Freitag, 14.12.2018
 
Seit 07:35 Uhr Börse
StartseiteSprechstundeMit Trommeln gegen psychische Störungen20.12.2016

ReportageMit Trommeln gegen psychische Störungen

Musiktherapie hat in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mittlerweile ihren festen Platz gefunden. Sie soll die Entwicklung und Identität der Patientinnen und Patienten fördern. Ein Instrument eignet sich besonders gut, um über Töne den eigenen Körper zu spüren.

Von Mirko Smiljanic

Eine Trommel (um 1900) ist am 21.11.2014 im Kölnischen Stadtmuseum in Köln  (dpa/ picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Mit Musiktherapie kann man das Selbstbild und die Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der gesprochenen Sprache verbessern. (dpa/ picture alliance / Rolf Vennenbernd)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Musiktherapie für psychisch Kranke Wenn Töne heilen

Interview über die Auswirkung von Musik bei Operationen

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Köln. Vier Mädchen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren sitzen sich in einem kleinen Kreis gegenüber. Jede hat eine Trommel vor sich, ein fünftes Mädchen steht ebenfalls mit einer Trommel in der Mitte des Kreises.

"Hier geht es hauptsächlich um soziale Kompetenzen, die zu stärken, rauszufinden, wo sind meine Grenzen, was tut mir gut, was brauch ich, damit ich gut in Kontakt treten kann,…" erklärt Teresa Schlummer. Die Regeln der fast möchte man sagen "Musiksession" sind denkbar einfach, in ihrer Wirkung hat sie es aber in sich. 

"Es steht eine Trommel in der Mitte mit zwei Schlegeln, diese Trommel muss gleich die ganze Zeit durchgespielt werden, wobei es immer wieder andere Spieler gibt oder Spielerinnen, das heißt, sie müssen versuchen, diese Schlegel mehr oder weniger im Takt weiter geben zu können, so dass das nicht aufhört."

Nicht jede möchte im Mittelpunkt stehen

Los geht’s. Das Mädchen in der Mitte trommelt, die anderen vier trommeln um sie herum, dann der erste Wechsel: Ein außen trommelndes Mädchen löst die in der Mitte trommelnde ab, die wiederum wechselt auf den freigeworden Platz, und so weiter. Klingt einfach, ist es aber manchmal gar nicht.

"Also, man hat darauf gewartet, dass die anderen kommen und hat die so bittend angeguckt, dass man halt schnell aus der Mitte rausmöchte, weil es eben unangenehm ist, das auszuhalten. Ich steh jetzt in der Mitte, ich steh im Mittelpunkt, ich dreh auch manchen von denen, die dabei sind, den Rücken zu, das auszuhalten, das ist nicht leicht. Gleichzeitig, die andere will vielleicht auch nicht, also spiel ich vielleicht doch jetzt lieber länger, das heißt, in dem Moment, in dem wir dieses Spiel spielen, gehen bei jedem einzelnen zum Teil die gleichen oder andere Gedanken ab, was ist, wenn ich in der Mitte stehe, spiel ich richtig, spiel ich falsch, bin ich zu hören, will ich das überhaupt?"

Ein paar Mal steht jedes Mädchen in der Mitte – und schon lassen sich erste Unterschiede sehen. Manche gehen vorsichtig, fast schon schüchtern in die Mitte und sind froh, wenn sie wieder nach außen wechseln dürfen, anderen macht es weniger aus, im Mittelpunkt zu stehen:

"Also mir hat es eigentlich Spaß gemacht, es war ein bisschen mit Spannung, aber sonst ging es, es war eigentlich ganz schön. Das sind Themen, die wir jetzt nach so einem Spiel besprechen würden, um noch mal auszuprobieren, was verändert sich, wenn ich weiß, was bei den andern abgeht im Kopf."

Das Spiel mit der Trommel als Themenlieferant für nachfolgende Gespräche. Was aber, wenn das Gespräch kaum zustande kommt? Wenn der Junge oder Mädchen nicht aus sich herauskommt? Auch für solche Situationen gibt es ein Instrument.

Lernen, miteinander zu musizieren

Teresa Schlummer sitzt mit einer 14-Jährigen am Klavier, das Mädchen wird wegen einer Essstörung behandelt. Beide improvisieren und nehmen über das gemeinsame Spiel Kontakt zueinander auf:

"Ich höre ja, was sie spielt, sie hört, was ich spiele, und manchmal ist es, dass ich mehr drauf eingehe, manchmal ist es, dass der Patient mehr darauf eingeht, was ich spiele, das ist so ein ineinander gehen, wir hören gemeinsam zu und spielen gleichzeitig"

Was aber noch ein wenig uneinheitlich klingt, es ist eher ein nebeneinander spielen als ein miteinander – die Kommunikation zwischen dem Mädchen und seiner Therapeutin stimmt noch nicht. Klar, der Reporter ist schon ein Störenfried, aber beim zweiten Einstieg hört sich das gemeinsame Spiel schon ganz anders an.

"Was sich jetzt gerade schon verändert hat, ist, die angefangenen tiefen Töne am Anfang, die waren jetzt gar nicht mehr so tief, sondern die Melodie ist weiter zu den höheren Klängen gewandert, da war jetzt schon in dieser kurzen Zeit eine Veränderung."

Das Mädchen lächelt, ein erster vorsichtiger Kontakt zwischen Patientin und Therapeutin bahnt sich an.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk