Donnerstag, 18.07.2019
 
Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Es arbeiten immer mehr ältere Menschen immer länger"24.04.2019

Rente"Es arbeiten immer mehr ältere Menschen immer länger"

Arbeitgeberverbände warnen vor einer Verschärfung des Fachkräftemangels, da Hunderttausende abschlagsfrei mit 63 in Rente gingen. Der Ökonom Enzo Weber hält dagegen: Es sei keineswegs so, dass massenweise der Wirtschaft die Fachkräfte entzogen würden, sagte Weber im Dlf.

Enzo Weber im Gespräch mit Silke Hahne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Mitarbeiter der ThyssenKrupp Aufzugswerke schweißt in Neuhausen auf den Fildern (Baden-Württemberg) Metall (picture alliance/ dpa/ Inga Kjer)
Die Erwerbssituation für ältere Menschen ist laut Ökonom Enzo Weber besser geworden (picture alliance/ dpa/ Inga Kjer)
Mehr zum Thema

Altersversorgung Ohne Abschlag früher in Rente

Steigende Mieten, niedrige Renten Droht eine "graue" Wohnungsnot?

Arbeitsmarkt Frühjahrsbelebung gestartet

Silke Hahne: Wer sein 63. Lebensjahr erreicht hat und 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, der oder die darf ohne Abzüge in Rente gehen. Das ist seit Mitte 2014 so - und Hunderttausende Arbeitnehmer haben das in Anspruch genommen. Daran gibt es nun Kritik.

Der Bundesverband der Arbeitgeber kritisiert, dass die Reglung den Fachkräftemangel verschärft. Stimmt das? Darüber konnte ich vor dieser Sendung mit Enzo Weber sprechen, der am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unter anderem den Bedarf an Arbeitskräften beobachtet. Und ihn hab ich gefragt: Hunderttausende gehen früher in Rente, das klingt nach sehr viel. Sind die Abgänge für den Arbeitsmarkt wirklich so dramatisch?

Enzo Weber: Wir müssen insgesamt sehen, die erwarteten Quoten von älteren Menschen in Deutschland, die steigen, und die steigen seit Langem und die steigen sehr deutlich. Und wir müssen auch berücksichtigen, ohne die Rente mit 63 wären ja auch viele dieser Menschen in Rente gegangen. Auch früher konnte man ja mit 63 in Rente gehen, dann gab es aber eben nur Abschläge.

Wenn wir uns jetzt anschauen, wer geht da eigentlich in Rente, dann sehen wir ja, man braucht diese 45 Beitragsjahre, um Anspruch auf die Rente mit 63 zu haben, und das ist schon gar nicht so leicht zu erfüllen. Das sind häufig in den Arbeitsmarkt gut integrierte Menschen, das sind dann vorwiegend Männer, die keine Erwerbsunterbrechungen haben. Insgesamt sehen wir da auch, das ist jetzt nicht gerade der Personenkreis, bei dem diese Rentenregelung sozialpolitisch wirklich nötig gewesen wäre.

"Das schaffen viele nicht"

Hahne: Das heißt, sind das die viel nachgefragten Fachkräfte tatsächlich, die da in Rente gehen, wenn Sie das jetzt beschreiben?

Weber: Bei der Rente mit 63, da sind schon sehr viele Fachkräfte dabei, denn man muss ja 45 Beitragsjahre aufweisen. Das schafft man häufig, wenn man studiert hat, schon mal gar nicht mehr, weil man zu spät ins Erwerbsleben einsteigt, und das schaffen viele Menschen ohne berufliche Ausbildung auch nicht, weil sie dann häufiger mal Perioden auch der Arbeitslosigkeit und Ähnliches dabei haben. Von daher ja, das sind diese Facharbeiter, Fachkräfte, die da diese Rente mit 63 in Anspruch nehmen.

Hahne: Hat Herr Kampeter also recht?

Weber: Wir sollten mehr dafür tun, dass diese Beschäftigten länger im Erwerbsleben bleiben können, ihnen mehr Optionen geben, auch ihre Stärken besser nutzen, aber man muss da auch die Kirche im Dorf lassen. Am Ende sehen wir, es arbeiten immer mehr ältere Menschen immer länger, also es ist keineswegs so, dass da massenweise der Wirtschaft die Fachkräfte entzogen würden.

Hahne: Jetzt sprechen Sie die Wirtschaft schon an. Viele Großunternehmen bauen ja gleichzeitig momentan Stellen ab, zum Beispiel in der Autobranche, und oft geht das sozialverträglich eben über Frühverrentungsprogramme. Trägt die Wirtschaft letztlich auch selbst zum Fachkräftemangel bei, den sie jetzt beklagt?

"Frühverrentungsprogramme von Konzernen passen nicht ins Bild"

Weber: Es gibt im Moment einige Meldungen von großen bekannten Firmen, die in der Tat im Zuge des Strukturwandels Arbeitsplätze abbauen und da auch zur Frühverrentung greifen. Das spiegelt nicht den generellen Trend wider. Viele Betriebe, das sehen wir auch in unseren Studien, versuchen auch, Beschäftigte dann noch zu halten, wenn sie schon einen Rentenanspruch haben - regulären Rentenanspruch oder den auch wie die Rente mit 63.

Das betrifft dann aber, wie wir auch sehen, häufig kleinere Betriebe oder Betriebe, die vor allem Fachkräfteengpässen ausgesetzt sind, die also wissen, wenn ich jemanden gehen lasse und die Stelle neu besetzen muss, dann wird das schwierig für mich. Das heißt, die einzelnen Frühverrentungsprogramme von einzelnen großen Konzernen, die passen im Moment wirklich nicht ins Bild. Da sollte man sich besser Gedanken machen, wie könnte man diese Menschen noch mal weiterentwickeln oder gibt es nicht vielleicht andere Firmen, die gerade händeringend nach Arbeitskräften suchen. Nur weil vielleicht jemand, der Metallverarbeitung in der Automobilindustrie macht, da gerade nicht mehr so gebraucht wird, heißt das ja nicht, dass er im Maschinenbau nicht noch etliche Jahre auch wirklich was beitragen könnte.

Hahne: Das heißt, da kann die Politik auch durchaus noch aktiver werden.

Weber: Da kann die Politik auf jeden Fall noch aktiver werden, denn mit der Digitalisierung, mit der E-Mobilität und anderen Technologien, da stehen uns ja wirklich einige Änderungen jetzt ins Haus. Aber am Ende müssen wir auch sehen, die Erwerbssituation für ältere Menschen, die ist deutlich besser geworden und die wird auch immer noch besser. Aber in den Fällen, wo man das Potenzial von älteren Menschen, das ja wirklich da ist, für die Wirtschaft und auch für sie selbst noch erhalten kann, da sollte auch Arbeitsmarktpolitik wirklich aktiv werden.

"Entscheidung der einzelnen Person"

Hahne: Weiß man eigentlich, was diese Frührentner mit ihrer Zeit machen, ob sie vielleicht für die Gesellschaft auch auf andere Art und Weise einen Beitrag leisten als vielleicht als Arbeitnehmer?

Weber: Generell müssen wir sagen, wann jemand in Rente gehen möchte, das ist die Entscheidung der einzelnen Person, und da hat auch niemand - weder ein Unternehmen noch irgendeine Politik oder sonst jemand - reinzureden. Wer meint, dass die Rente, die er sich erarbeitet hat, ausreichend ist, der soll aus freien Stücken in Rente gehen, und da hat man auch nicht schief drauf zu gucken.

Aber es ist etwas anderes, die Menschen gehen zu lassen und ihnen zu suggerieren, ach, na ja, heute ist ja alles digital und da kommt ihr ja sowieso nicht mehr mit. Oder ihnen zu suggerieren, wir brauchen eure Stärken unbedingt noch, ihr müsst was vermitteln an die Jüngeren, wir schaffen euch Optionen, wir bieten euch flexiblere Arbeitszeiten, aber wir wollen euch weiter an Bord haben, oder die Arbeitsmarktpolitik wird euch auch andere Optionen geben, wenn es in einem Betrieb mal nicht weitergeht. Was man dann mit Zeit in der Rente anfängt, das ist auch die eigene Entscheidung.

Sicherlich ist es heute so, dass Menschen mit Anfang, Mitte 60, dass die meisten da wirklich noch gesund sind und auch aktiv sind, also es ist keineswegs so, dass man sich dann schon völlig in die Inaktivität zurückzieht. Deswegen stehen da auch durchaus noch viele auch ehrenamtliche Tätigkeiten an, aber das Wesentliche ist, im Erwerbsleben die Perspektiven bieten. Und wer dann trotzdem sich entscheidet, mit 63 oder 64 in Rente zu gehen und das als eigene Entscheidung trifft, der soll es so machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk