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StartseiteDlf-Magazin"Du weißt, dass du wenig haben wirst"13.04.2017

Rente"Du weißt, dass du wenig haben wirst"

Doris May ist seit Kurzem Rentnerin. Schon früh hat sie Rücklagen gebildet, Zusatzversicherungen abgeschlossen und für den Notfall vorgesorgt. Dennoch muss sie jetzt mit einem 450-Euro-Job ihre Rente aufstocken. Denn mit einem hatte die 63-Jährige nicht gerechnet.

Von Uschi Götz

Wenn die Rente nicht reicht: Die 63-Jährige muss mit einem 450-Euro-Job aufstocken.  (Deutschlandradio/Uschi Götz)
Hohe Steuern belasten oft die Einkommen von Rentnern. (Deutschlandradio/Uschi Götz)
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Beim Teekochen hört Doris May den Deutschlandfunk. Ein Interview behandelt das Thema Rente; seit Kurzem ist sie Rentnerin und kennt sich aus. Mit einem 450 Euro Job muss sie aufstocken. Je länger sie zuhört, desto mehr regt sie sich auf. Noch vor dem Frühstück schreibt sie uns eine E-Mail:

"Ich fand, es wurde nicht kritisch genug hinterfragt."

"Wenn Sie ein solches Interview führen, sollten Sie besser vorbereitet sein."

Schreibt die in Großbritannien geborene Frau, und weiter: "Schämen Sie sich, dass Sie den Herren so haben dahinreden lassen".

Außerdem kritisiert sie: Zu viele Journalisten gingen unwissend an das Thema Rente heran.

Ich möchte diese Hörerin kennenlernen. Wir vereinbaren ein Treffen. Die Abmachung: Ihr richtiger Name und Wohnort werden im Radio nicht genannt. An ihrer Wirkungsstätte, einem bekannten Kunst- und Kulturbetrieb in Baden-Württemberg, treffe ich die Dame. Hier hat Doris May einen 450-Euro-Job:

"Ich fühle mich privilegiert, das hängt aber auch damit zusammen, dass ich über ein bestimmtes Wissen verfüge, das nicht jeder hat."

Drei Tage in der Woche arbeitet sie stundenweise im Kulturbetrieb: plant und organisiert. Ihr lichtdurchflutetes Büro teilt sie sich mit einer Kollegin, die heute nicht da ist.

Skizze eines bewegten Lebens

Doris May, dunkle kurze Haare, Perlenkette, Stoffhose und Sportschuhe, geht mit schnellem Schritt durchs Haus. Kurzer Blick ins Büro, kaum sitzen wir in einem großzügigen Besprechungsraum, beantwortet sie eine noch nicht gestellte Frage:

"Ich bin absolut glücklich. Frauen entwickeln sich spiralenmäßig, ich habe gelebt, ich habe vieles gesehen, ich bin viel gereist, das Leben ist sehr gut zu mir. Ich bin noch gesund, und ich bin nicht verbittert."

Mehr Beiträge aus der Reihe "Hörerwelten" (imago stock&people / Deutschlandradio)Mehr Beiträge aus der Reihe "Hörerwelten" (imago stock&people / Deutschlandradio)Aus dem geplanten Interview wird ein angeregtes Gespräch. Aus ihrem Redefluss entsteht die Skizze eines bewegten Lebens. Als Teenager kommt sie von London nach Deutschland, macht eine Ausbildung, heiratet und zieht mit ihrem amerikanischen Mann in den Nahen Osten. Mittlerweile geschieden und Mutter einer Tochter, geht es in den 1980er-Jahren wieder zurück nach Deutschland. Nach einem Studium arbeitet sie bis 2016 in verschiedenen namhaften Wirtschaftsunternehmen.

Doris May verdiente gut, monatlich konnte sie rund 800 Euro in Zusatzversicherungen für ihre spätere Rente einbezahlen. Mit 63 Jahren ging sie im vergangenen Jahr in den Ruhestand.

"Ich weiß, die Zuhörer werden denken: Diese Frau sitzt da, quengelt und meckert. Aber letztendlich geht es mir darum, dass ich versucht habe zu tun, was die Politik, was die Versicherungen, und was die Banken gesagt haben: Sorge dafür, du weißt, dass du wenig haben wirst. Und ich bin nicht die einzige, es scheint das Problem zu sein bei den alleinstehenden Frauen."

Mit mehreren Betriebsrenten, Zusatzversicherungen und einer Riester-Rente schien alles gut gesichert.  

"Ich wollte letztendlich dafür sorgen, dass der große Schlag nicht kam, aber womit ich nicht gerechnet habe, ist der so hohe Anteil an Krankenversicherung."

Auch die Zusatzversicherungen müssen alle versteuert werden. Die Berechnung der Steuer ist dabei so kompliziert, dass Doris May nun fachliche Hilfe braucht. Sie ist in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert und versteht vor allem nicht:  

"Dass ich jetzt höhere Sozialabgaben habe, als ich hatte, als ich gearbeitet habe. Ich bezahle mehr an Krankenversicherung und an Pflegeversicherung."

Ein bürokratischer Marathon

Hinter ihr liegt ein bürokratischer Marathon mit vielen unbeantworteten Fragen, das gilt vor allem für die Riester-Rente:

"Die Riester-Rente war sehr kompliziert, im ersten Jahr, wo sie ausgezahlt werden sollte, 2016, bekam ich jeden Monat eine andere Abrechnung. Anyway, die Geschichte ist letztendlich, dass ich dann schon wusste, meine Rente, die ich bekomme, ist circa 1.400 Euro."

Die 1.400 werden noch versteuert. Was danach bleibt, reicht gerade zum Leben, auch eine Mietwohnung kann sie davon bezahlen. Doris May kommt mit wenig zurecht; sie wandert gerne, vor einiger Zeit hat sie sich einen Hund aus dem Tierheim geholt. Glück ist für sie ein Tag auf ihrem Gartengrundstück in Stadtnähe. Wo also ist das Problem?

Es ist die Sorge, kein Polster für Unvorhergesehenes zu haben. Die 450 Euro, die sie nun zusätzlich verdient, spart sie. Es sind Rücklagen für die Steuer.

Den Hauptgeschäftsführer der Deutschen Arbeitgeberverbände hätte unser Kollege im Renten-Interview persönlichere Fragen stellen sollen, sagt sie:

"Ich hätte, wenn Sie ein Interview haben mit einem Experten, hätte ich gerne gewusst, wer von denen eine Riester-Rente abgeschlossen hat? Was machen Sie eigentlich? Wie sind Sie abgesichert?"

Mehr Neutralität und Unabhängigkeit gefordert

Im Vergleich zu britischen Journalisten hält sie uns deutsche Journalisten für recht schwach. Im Deutschlandfunk vermisse sie bisweilen die Neutralität bei den Redakteuren:

"Man merkt sehr wohl an der Tonalität, an der Stimme, wie ein Reporter vom Deutschlandfunk zu den Interviewenden steht. Ich denke, es ist kritischer geworden, aber ich würde den Herren auch raten, ab und zu BBC-Fernsehen anzuschauen: 'Hardtalk', harte Interviews, aber es ist in einem bestimmten Tonfall. Man muss neutral bleiben, die Neutralität fehlt manchmal."

Doris May steht auf, wir gehen in Richtung Ausgang. Mir gibt sie auf den Weg, ich möge der Redaktion in Köln ausrichten, wir sollten Politikern in Interviews künftig persönlichere Fragen stellen. Unabhängig davon, um was für ein Thema es geht.

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