufers Emil Zátopek zum Zeitpunkt der Eu­ro­pa­mei­sterschaften 1954 in Bern. Obwohl das Dezifit nicht als Grundeinheit des metrischen Interna­tio­na­les Einheitensystem anerkannt wurde, fand diese Einheit seit den 2020er Jah­ren immer mehr Beachtung, ins­be­son­dere hoher Dezifite Defizite bei jungen Menschen aufgrund mangelnder Be­wegung. Siehe auch: Defizicke [...] weib­liche Person, die sich auf­grund eines persönlichen see­li­schen oder materiellen Mangels in einer negativen mentalen Verfassung befindet. Lässt sich dieser Mangel auf den sexuellen Bereich einschränken, verwendet man auch einen Be­griff, den man durch das Vertauschen zweier Buchstaben dieses Wor­tes erhält, der aber aus Jugendschutz­grün­den hier nicht wiederge­ge­ben wird."

Assoziationen werden gerne schlüpfrig

Voila, wir rutschen in den Unterleibsbereich hinunter, ständig tun wir das, wie einst auch Arno Schmidt, und es scheint durchaus zwingend. Die erst seit ein paar Jahrzehnten bestehende sexuelle Redefreiheit hat ganz offenkundig nicht jene Selbstverständlichkeit erreicht, die schlüpfrigen Assoziationen den Nährboden entzöge. Im Lichte tut man aufgeklärt, im Zwielichte fühlt man sich dagegen säuisch wohl:

"‘Glühdirne‘: Daran hat sich schon mancher die Finger verbrannt. Nicht jede Nachttischschlampe wird so heiß. ‚Eichelzoo‘: ‚Da darf man sie anfassen‘ – ‚Sie meinen ihn? Ihn anfassen?‘ ‚Gebüh­ren­freier‘: a) Kommt ohne zu bezahlen. b) Kommt um zu bezahlen. ‚Geburtstags­ständerchen‘: Eine winzigkleine Überraschung zum Jubiläum. Kom­mentar: Anständerhalber kann Mann das Geschlenk ja schon vorher einpacken (lassen)."

Hier nun scheiden sich mit Sicherheit die Geister. Die einen sind empört ob der durchschimmernden Misogynie, die anderen lachen los. Lachen ist allerdings nie kostenfrei zu haben, wer moralisch keusch lachen will, muss Witz an sich abschaffen und lacht dann auch nicht mehr. Natürlich finden sich auf den 1.062 Seiten verunglückte oder anstößige, unkomische oder zumindest unverständliche Einträge. Das Projekt ist aber per se ein Antidot gegen alle Versuche, Sprache zu bändigen, funktioniert somit als Bollwerk gegen jede Ideologie. Wer meint, mit Sprache ein Mo­ralpro­gramm verfolgen, gar für Gerechtigkeit sorgen zu können, wäre hier als Leser mit Sicherheit am falschen Ort.

Denn Sprache erweist sich nie als gerecht, sondern höchstens als … gemein! Dazu reicht ein falscher Buchstabe: "‘Lynchpaket‘: Das kleine Werkzeugset für das Lyn­chen zwischendurch. Be­standteile: Strick, Klappstuhl und Faltgalgen im Leinenbeutel (Die nach­haltige Ökoversion besteht aus reinen Natur­pro­dukten, vollständig biologisch abbaubar.) Kommentar: Der Business­lynch soll auch wieder in Mode kommen. Weiterer Kommentar: Für Lunchjustiz hingegen ist heutzutags die Brotzeit viel zu kurz."

Manche neuen Worte wünscht man sich rasch im Duden

Wer sich auf den ‚Thesaurus rex‘ einlässt – oder ihn in sein Leben hineinlässt – erklärt sich grundsätzlich zur Störung seiner Weltwahrnehmung bereit, ob auf logischem oder moralischem Gebiet. Was aber, wenn toxische Worten aus der Vergangenheit auftauchen? Nun denn: So wie sich Worte verbösern lassen, lassen sie sich auch entschärfen: ‚Wehrmacht‘. Einfach mal das Dehnungs-h weglassen und die Betonung verschieben: "‘Wermacht‘, das: Die große Frage bei der Jobver­tei­lung in ei­ner Gruppe wenig motivierter Leute. Kommentar: Gib den Leuten Wer­mut und dann stell die Frage: Wermacht?"

In seinen lichtesten Momenten überschreitet der ‚Thesaurus rex‘ die Grenze von Unterhaltsamkeit zur melancholischen Welt­weis­heit. Versteckte Sachverhalte, deren Existenz man immer geahnt hat, geraten mit einem passenden Neologismus ins Bewusstsein, wie etwa beim zitierten ‚borgsam‘. Besonders glücklich erscheint der Eingriff in die deutsche Sprache, wo diese einfach etwas vergessen hat, zum Beispiel geläufige Adjektive mit gegenteiligen Vorsilben auszustatten, um ihren vollen Begriffsumfang auszuschöpfen: "‘Unterwältigt: Ganz und gar nicht überrascht. ‚Untermütig‘: Un­aus­ge­las­­sen bis unterheblich." Hier empfiehlt sich ein massenhafter Gebrauch, um diese Worte auf Dudenhöhe zu hieven.

Wenig Aussichten, in den allgemeinen Sprachschatz überzugehen, hat dagegen ein seltsames Pronomen, das den Wortwahnwitz des ‚Thesaurus rex‘ unterstreicht. Von Ferne erinnert es an Christian Morgenstern: "‘Ingwo‘, Pronomen: Ingwas, ingwer, ingwieviele, ingwelche? So lautet der Inhalt des Notrufs, der abgesetzt werden muss, wenn man beim Verzehr von Keks, Schokolade oder sonstiger Speise jähen, mitunter scharfen Seifenge­schmack im Munde verspürt. Achtung: Wer gerade Seife verzehrt, setzt bitte keinen Notruf ab, sondern geht selbsttätig in die Klappse."

Das soll nicht das letzte Wort gewesen sein: "Die Zielgerade wurde soeben wieder mal verlängert, Abokalypse." Nämlich beim 'Weltmuntergang'. Oder um mit Arno Schmidt zu enden: "Freiheit und Frechheit: ein Buchstabe Unterschied."

René Gisler, Eva Braun, Petra Meyer, Armin Müller (Hrsg.): "Thesaurus Rex"
Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2019. 1.062 Seiten, 89 Euro.

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