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StartseiteDie neue Platte"Replay Debussy”06.07.2003

"Replay Debussy”

Produced by Christian von Borries

Die großen Werke der Musikgeschichte haben es schwer. Sie werden hundertfach eingespielt, so dass wir schließlich meinen, Stücke wie Bachs Toccata oder Beethovens Fünfte tatsächlich zu kennen. Wirklich bekannt sind aber meist nur bestimmte Sätze oder Themen, die auf dem heimischen CD-Player oder in Funk und Fernsehen ewig wiederholt werden.

Michael Arntz

Da tut es Not, sich einmal intensiv mit diesen Klassik-Highlights zu beschäftigen. So geschehen jetzt im Falle Claude Debussys. - Sein wohl berühmtestes Stück "Prélude à l'aprés-midi d'un faune" wurde zum thematischen Ausgangspunkt für eine gewagte musikalische Neubeleuchtung.

Der Berliner Autor und Musiker Christian von Borries hat zehn international renommierte Musiker eingeladen, ihre eigene Sicht des Préludes neu zu komponieren. Das Material für diese Variationen war für alle Komponisten dasselbe. Zu nennen wäre da zunächst das gleichnamige Gedicht von Stéphane Mallarmé, hier in Auszügen rezitiert von der französischen Schauspielerin Élodie Bouchez. Zur weiteren Verfügung standen der Notentext und drei historische Aufnahmen, unter anderem eine alte, knackende Mono-Einspielung unter Willem Mengelberg.

Die Resultate dieses zeitgemäßen Variations-Projekts liegen jetzt auf CD vor. "Replay Debussy", so der Titel, zeigt über siebzig Minuten lang zehn neue Versionen des Préludes. Rund hundert Jahre nach der Uraufführung erstrahlt das Werk in einem gänzlich neuen Licht. Hier ein Ausschnitt aus der Version des japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto. In vielen Wiederholungen tastet er sich behutsam vor, und die knisternden Klangdokumente entfalten langsam bislang unbekannte ästhetische Dimensionen. * Musikbeispiel: Ruyichi Sakamoto - aus: "Sakamoto's Debussy" "Replay Debussy", das heißt frei übersetzt so viel wie: "Debussy, neu aufgelegt". Und die Resultate dieser musikalischen Neu-Auflage sind so erfrischend vielfältig wie die Namen auf dem CD-Cover. Da steht das Duo Porter Ricks neben dem Kölner Künstler Paul Paulun, da findet sich der Altmeister der konkreten Musik Pierre Henry neben dem Klangartisten Alvin Lucier. Fantastische Experimente also und vielversprechende Klang-Expeditionen auf einer CD.

Das Duo Porter Ricks gehört eigentlich zur Techno-Szene. Mutig hat Produzent Christian von Borries die Grenze zwischen E- und U-Musik überschritten und auch diese beiden Musiker um eine Version des Préludes gebeten. Porter Ricks ist bekannt für eine weiche, fließende Form von Techno-Musik. Und so verstärkt das Berliner Duo vielfach die warme Klangwelt Debussys durch Obertonmanipulationen. Die heiße, flirrende Sommeratmosphäre in Mallarmés Gedicht - bei Porter Ricks ist sie sinnlich unmittelbar zu erleben. * Musikbeispiel: Porter Ricks - Porter Ricks Mix Das bemerkenswerte Variations-Projekt "Replay Debussy" überzeugt nicht nur aufgrund der kompositorischen Resultate - zuletzt hörten Sie "Porter Ricks Mix" aus der musikalischen Schmiede des gleichnamigen Techno-Duos Porter Ricks.

Auch die Präsentation der CD fällt aus dem Rahmen. Sie will offenbar der grundlegenden Idee von Transparenz gerecht werden. Und so ist diese CD gut aufgehoben in der taschenbuchgroßen, sanft durchsichtigen Kunststoffbox. Ein Beiheft im üblichen Sinne fehlt, denn das Informationsmaterial liegt in losen - ebenfalls transparenten - Blättern vor.

Hier übrigens wäre eine kleine kritische Anmerkung angebracht. Die Erläuterungen liegen nur in englischer Sprache vor, und durch die oft winzige blaue Typographie auf transparentem Papier sind die Texte teilweise nur mühsam zu entziffern. Die gute Nachricht: Im Internet kann man die englische und eine deutsche Version der Begleittexte herunterladen: www.auraton.com

Von "Transparenz" geprägt ist aber nicht nur die äußere Hülle des Projekts. Eine musikalische Transparenz vielmehr vermitteln alle Variationen von "Replay Debussy". Sie stellen das Prélude klar in den Vordergrund, durchleuchten es verschiedenfarbig, gestatten dem Werk sich frei zu entfalten.

Für eine sommerleichte, luftige Version hat sich Paul Paulun entschieden. Er lässt Debussys Musik durchlaufen und kontrapunktiert das Stück mit Geräuschen, die er aus Nordindien mitgebracht hat. Eine imaginäre Filmmusik vor exotischer Kulisse, und Debussy selbst scheint langsam und voller Erstaunen durch diesen virtuellen Film zu wandern. * Musikbeispiel: Paul Paulun - aus: "29° 57'N | 78° 10'E" Ein Ausschnitt aus Paul Pauluns Beitrag für die neue CD "Replay Debussy"; seine Nordindienreise hat der Komponist auch im geographisch geprägten Titel verewigt. Das Stück heißt: 29 Grad 57 Minuten Nord - 78 Grad 10 Minuten Ost.

"Replay Debussy" ist eine überzeugende Variationssammlung zum Thema "Prélude à l'aprés-midi d'un faune". Die CD lebt von der Freude an dem Stück, und sie weiß diese Freude auch zu vermitteln. Natürlich verraten die neuen Stücke viel über die zeitgenössischen Kollegen von Debussy. Doch das Projekt als Ganzes darf man auch begreifen als "grand apéritif musical". Denn dieser Cocktail macht tatsächlich wieder Appetit aufs Original, nur dass man dem Prélude von nun an mit neuen Ohren lauschen wird. * Musikbeispiel: Pierre Henry - aus: "Par les grèves ..."

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