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StartseiteSprechstundeReportage: WG für Demenzkranke26.02.2013

Reportage: WG für Demenzkranke

Viele Angehörige scheuen sich, ein Heim für Demenzkranke als "Endstation" in Erwägung zu ziehen. Aber es gibt auch Demenz-Wohngemeinschaften. Sechs bis zehn Kranke leben dort zusammen und werden durch professionelles Pflegepersonal betreut. Ein Besuch in Köln.

Von Thomas Liesen

Eine Wohngemeinschaft für demenzkranke Senioren (picture alliance / dpa /Bernd Thissen)
Eine Wohngemeinschaft für demenzkranke Senioren (picture alliance / dpa /Bernd Thissen)

"Hilde, rutsch mal näher an den Tisch ran. So. Schau mal, hier habe ich Dir schon Kaffee eingegossen. Magst du dir Milch reintun?"

"Ja."

Tanja Reiner sitzt zusammen mit der WG-Bewohnerin Hilde am Frühstückstisch der großen Gemeinschaftsküche. Die Altenpflegerin betreut zusammen mit einer Kollegin insgesamt zehn ältere Damen, die alle unter Demenz leiden und in der WG wohnen.

"Hier stell ich dir schon mal die Marmelade hin und dann kannst du das prima selber machen. Das klappt doch. Gut!"

Die Pflegekräfte nehmen sich viel Zeit, gehen sehr geduldig mit den alten Damen um, versuchen, sie noch möglichst viel selbst machen zu lassen. Das ist Teil des Pflegekonzepts, sagt Jens Flaig. Der Altenpfleger hat die WG vor vier Jahren gegründet. Mittlerweile ist er Geschäftsführer mehrerer Demenzwohngemeinschaften in Köln.

"Das Besondere ist, dass wir den Aspekt auf den hauswirtschaftlichen Bereich legen, das heißt, wir versuchen, die Menschen mit in den Alltag zu integrieren. Das heißt zusammen kochen, einkaufen gehen, Wäsche waschen, sauber machen auch, den normalen alltäglichen Alltag auch darzustellen."

Jede WG-Bewohnerin hat ein eigenes Einzelzimmer, ansonsten teilt man sich eine Küche, ein Wohnzimmer und mehrere Bäder. Es wird immer noch gefrühstückt und Tanja Reiner hat sich einer weiteren Mitbewohnerin zugewandt. Bei der Dame ist die Demenz schon weit fortgeschritten. Die Verständigung wird dann zum Problem.

"Sie kann einfach nicht mehr sprechen, das ist Folge der Erkrankung. Das ist schon schwierig, klar. Weil man Sachen zum Teil erahnen muss und auch viel von der Mimik ausgeht, ob man jetzt richtig liegt."

"Renate, schau mal. Guck guck …"

"Viele haben ja nicht mehr die Möglichkeit, sich in unserer Realität zurechtzufinden, also müssen wir versuchen, in deren Realität einzutauchen. Das ist schon eine Herausforderung, die aber auch sehr spannend ist und viel Freude bereitet, weil wir bemüht sind, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind und schaffen es dann doch immer wieder, sie quasi in unsere Welt zu integrieren."

Seit über einem Jahr lebt auch die 79-jährige Anne-Maria Breuer in der WG. Sie geht mit Jens Flaig in ihr Zimmer, sie ist froh, dass sie alles mit Möbeln aus ihrer alten Wohnung einrichten konnte.

"Das ist mein Bett, das sind die Möbelchen, das ist die Couch, die haben wir auseinander getrennt, weil die sonst zu groß wäre für hier hinein."

Die Wände sind voller Fotos. Ein altes Schwarz-Weiß-Bild zeigt Anne-Maria Breuer als junge Frau von Anfang 20.

"Hier, das bin ich voriges Jahr. Und das sind die Kinder."

"Die Ruhe bewahren, das ist eigentlich immer die größte Herausforderung. Das erleben wir oft bei vielen Angehörigen, die dann zu uns kommen, wenn es schon akut ist. Die dann auch sagen: Ich werde langsam aggressiv. Und das ist auch eine Herausforderung für jede Pflegekraft, immer ruhig zu bleiben, denn es kann auch schon mal sehr schwierig und anstrengend sein."

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