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StartseiteKultur heuteEin "surrealer Krimi" von Ulrike Syha 01.03.2015

"Report" am Schauspiel Leipzig Ein "surrealer Krimi" von Ulrike Syha

Um eine fiktive Megacity geht es in dem Roman-Projekt "Der Korridor" der Dramatikerin Ulrike Syha. Teil eins "Epizentrum" ist bereits als Hörspiel erschienen. Im Leipziger Schauspiel ist jetzt Teil zwei auf der Bühne zu sehen. Eine Spurensuche durch mehrere Zeitzonen, Verheddern nicht ausgeschlossen.

Von Hartmut Krug

Weiterführende Information

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Ulrike Syha ist eine erfahrene und erfolgreiche Dramatikerin. Doch die Auftragsarbeit, die sie unter dem Titel "Report" dem Schauspiel Leipzig lieferte, verheddert sich zwischen nur behaupteten Realitäten und bedeutsamen Fiktionen. Sie greift thematisch weit aus, bleibt aber recht vage in den Figurenbeschreibungen. Es ist eine Art surrealer Krimi und zugleich ein Beziehungsstück. Das sprachlich überzeugt, aber sich thematisch wie dramaturgisch eher in allzu viele Bedeutungsrichtungen bewegt.

Erzählt wird von einer Spurensuche in einer fiktiven Megacity. Hier wandern Syhas Figuren durch mehrere Zeitzonen der Stadt und ihrer Entwicklung.

Der Archäologe Ben Martin wird von Exfrau und Exchefin in einen Kriminalfall hineingezogen. Bei archäologischen Ausgrabungen im oberen Stockwerk eines Geschäftshauses sind die Leiche einer jungen Frau und eine für die Wissenschaft wichtige Landkarte gefunden worden. Doch Leiche und Karte verschwinden während der polizeilichen Untersuchungen. Ben jagt durch die Stadt hinter der Karte her und gerät dabei mit einem Journalisten und korruptem Geheimdienstler sowie mit der Agentin einer anderen Fraktion aneinander. Irgendwie geht es um einen politischen Hoffnungsträger, der aus dem Mordfall herausgehalten werden soll. Auch ein geheimnisvoller Khan, eine Art guter Pate, wird erwähnt. So, wenn Ben mit dem Taxi in eine Seitengasse einbiegt:

Fahrer: "Die Gegend ist sicher, keine Bange. Gab unlängst einen Erdrutsch."
Ben: "Ach ja?"
Fahrer: "Und dann kam Khan mit seinen Leuten und hat aufgeräumt. An einem einzigen Nachmittag, ohne jede Unterstützung von denen da oben logischerweise."
Ben: "Er macht eine vage Geste Richtung Berge, während er mit der anderen Hand nach der Kautabakschatulle greift."
Fahrer: "Sie haben doch sicher schon von ihm gehört. Die Leute verehren ihn wie einen Heiligen."

In der wuchernden Stadt brodelt das Leben, es demonstrieren die Hafenarbeiter und überall stehen die Autos im Stau. Ben gerät bei seiner vergeblichen Suche an immer den gleichen Taxifahrer, der gezeigt wird als ein munterer Durchblicker durch das Völkergemisch einer teils schon wieder von Pflanzen überwucherten Stadt.

Ulrike Syhas Erzählztext als sinnfreies Spielmaterial 

Regisseur Michael Talke hält sich vom angestrengten tieferen Sinn des Stückes eher fern und rettet sich erfolgreich in den reinen Spielwitz. Acht Schauspieler werfen sich dafür in die vielen Rollen. Weil der Regisseur Syhas Erzähltext als teilweise sinnfreies Spielmaterial nimmt, werden die Figuren mit ihren Problemen auch als Klischees deutlich. Was dem Publikum sichtlich gefiel.
Syha erzählt, aber Talke führt zu Beginn den Erzähler Ben vor, wie dieser, dabei den Text korrigierend, aus dem Manuskript vorliest.

Ben: "Die Stadt lebt das Jetzt. Sie bekennt sich zum Jetzt, ungeachtet der Tatsache, dass man nicht in allen Winkeln dieser Häuserstätte - schon rein optisch - das selbe Jahrhundert schreibt."

Ben sitzt dabei auf einem der vielen aufgestapelten weißen Kartonblöcke auf der Bühne, hinter denen der Taxifahrer in einem mit seiner Pappfront nur angedeutetem Fahrzeug hervorkommt. Oft bewegen die Darsteller lautlos die Lippen, während ihre Stimmen aus dem Off ertönen und dabei auch schon mal effektvoll verfremdet in der Stimmlage wechseln. Und wer hier raucht, der macht das in akustisch überlauter Verdeutlichung.

Positiver Anklang beim Publikum

Wie vieles ist das nicht mehr als ein netter Gag, mit dem aber Talke immerhin die Erzählung der Autorin in szenische Bewegung bringt. Polizisten sind bei ihm aggressive Abziehbilder in weißen Shirts und mit Schulterhalftern, und manchmal gleichen sich die Schauspieler als Kahlköpfe bis zur Undeutlichkeit an. Es gibt etliche schöne und fantasievolle Spielszenen, doch die Videos, die während der Taxifahrten gezeigt werden, passen, warum auch immer, nicht allzu sehr zu dem, was gerade beschrieben wird. Aber eine moderne Inszenierung ohne Videos ist heutzutage wohl nicht denkbar.

Insgesamt gefiel dem Publikum der von Regisseur und Schauspielern in die muntere Unterhaltsamkeit getriebene Abend sehr. Doch ob er uns wirklich etwas Wichtiges oder Neues zu erzählen vermochte, scheint fraglich.

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