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StartseiteInterview"Zahl der Rentner mit kleinen Altersrenten hat zugenommen"14.11.2017

Rentenbericht 2017"Zahl der Rentner mit kleinen Altersrenten hat zugenommen"

Medienberichten zufolge sollen die Renten 2018 um drei Prozent steigen. Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell sagte im Dlf, dabei handele es sich lediglich um Durchschnittswerte. Langfristig sei hingegen mit einem deutlichen Abschmelzen der Renten zu rechnen.

Stefan Sell im Gespräch mit Silvia Engels

Rentenbescheide liegen auf einem Tisch mit Lesebrille und Kleingeldmünzen, Symbolbild, Ein Rentenbescheid mit Kleingeld Pension decisions lie on a Table with Reading glasses and Symbol image a Pension decision with Small money  (imago stock&people)
Rentenbescheide liegen auf einem Tisch mit Lesebrille und Kleingeldmünzen Symbolbild Ein Rentenbes (imago stock&people)
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Silvia Engels: Für viele Ältere wird der Rentenbericht wohl zur Nachricht des heutigen Tages werden, denn hier finden sich ihre Einkommensentwicklungen für das kommende Jahr. Und eines scheint klar: Die Renten im kommenden Jahr steigen ordentlich.

Da die wichtigsten Zahlen dieses Berichts schon vorab bekannt geworden waren, konnten wir vor einigen Minuten mit Professor Stefan Sell sprechen. Er ist Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung an der Hochschule Koblenz. Er warnt seit Jahren vor einem zu starken Abschmelzen des gesetzlichen Rentenniveaus und vor Altersarmut. Frage deshalb an ihn: Wie passt diese Warnung zu diesen guten Rentenzahlen?

Stefan Sell: Wir haben es ja bei den aktuellen Zahlen mit der Erhöhung aller Renten zu tun, und hier kommen wir in den großen Problembereich der Durchschnitte. Denn wir haben natürlich auch immer noch sehr gute Renten, Renten, die sehr auskömmlich sind, und wenn zum Beispiel eine Rente von 1.700 Euro um drei Prozent angehoben wird, dann ist das ein ganz anderer Betrag, als wenn mickrige Altersrenten um drei Prozent angehoben werden.

Und wir sehen in den zurückliegenden Jahren eine Polarisierung bei den Altersrenten. Es gibt weiterhin sehr gut auch ausgestattete Rentnerhaushalte, aber die Zahl der Rentner, die sehr kleine Altersrenten bekommen, die hat zugenommen, und das sind ja Personengruppen, die auf der anderen Seite gleichzeitig nicht die Möglichkeit hatten, in ihrem Erwerbsleben zum Beispiel durch Vermögensbildung oder Vorsorge in größerem Umfang noch andere als die gesetzliche Rente als Einkommensquelle zu erwirtschaften.

Engels: Kann der Schub bei den Rentenzuwächsen jetzt für viele Empfänger diese mittelfristige Absenkung des Rentenniveaus, die Sie befürchten, nicht abmildern?

Sell: Nein, auf gar keinen Fall, weil in den vor uns liegenden Jahren wird ja die große Gruppe derjenigen mit zerschossenen Erwerbsbiografien aus den 80er- und 90er-Jahren erst in den Ruhestand gehen. Das sind die Leute, die längere Zeit auch arbeitslos waren, die dann in dem großen Niedriglohnsektor, der bei uns sehr ausgeprägt ist, gelandet sind und dort auch nicht mehr rausgekommen sind.

Und man sieht das an einer bedenklichen Entwicklung. Wir haben ja das Grundsicherungssystem für die Älteren, also Hartz IV für die Älteren, und der Bedarf im Grundsicherungssystem, der wird Jahr für Jahr angehoben wie auch die Hartz-IV-Sätze. Die Anhebung dort ist höher als das, was wir an Rentensteigerungen bei den unteren Einkommensgruppen haben. Nun sind aber die unteren Einkommensgruppen die, die im Wesentlichen ausschließlich auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, und das wird dazu führen, dass die Zahl derjenigen, die dann auch Anspruch haben werden auf diese Sozialleistungen, die aufstockenden Sozialleistungen, ansteigen muss.

"Die bisherigen Ostrentner sind relativ gesehen gut abgesichert gewesen"

Engels: Wann, denken Sie, wird dieses Problem eine breite Gruppe von Menschen erfassen?

Sell: Die erste große Gruppe – und das sollte man sich auch vor dem politischen Hintergrund klar vor Augen führen -, die von einem deutlichen Anstieg der Altersarmut betroffen sein wird, sind die Menschen, die in Ostdeutschland in den vor uns liegenden Jahren in den Ruhestand gehen. Denn die bisherigen Ostrentner sind relativ gesehen gut abgesichert gewesen. Die hatten ja diese langen Erwerbsbiografien noch in der ehemaligen DDR. Aber jetzt kommen immer mehr Menschen in die Rente, in die gesetzliche Rente, die in den 90er-Jahren nach der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt auf der Strecke geblieben sind, und die gehen mit Renten in den Ruhestand, die alle unter dem Grundsicherungsniveau liegen.

Das heißt, gerade in Ostdeutschland werden wir in den nächsten Jahren die erste Welle des Anstiegs erleben, und das wird dann natürlich auch Westdeutschland betreffen bei denjenigen, die in den zurückliegenden Jahren auch abgekoppelt worden sind von der Lohnentwicklung. Das muss man ja auch sehen. Wir haben zwar auch steigende Löhne, könnte man ja genauso argumentieren wie in der Rente, aber die sind sehr ungleich verteilt.

Die steigenden Löhne haben wir vor allem im mittleren und oberen Einkommensbereich und bei denen, die unter Tarifbindung fallen. Aber bei den unteren Einkommensgruppen, die haben heute real weniger als Mitte der 90er-Jahre, und das wird sich fortschreiben (logischerweise aufgrund der Rentenformel) im Ruhestand.

"Da werden jetzt manche richtig schlechte Erfahrungen machen müssen"

Engels: Sie beschreiben das Auseinanderklaffen des Rentenniveaus. Diejenigen, die ein gutes Auskommen jetzt schon haben in der Rente, werden nicht leiden müssen. Diejenigen, die etwas zerrissene Erwerbsbiografien haben, umso stärker, weil ja das gesetzliche Rentenniveau weiter absinkt.

Welche Rolle spielt denn in diesem Zusammenhang die Zinsentwicklung? Denn es gibt ja durchaus auch viele, die mit kleinem Einkommen versucht haben, sich privat abzusichern. Wird dieser Faktor aufgrund der herrschenden Null-Zins-Politik jetzt zu weiteren Verschärfungen dieses Problems führen, Ihrer Ansicht nach?

Sell: Auf alle Fälle, weil natürlich nicht nur die eigene Vorsorge – denken Sie an das früher mal beliebteste Vorsorgeprodukt in Deutschland: die Lebensversicherung. Was haben wir da in den letzten Monaten erleben müssen. Die Versicherungsunternehmen stoßen das flächendeckend ab, dieses Produkt, weil sie nicht mehr in der Lage sind, die erforderlichen Renditen für sich zu erwirtschaften. Sondern auch die Betriebsrenten, die ja erst vor kurzem noch in den Endzügen der Großen Koalition durchs Betriebsrenten-Stärkungsgesetz eigentlich ausgebaut und verbessert werden sollen, sind kapitalgedeckte Renten, sind also auf diese Renditen angewiesen. Und da werden jetzt manche richtig schlechte Erfahrungen machen müssen, weil man die damals mal versprochenen Zinszuwächse schlichtweg nicht wird realisieren können. Insofern trifft natürlich die Zinsentwicklung die kapitalgedeckte Altersvorsorge ganz hart, und gerade diejenigen, die dann auf die zusätzlichen Einnahmen aus einer Betriebsrente oder einer individuellen Altersvorsorge angewiesen sind, die werden sich da noch kräftig umschauen müssen.

Engels: Bei diesem Rentenbericht ist ja auch interessant, dass immer mehr ältere Menschen arbeiten. 2016, so die Zahlen, gingen Arbeitnehmer mit durchschnittlich 64,1 Jahren in Rente. Im Jahr 2000 lag dieser Wert noch bei 62,3 Jahren. Kann denn dieser Effekt des längeren Arbeitens auch dem individuellen Renteneinkommen helfen?

Sell: Ja, natürlich. Auf alle Fälle! Sie haben bereits im heutigen System – und das wird immer vergessen, wenn gesagt wird, wir brauchen mehr Anreize, dass die Älteren länger arbeiten -, wir haben im heutigen Rentensystem schon sehr starke Anreize, länger als die normale Altersgrenze zu arbeiten, weil Sie damit auch Ihre individuelle Rente deutlich verbessern können. Die gibt es schon, die Anreize.

Das Problem ist oftmals, dass es diese Arbeitsplätze dann entgegen der öffentlichen Diskussion häufig nicht gibt. Wir können durch ein längeres Arbeiten das hinbekommen, aber auch da haben wir wieder eine Polarisierung. Gerade diejenigen, die Arbeitsverhältnisse hatten, die im mittleren und oberen Einkommensbereich sind, die können sich das oft auch leisten, länger zu arbeiten. Die wollen vielleicht sogar länger arbeiten und erhöhen damit ihre individuelle Rentenposition.

Gleichzeitig nimmt aber die Polarisierung dadurch zu, dass im unteren Einkommensbereich wir ganz viele Menschen haben, die zum einen Arbeitsplätze haben, die sie schlichtweg nicht länger ausüben können aufgrund der dortigen Belastung, die aber gleichzeitig auch eine deutlich geringere Lebenserwartung haben. Die Menschen im unteren Einkommensbereich haben bei den Männern eine um zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung als die im oberen Einkommensviertel.

Das heißt also: Wenn man jetzt sagt, natürlich würde eine Entlastung eintreten, wenn wir das Renteneintrittsalter erhöhen, was ja in der Diskussion ist, dann sollte man auch hier wieder auf das Durchschnittsproblem achten. Die oberen Einkommensgruppen, die haben trotzdem noch ein längeres Leben vor sich, und für die unteren Einkommensgruppen, die besonders hart schon jetzt von den Rentenabsenkungen betroffen sind, die würden hier auch noch mal zusätzlich belastet aufgrund ihrer deutlich geringeren Lebenserwartung.

"Man wird versuchen, die notwendige Systemdiskussion über unsere Alterssicherung flachzuhalten"

Engels: Die Rente, sie spielt bei den Sondierungen zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen in Berlin derzeit von dem, was wir hören, nur am Rande eine Rolle, etwa wenn es um das CSU-Thema Mütterrente geht. Welche generelle Rentenpolitik erwarten Sie, falls Jamaika regiert, tatsächlich eine Erhöhung des Rentenalters?

Sell: Die Diskussion wird sicherlich in die Richtung geführt werden, auch mit den allgemeinen Floskeln, die ich gerade kritisch versucht habe, mal zu betrachten, nämlich die Lebenserwartung steigt, dann können wir doch auch länger arbeiten. Nein! Meine Prognose ist, man wird versuchen, die eigentlich notwendige Systemdiskussion über unsere Alterssicherung, dass man die versuchen wird, einmal A möglichst flach zu halten, den Ball auf dem Spielfeld, und man wird ihn auslagern in eine, von der Union ja bereits in Aussicht gestellte Rentenkommission. Da sitzen dann ganz viele Leute drin und die sollen sich dann möglichst lange Gedanken machen über das, was man ändern müsste, angeblich erst nach 2030, weil vorher kein Bedarf besteht. Und am besten wäre es, wenn der Bericht dann kurz vor dem Ende der jetzt laufenden Legislaturperiode veröffentlicht wird, weil man dann keine konkreten Schlüsse daraus ziehen muss.

Engels: Professor Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung an der Hochschule Koblenz. Vielen Dank für das Gespräch.

Sell: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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