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StartseiteSonntagsspaziergangAbseits der Touristenpfade05.01.2020

Republik MoldauAbseits der Touristenpfade

In der Republik Moldau – oft auch Moldawien genannt – steckt der Tourismus noch in den Kinderschuhen. Dabei hat das Land seinen ganz eigenen Reiz: Mit einer größeren Weinanbaufläche als Deutschland bietet es kulinarische, aber auch landschaftliche und kulturelle Schätze.

Von Stefan May

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Landschaftsschönheit Orheiul Vechi (Deutschlandradio/Stefan May)
Landschaftsschönheit Orheiul Vechi (Deutschlandradio/Stefan May)
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Mitten im Zentrum von Moldaus Hauptstadt Chişinău ist der Hauptboulevard Ştefan cel Mare şi Sfânt für den Verkehr gesperrt. Die O-Busse müssen ihre Stangen abhängen und eine Umleitung fahren, Autos werden über Parallelstraßen weiter dirigiert. Denn da, wo sich am Boulevard die orthodoxe Kathedrale und das Regierungsgebäude gegenüberstehen, drängen sich an diesem Wochenende 67 Stände aneinander. Es ist nationales Weinfest. Wein, das ist eines der Haupterzeugnisse im agrarisch geprägten Moldau. Wer weiß schon, dass das kleine Land östlich von Rumänien mehr Weinanbaufläche hat als Deutschland? Kein Wunder, dass Kamelia Hirbu am Informationstisch sich besonders stolz auf den moldauischen Wein zeigt:

"Besonders der Süden des Landes ist berühmt für seine wunderbaren Weingärten. Wir haben Kilometer, Tausende Quadratkilometer an Weingärten. In erster Linie sind wir sehr konzentriert auf die Herstellung von Wein aus Biotrauben. Ich glaube, das ist etwas, das unseren Wein so besonders macht. Zum Beispiel haben wir den Rara Neagra, der reichlich Carbonate enthält, und wir haben spezielle Trauben für Eiswein."

Vom Versuch die Weingüter zu besichtigen

Den kennt man auch von anderswo, jenen Süßwein, der nach dem ersten Frost, früh am Morgen oder spätabends geerntet wird. An Kamelias Infotisch kann man ein Gutscheinheft erwerben, erhält dazu ein Plastikprobierglas an einem Band umgehängt und kann dann an zwölf beliebigen Ständen je eine Marke zur Weinprobe einlösen. Die Weinbauern bieten Rot- und Weißwein an, trocken, halbtrocken, süß. Hinter den Ständen der Weinerzeuger ziehen Rauchschwaden in die Höhe. Dort, im Park vor der Kathedrale, sind Grillbuden aufgestellt. Die Menschen sitzen an Holztischen und verzehren zum Wein Kottelets, Hühner, Wachteln oder salzige und süße Strudel, Placinte genannt. Das Fest macht Hunger, auch darauf, mehr über den Wein zu erfahren.

Nationales Weinfest in Chişinău  (Deutschlandradio/Stefan May)Nationales Weinfest in Chişinău (Deutschlandradio/Stefan May)

Und so sitze ich am nächsten Tag in einem klapprigen Autobus nach Cricova. Es gibt auch organisierte Touren zum wenige Kilometer außerhalb von Chişinău gelegenen Weingut, doch ich möchte das Land authentisch und nicht durch die getönten Scheiben eines klimatisierten Kleinbusses erleben. Auf die Frage nach den Weinkellern von Cricova sagt die Schaffnerin: nächste Haltestelle.

Doch es sind noch mindestens zwei weitere Stationen, die ich noch zu gehen habe, vorbei an Häuschen in verwachsenen Gärten und einer abweisenden Gefängnismauer. Am Ziel angelangt beweist sich, dass Erfolg hochmütig machen kann: Cricova gibt keine Interviews, sagt die Dame an der Kasse der moldauischen Touristenattraktion Nummer eins kühl und lässt mich stehen. Deshalb beschließe ich, nicht weiter zu ergründen, warum ausgerechnet hier etwa die Weinvorräte von Hermann Göring aufbewahrt sind und nehme den nächsten röchelnden Autobus zurück nach Chişinău. Zumal der Preis für eine Kellerführung fast das 50fache eines Busfahrscheins ausmacht und mir deshalb einigermaßen überzogen erscheint.

Doch auch mit einem zweiten Weingut, dem angeblich sehenswertesten in Moldau, hat es einen Haken: Jenes von Milesti Mici, auch nicht weit von der Hauptstadt entfernt, hat es mit seinen 50 Kilometern an unterirdischen Weinkellern ins Buch der Rekorde gebracht. Allerdings werden dort Führungen nur im Pkw-Konvoi angeboten, weshalb man nur im Taxi, im eigenen oder im Mietwagen teilnehmen kann.

Tags darauf steuere ich den riesigen Markt der Stadt Chişinău an. Wohl nichts, was sich hier nicht finden lässt: Berge von Tomaten, Ingwerknollen und Kartoffeln stapeln sich in den Kisten der Gemüsebauern, zu beiden Seiten langer Gänge werden Suppenpulver, Zahnbürsten, Reisekoffer, Schneidebretter und Reisigbesen angeboten. In den Fleisch- und Fischhallen darf man nicht zimperlich sein. Bottiche und Aquarien wurden mit Aalen und Karpfen vollgestopft, die dort verzweifelt die letzten Schnapper ihres Lebens tun. Tierhälften hängen von Fleischerhaken, Hühnerleiber recken wie bei Wilhelm Busch ihre Beine himmelwärts. Nackte Hasen, denen an den Läufen das Fell nicht abgezogen wurde, wirken, als hätten sie Pelzstiefel an.

Landschaft mit Geschichte

Vor dem Markt steht ein weißer Kleinbus neben dem anderen, es handelt sich um den zentralen Busbahnhof von Chişinău. Ein Überbleibsel aus früheren Zeiten in nahezu allen ehemaligen Sowjetstaaten: Die Institution der Marschrutkas, Sammeltaxis, die losfahren, wenn sie voll sind. Ich nehme einen Bus, dessen Schild hinter der Frontscheibe Orheiul Vechi als Ziel anzeigt. Eine Stunde später sind wir an jener landschaftlichen und kulturhistorischen Besonderheit von Moldau, die sogar für das UNESCO-Weltkulturerbe nominiert ist, wie die Führerin Nelly erzählt:

"Wir haben ein Fundament der Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert, wir haben drei öffentliche Bäder, die im 14. Jahrhundert von Tataren aus der Mongolei gebaut wurden. Sie haben eine Stadt errichtet, die sie Shehr al-Jahid genannt haben, in der Tradition einer Neustadt. Aus dem 14. Jahrhundert haben wir zwei Karawansereien und das Fundament einer Kirche und einer Moschee, die sich im Zentrum des Gebiets, im Vorgebirge von Orheiul Vechi, befinden."

Die bizarre Landschaftsform hat schon früh Menschen angelockt. Der Fluss Raut hat hier eine Doppelschlinge in Form eines Fragezeichens in die Landschaft gegraben, die nun so aussieht, als hätten sich zwei Landzungen von entgegengesetzten Seiten dem geraden Lauf des Wassers in den Weg geschoben. Die äußeren Ufer der Flussbiegungen sind steil abfallende Felsen, die der Landschaft etwas von einem natürlichen Amphitheater geben. Eine deutsche Familie tritt soeben aus dem kleinen Museum und schickt sich zur Erkundung des Geländes an:

"Mich hat mein verrückter Mann hierher gebracht. Also bitte einmal rüber schwenken."

"Ich bin gerne in einem Land, wo keine Touristen vorhanden sind. Was ich auch nicht kannte. Das ist 'ne Ecke, wo ich noch nie war, wo es ein bisschen schräg ist, und das ist schon ganz praktisch."

Felsenkloster und Naturparadies

Auf dem Parkplatz vor dem Museum steht ein Mietauto mit ukrainischem Kennzeichen. Davor studieren vier Männer eine Geländekarte. Sie kommen aus Madrid und dem Baskenland:

"Wir machen eine Fahrt, die von Odessa über Transnistrien nach Kiew führt. Wir haben eine Route von sieben Tagen ausgewählt, eine Woche, auf der man mehr oder weniger gut dorthin kommt, weil man über einen Pass auch die ukrainischen Karpaten besucht, was interessant sein dürfte. In Moldau speziell gibt es zwei Sehenswürdigkeiten, die uns gefallen, von denen eine das Kloster Orheiul Vechi ist, das an einem schönen Tag offenbar ein sehr fotogener Ort ist."

Felsenkloster Orheiul Vechi (Deutschlandradio/Stefan May)Felsenkloster Orheiul Vechi (Deutschlandradio/Stefan May)

Der Tag ist schön, und das angesprochene Felsenkloster liegt in Sichtweite auf dem Hügelrücken einer der beiden Landzungen. Wenige Meter unter einer Kapelle führt ein kurzer Tunnel zu den Mönchszellen, die so niedrig sind, dass deren Bewohner sich stets in gebückter Gebetshaltung bewegen musste. In einer kleinen, in den Fels gehauenen orthodoxen Kapelle riecht es nach Weihrauch, Ikonen hängen an den Wänden aus Stein, bleistiftdünne Kerzen stecken in mehreren Ständern. An der linken Seite führt eine Tür auf eine Steinterrasse, die senkrecht nach unten ins Flusstal abfällt.

Hat man das Kloster und die benachbarte Kirche hinter sich gelassen, hat man auch die Touristen hinter sich gelassen, die sich mit dem Aufstieg zum Kloster und dem Ausblick begnügen. Ungestört kann man auf dem Kamm der Landzunge die Abbruchkante entlang spazierend eintauchen in ein Naturparadies. Nussbäume, Hagebuttensträucher, Maisfelder, Weingärten und Steinkruzifixe säumen den Weg. Falter flattern, ein Bauer überholt eilig mit seinem Pferdefuhrwerk. Und wer Glück hat, begegnet seltenen Vögeln.

Unten am Fluss Raut ragen die Grundmauern des Tatarenbades aus dem Gras, Reste der Zitadelle stehen ein Stück weiter beidseits der Straße.

In den beiden Dörfern am Fluss lassen lediglich Hühner und Hunde von sich hören, ab und zu auch Gänse oder Enten, die ohne Eile zwischen den grün und blau gestrichenen Metalltoren der Bauernhöfe und bunten Brunnenhäuschen die unbefestigten Dorfstraßen entlang watscheln. Eine uns nicht mehr vertraute Ruhe liegt über Orheiul Vechi, das ein Bild vermittelt, wie es nicht viel anders bei uns auf dem Land vor vielen Jahrzehnten war. 

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